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Die Wahrheit · 1929-09-20 · Heft 38 (20.9.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
– (sequence 9)
Language
German
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die Wahrheit Seite 9 lichkeit einer derartigen Argumentation Hegt auf der Hand. Führen doch die national-jüdischen Tendenzen letzten Endes dazu, die Ungarn, Deutschösterreicher und Deutschen jüdischer Abstammung, die sich aufs innigste mit ihrem Volkstum verbunden fühlen, aus der Gemeinschaft ihrer Nationen zu eliminieren und s'm, wie es ctife Völkischen ja seil Jahren vertreten, zu einem Fremdkörper im eigenen Vaterland werden zu lassen. In der gleichen Richtung bewegen sich die tief bedauerlichen Ausführungen eines Zionistenführers aus der Tschechoslowakei in dem der Minderheitenfrage gewidmeten Juliheft der „Süddeutschen Monatshefte". In einem Autsatz über die jüdischen Minderheiten wird dort festgestellt, die jüdischen Minderheiten kämpften „um die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes als Minderheiten der Minderheiten und das jüdische Volk kämpfe um die Verwirklichung seiner rechtlichen, sozialen und psychischen Gleichberechtigung mit den andern Völkern", Ausführungen, die an dieser Stelle bei dem in der Hauptsache wohl rechts eingestellten Leserkreis dieser Zeitschrift besonders bedauerlich erscheinen. Die Beispiele einer derartig hemmungslosen nationaljüdischen Agitation, ließen sich beliebig vermehren. Hat doch sogar der jüdische Völkerrechtler Landauer in seinem sonst wertvollen und gründlichen Buch über die jüdischen Minderheiten allen Ernstes nachzuweisen versucht, daß nunmehr die jüdische Nation Subjekt des Völkerrechts geworden sei. Diese Andeutungen mögen jedoch für heute genügen. E:iie eingehendere Betrachtung dieser in ihrer Gefährlichkeit gar nicht zu unterschätzenden Tendenzen würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Es soll vielmehr, um das Bild abzuschließen, noch kurz auf die gegenwärtige Situation der jüdischen Minderheiten eingegangen werden. Mit. Ausnahme der Juden in der Türkei und in Ungarn nehmen heute Minderheitsrechte für sich die Juden aller osteuropäischen Länder in Anspruch. Fast überall bilden sie eigene Fraktionen in den Parlamenten, so in Lettland, Estland, Rumänien und Polen. In Litauen waren sie bis zum Beginn der Diktatur Woldemaras ebenfalls im Parlament vertreten. Besonders günstig ist ihre Stellung in Estland, dein Musterlande des Minderheitenschutzes. Das dort in Kraft befindliche vorbildliche Kulturautonomiegesctz gibt ihnen trotz ihrer geringen ZaW die Möglichkeit einer auch-von öffentlichen Mitteln mitunterhaltenen eigenen Kultusselbstverwaltung. Ebenso ist ihre Lage in Finnland besonders günstig, dessen Regierung stets ebenfalls in vorbildlicher Weise den Wünschen der Minderheiten entsprach. Am ungünstigsten dürfte heute die Situation der Juden in Rumänien sein. Rumänien, dessen Pogrompolitik ja bereits seit Dezennien berüchtigt war, wurde zum ersten Mal auf dem Berliner Kongreß von 1878 einem völkerrechtlichen Minderheitenschutz zugunsten der Juden unterworfen. Es ist auch historisch interessant und bezeichnend, daß damit die erste völkerrechtliche Intervention zum Schutze nationaler Minderheiten zugunsten der Juden in Rumänien erfolgen mußte. So hat die Behandlung der rumänischen Juden in den Vereinigten Staaten von Amerika bereits im Jahre 1902 zu einer energischen Intervention bei der rumänischen Regierunu Veranlassung gegeben. Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß, wie von nationaljüdischer Seite häufig verschwiegen wird, eiii erheblicher Teil der in Groß-Rumänien lebenden Juden die Geltendmachung von Minderheitsrechten aus nationaljüdischeu Tendenzen überhaupt entschieden ablehnt. So fühlte die überwiegende Mehrzahl der Juden Alt-Rumäniens sich bis zum Kriegsende als „Rumänen jüdischer Abstammung". Sie hatten sich nationalpolitisch assimiliert. Auch heute noch scheinen die führenden Männer der „Vereinigung der rumänischen Juden'" ein Bekenntnis zum Nationaljudentum abzulehnen. Welter hält aber auch ein großer Teil der Juden in den von Ungarn abgetrennten Gebieten, insbesondere in Transsylvanien, dem Ungartum die Treue, sie fühlen sich noch heute als Magyaren mosaischer Konfession. Die von der Regierung geduldeten berüchtigten judenfeindlichen Ausschreitungen von Klausenburg. Großwardefti, Kisch'mew, systematische Schikanen bei den Bakkalaureatsprüfungen (das Bestehen dieser Prüfung ist Voraussetzung des Universitätsstudiums; die jüdischen Schüler sowie Angehörige der deutschen und ungarischen Minorität usw. fallen zum größten Teil durch) treiben die verbitterten Juden Rumäniens immer mehr in die Arme der nationaljüdischen Propaganda- Ungeklärt ist die Lage in der Tschechoslowakei. Wenn auch, nicht zuletzt durch den unklugen Antisemitismus der Sudetendeutschen, erhebliche Teile der Juden dem Deutschtum verlorengingen und sich dem National-Judentum zuwandten, so stehen doch heute noch hervorragende Juden im deutschen Lager. So ist z. B. der bekannte deutsche Stadtrat und Minderheitenrichter Dr. Epstein-Prag Jude. Wie stark dort die national jüdische Bewegung bei Geltendmachung von Minderheitsrechten für die Juden ist, läßt sich im Augenblick nicht überschauen. Ein Abgeordnetenmandat haben jedoch die Nafonaljuden in der Tschechoslowakei bisher trotz wiederholter Anstrengungen nicht errungen. Daß in dem übrigen Zentral- und Westeuropa die Juden keine nationale Minderheit darstellen, braucht hier nicht besonders betont zu werden. Seit dem von Hugo Preuß entschieden zurückgewiesenen Vorstoß des Abgeordneten Cohn im Verfassungsausschuß der deutschen Nationalversammlung haben national jüdische Kreise in Deutschland es nur selten gewagt, die Stellung als nationale Minderheit auch für die deutschen Juden in Anspruch zu nehmen. Tief bedauert muß jedoch werden, daß österreichische Zionisten es für richtig hielten, bei einem der letzten Nationalitätenkongresse als Vertreter einer jüdischen Minderheit in Deutschösterreich aufzutreten und die Zulassung dieser Minderheit zu beantragen. Der Nationalitätenkongreß hat erfreulicherweise diesen Antrag abgelehnt, da er kein nationalpolitisches Kuriositätenkabinett darstelle und nur faktische, d. h. zahlenmäßig nicht zu unbedeutend in Erscheinung tretende Volksgruppen als Minderheiten anerkennen will, nicht irgendWtölche Splittergruppen, wie z. B. die Friesendeutschen, aufnehmen will. Diese kurze Betrachtung dürfte die Bedeutsamkeit des Minderheitsproblems auch für uns Deutsche jüdischer Abstammung klarlegen. Wir werden der Entwicklung der Frage mit gespanntester Aufmerksamkeit folgen, wo es angebracht erschein^, unsere Unterstützung gewähren, wo jedoch unsere vitalsten Interessen verletzt werden, zu energischer Abwehr bereit sein müssen. QlCTTen* Zwei Kundgebungen katholischer Priester haben in den letzten Tagen lebhaftes Interesse auch in jüdischen Kreisen erregt. Pater Dr. jur. Bartholomäus F i a 1 a schrieb in einem Zeitungsartikel, der die Juden für die Heimatschutzbewegung gewinnen will, unter anderem: „Wenn uns antisemitische Tendenzen vorgeworfen werden, so ist dies ein Unrecht, denn es handelt sich uns nicht um einen Kampf gegen das Judentum an sich, sondern um einen Kampf gegen den Abschaum der Juden, der sich in der marxistischen Führung zeigt. Dieser Abschaum wird aber auch von allen anständigen Juden abgelehnt." Pater Fiala, der als Priester sich von antisemitischen Tendenzen frei zu wissen scheint, verrät doch sofort, wie antisemitisch verseucht die Atmosphäre ist, in der er atmet. Er KLEIDERHAUS SCHACHTER XII., MEIDt. HAUPTSTR. 26 - TU. R 31-3-76 Größte Auswahl in fertigen Herren- und Knabenkleldem in besterQualität JtT Eisrene Werkst&tte ffir fetee llaS«rlMtt.*«fe£ %r \i ' m lip . i ff >'ff •■

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