Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-09-20 · Heft 38 (20.9.1929) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 38 (20.9.1929)
Date
1929-09-20
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064234--17478-3087604
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 8 DIE WAHRHEIt stöhlen einige verbotene Aufnahmen, einige Anwälte drücken dem Angeklagten die Hand. Ein Justizwachmann führt ihn ab. Die Bühne dieses dramatischen Schicksalsspieles wird leer. Nachmittags ist es lebendiger, der Saal überfüllt. Die biederen Innsbrucker haben erst aus den Frühausgaben der Zeitungen erfahren, daß man kein Protektionskind sein muß, um in den Gerichtssaal zu gelangen. Um fünf Uhr nachmittags wird es im Saal schon dunkel, eine Mauer vor den Fenstern hält die Sonne schon ab. Der Vorsitzende läßt das elektrische Licht aufdrehen. Der scharf beleuchtete Saal mit den vielen Menschen gewinnt ein anderes Aussehen. Man verhandelt gerade die angebliche Tat. Der junge Halsmann wehrt sich. Man greift zur Planskizze des Tatortes, der Vorsitzende ersucht die Geschworenen, dasselbe zu tun. Manche hören auch so zu. Später gestattet der Vorsitzende dem jungen Unglücklichen, am nächsten Tag früh das Grab des Vaters zu besuchen. Es ist doch morgen Jahrzeit, das erste Jahr, und Jahrzeit für ihn — ein Jahr Untersuchungshaft, fern von der Heimat im fremden Land.. Das hiesige Judentum hält sich abseits. Gerne sind sie der unglücklichen Familie mit Rat und Tat zur Seite gestanden, haben ihre Geschäfte vernachlässigt, um zu helfen. Jetzt warten sie still, wollen kein unliebsames Aufsehen erregen, um die neugeschaffene Atmosphäre in keiner Weise aus irgend einem Anlaß zu beeinträchtigen. Draußen pulsiert die sonnendurchleuchtete Fremdenstadt. Lachende Gesichter glänzen aus der. vielen Ausflugs-Autobussen. Ein Korso flutet durch die schönen Straßen. Glückliche Urlauber mit heiter sorglosen Gesichtern — noch vor einem Jahr gab es auch solche und morgen früh sagt ein tausendfach unglücklicher Jossaum seinen ersten Jahrzeit- Kadisch . . . Ing. G. B. * _ Das jüdische Minderheiten problem. Von Dr. Werner Rosenberg, Berlin. Ein Genfer Publizist hat das Jahr 1929 treffend das Jahr der Minderheiten genannt. In der Tat beschäftigt die Fräse des Schutzes nationaler Minoritäten seit Anfang des Jahres <Ee Oeffentiichkeit der Welt wie wohl kaum zuvor. Von Stresemasns Zusammenstoß mit dem polnischen Ministerpräsidenten Zateski, von dem tapferen Auftreten des kanadischen Senntors Dandurand für die Rechte der Minderheiten im Völkerbundsrat bis zur Mitgfcedertagung des Völkerbundsrats, von den bekannten deutschen Verbesserungsvorschlägen bis zu ihrem wenig rühmlichen Ende im minderheitsfeindlichen Bericht der Aäatci-Kommission wurden alle mit dem Minderheitsproblem zusammenhängenden Fragen in der deutschen und außerdeatschen Oeffentiichkeit lebhaft diskutiert und umstritten. Die Frage des Schutzes der jüdischen Minderheiten stellt mir einen Ten" des Gesamtprobleims dar. Allerdings sind die jüdischen Mfederheiien an der von Dandurand und dem Deutschen Reiche geförderten Verbesserung des Prozeßverfahrens besondeis interessiert, da die jüdischen Minderheiten, im Gegensatz zu de« meisten anderen in ein fremdes Volkstum eingekapselten Volksgruppen, keinen Mutterstaat besitzen, der im Völkerbäftdsrat ihre Interessen wahren kann. Das bisherige Verfallen, wonach nur der Völkerbundsrat über Minderheitenbeschwerden entscheiden und nur enn Mitglied des Rates die Beschwerde der Entscheidung des Kollegiums vorlegen konnte, empfanden die jüdischen Minderheiten .daher als besonders unerfreulich, da sich nur schwer ein Ratsmitglied fand, das ihre Interessen wahrnahm. B?ner der wesentlichsten Reform-' vorschlage, wonach nicht nur Ratsmitgliedern oder Mitgliedsstaaten des Völkerbundes, sondern jeder legitimierten Vertretung einer nationalen Minderheit das Appellrecht an den Völkerbund zustehen sollte, sowie das Recht, bei der Beratung und Entscheidung ihrer Beschwerde gehört zu werden, entsprach einer seit langem von den jüdischen Minderheiten aufgestellten durchaus berechtigten Forderung. Leider sind diese im Interesse Europas wie. des menschlichen Fortschritts gleich begrüßenswerten Forderungen in Madrid nicht durchgedrungen. Um die Ablehnung ein wenig schmackhafter zu machen, wurden einige unwesentliche! und belanglose Verbesserungen beschlossen. Dieser erste Mißerfolg darf und wird die Minderheiten und die berufenen Wortführer ihrer Interessen jedoch nicht hindern, ihre berechtigten Forderungen nach wie vor mit aller Entschiedenheit und allen Mitteln zu vertreten, und man darf im Interesse der Festigung des Völkerbundsgedankens hoffen, daß der Völkerbund sich in einer der. nächsten Sitzungen doch noch entschließt, zu den Grundprinzipien seiner Gründung zurückzukehren und die den Minderheiten gegenüber feierlich übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Das Minderiieütenproblem wird daher noch jahrelang im Vordergrund des Interesses stehen. Im Rahmen des Gesamtproblems wird auch der, Schutz jüdischer Minderheiten stets eine besondere Rolle spielen. Wir haben daher allen Anlaß, uns einmal mit der Frage der jüdischen Minderheiten grundsätzlich auseinanderzusetzen. Ausgangspunkt der Betrachtung muß die Feststellung sein: Es gibt kein jüdisches Volk. Mit der Gesamtheit der Westeuropäer und Amerikaner jüdischer Abstammung lehnen auch wir den Gedanken einer alle Menschen jüdischer Abstammung in der Welt umfassenden jüdischen Gesamtnation, deren nationale Minderheiten jene jüdischen Massen im Osten darstellen, die die Minderheitsiechte für sich in Anspruch nehmen, auf das entschiedenste ab. Mit einem der hervorragendsten Führer des östlichen Judentums aus Kowno, Völkerrechtslehrer und Rechtsanwalt Jakob Robinson, dem Führer der Juden im litauischen Parlament, sind wir der Ansicht, daß die jüdischen Massen des Ostens, die im Durchschnitt fast den zehnten Teil der gesamten Bevölkerung bilden, die seit Generationen ein eigenartiges nationales Leben gesellschaftlich und vielfach auch politisch von Nichtjuden getrennt führen, in geschlossenen Siedlungen zusammengeballt häufig in Flecken und Städten leben, deren überwiegende Bevölkerungsteile sie bilden, die, eine eigene Famil.i.ensprache gebrauchend, geistig tief in der vieltausendjährigen hebräischen Kultur wurzeln, einen eigenen Lebenszuschnitt, besondere Sitten. Gebräuche und Gewohnheiten kultivieren und bei denen schließlich, wie Robinson so treffend bemerkt, die Religion das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit vom frühen Morgen bis in die späte Nacht bestimmt, eine besondere, Nationalität darstellen. Sie sind, wie Robinson in einem aufschlußreichen Aufsatz in der Zeitschrift .„Nation und Staat4 im Jahrgang 1927/28, S. 98, „Die Juden Osteuropas als nationale Minderheit" überaus treffend feststellt, eine Minderheit sui generis. Von dieser Grundvoraussetzung ausgehend, werden die Juden Osteuropas bei der Wahrung ihrer Minderheitsrechte stets unsere vollste Unterstützung finden, wenn sie sich entschließen können, auf die gefährliche und utopische Ideologie von der Existenz eines „jüdischen Volkes" Verzicht zu leisten. Leider sind maßvolle und einsichtige rührer von der Einstellung Jakob Robinsohas vorläufig unter den Führern der jüdischen Minderheiten noch relativ selten. Die offizielle Repräsentanz der jüdischen Minderheiten, das „QomitS des D61egations Juives" in Paris, scheut sich nicht, in seinem Memorandum an das Adarci- Komitee festzustellen, die Juden Ungarns und der Türkei,' dste sich bekanntlich als Glieder der ungarischen, bzw. türkischen Nation fühlen und die Geltendmachung von Minderheitsrechte« auf das entschiedenste ablehnen, hätten zu Unrecht auf mre Minderheitsrechte verzichtet, der Verzicht sei daher völkerrechtlich nichtig. Da das Komitee in seinem Memorandu» vorher auch feststellt, daß die Juden Oesterreichs völkerrechtlich als Minderheit geschützt seien, wird es bei dieser Einstellung nicht weiter erstaunen, wenn das Komitee der jüdischen Delegationen nun plötzlich auch die Deutschösterreicher jüdischer Abstammung wider ihren Willen zu einer nationalen Minderheit zu stempeln versucht, und . von der gleichen Feststellung bezüglich der Deutschen jüdischer Abstammung wäre dann nur noch ein Schritt, den fanatische Nationaljuden kaum schenen würden. Die Gefähr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.