Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 immmm*mttomi> um WAükhfeif Ehren zu Grabe tragen. Es kam schließlich ein Kompromiß mit der Polizei zustande. Das Begräbnis durfte bei Tag stattfinden, der Leichenzug durfte sich durch die Hauptstraße bewegen, allein nur bis zur Post. Dann mußte er ir. eine Nebengasse zum Friedhof abzweigen. Denn belilm Jaffator. durch das dfe Hauptstraße zum Friedhof führt, fürchtete man Zusammenstöße mit den Arabern. Das Begräbnis fand tatsächlich am 20. August statt. Gegen das Jaffator war die Straße von Polizisten — die Polizei in Jerusalem ist arabisch — abgesperrt. Die Jugendlichen unter den Juden wollten diese Kette der Polizei durchbrechen und die Polizei schlug mit Knütteln auf sie los, so daß es 28 Verletzte gab .... Das politische Oberhaupt der Araber in Palästina schickte nun Agenten in alle Teile des Landes und ließ die Araber für eine große Demonstration am Freitag, den 23. August, nach Jerusalem berufen. Offiziell hieß es allerdings, er lade die Stammesbrüder zu einer religiösen Feier in der Omarmoschee ein. Wir Juden wußten aber, daß es sich um eine Demonstration handelte, daß die Araber Waffen herbeischafften und rüsteten. Wir haben das auch der Regierung mitgeteilt. Die Regierung beruhigte uns und sagte, alles sei in tiester Ordnung .... So kam der 22. August heran, der Tag vor dem Beginn der blutigen Zusammenstöße. Es war ein Donnerstag. Der Vertreter des Hochkommissärs (der Hochkommissär selber und, sein erster Vertreter weilten in England) berief die Fahrer beider Parteien, also der Araber und der Juden, zu sich, um über die Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung zu beraten und eine Versöhnung herbeizuführen. Die Vertreter der Juden waren Direktor Low von der Anglo-Palästina-Bank, Ben Zwi von der sozialistischen Arbeiterorganisation und ein Vertreter der Zionisten. Die Juden sprechen ganz offen den Verdacht aus, daß die Araber diese Zusammenkunft inszeniert haben, um sowohl die Regierung wie auch die Juden über den Ernst der, Situation hinwegzutäuschen. Die Verhandlungen nahmen anscheinend einen ganz friedlichen Verlauf und wurden am Donnerstag abends auf Montag vertagt. Man mußte daher annehmen, daß bis zum Montag Burgfrieden gehalten würde. Tatsächlich versicherte der Vertreter des Hochkommissärs am Freitag vormittags noch einigen Vertretern der Juden, daß vollkommene Ruhe herrsche, und daß daher wahrscheinlich die Fortsetzung der Verhandlungen am Montag nicht einmal mehr nötig sein werde. Trotzdem kam es wenige Stunden später zu den schrecklichen Massakers, über die Rabbi Blau folgendes ausführte: „Ich arbeitete mittags im Aguda-Bureau, das nahe dem jüdischen Zentrum gelegen ist. Plötzlich hörte ich wirren Lärm. Ich eilte auf die Straße und kam gerade zurecht, als Araber den Versuch machten, mit Geschrei und Waffen .in das jüdische Viertel einzudringen. Junge Juden setzten sich mit Stöcken zur Wehr. Die Juden waren in der Minorität und waren schon im Begriff, den Rückzug anzutreten. Denn die arabischen Polizisten sahen den Kämpfen ruhig zu und griffen nicht ein. Zufällig hatte ein junger Jude einen Revolver bei sich. Er gab drei Schüsse ab. Auf jeden Schuß fiel ein Araber. Zwei waren tot. einer schwer verwundet. Nun wichen die Araber zurück und die englischen Soldaten, die herbeikamen, schufen Ordnung. Genau um dieselbe Stunde haben die Araber, wie ich später erfuhr, . sämtliche jüdische Viertel in Jerusalem angegriffen. Es gab auf Seite der Juden fünf Tote, darunter eine Mutter und ein Kind. Seit jenem Unglückstage, dem 23. August, häuften sich die Ueberfälle, dehnten sich auch über ganz Palästina aus. Am Samstag, den 24. August kam es zu dem schrecklichen Ueberfall auf Hebron. Die Greueltaten, die dort geschahen, sind nicht zu beschreiben. Einem neun Monate alten Kind wurde bei lebendigem Leib der BS ÖSTERREICHS GRÖSSTE PHOTOFIRMA ü PHOTO WEITZMAHN Kopi abgerissen, der Scbächter Reismann wurde bei lebendigem Leibe zerstückelt. Frauen schlitzten die Araber den Bauch auf und stopften ihnen Gliedmaßen und andere Körperteile, die sie ihnen und anderen abgeschnitten hatten, in den Bauch hinein. Eltern haben weinend und schreiend gebeten, man solle sie zuerst töten, damit sie nicht sehen müßten, wie man ihre Kinder martert. Man zwang sie aber, alle Martern ihrer Kinder m i t a n z u s e h e n. Es gab an jenem Tage neunundfünfzig Tote in Hebron. Die Haltung der Regierung anläßlich der Vorfälle von Hebron ist nicht zu rechtfertigen. 20.000 Arabern standen nur 500 Juden gegenüber. Die Lokalregierung tat nichts zu deren Schutz. Es begann nun die zweite Periode der Zusammenstöße. Das sind die Kämpfe mit den Beduinen. Hier trifft die Regierung weniger Schuld. Bei diesen Kämpfen war die Regierung auch schon zur Stelle. Die Beduinen überfielen Siedlungen und zündeten Scheunen an. Bei den Zusammenstößen gibt es Tote und Verwundete auf beiden Seiten, auch das englische Militär hat Verluste. Die Zahl der Verluste*) ist nicht festgestellt." Der Halsmann-Prozeß. Ein Freund unseres Blattes sendet uns den nachstehenden Stimmungsbericht vom ersten Verhandlungstage des spannenden Prozesses, auf den wir nach seiner Beendigung noch näher zurückkommen werden. D. Red. Innsbruck, 10. September 1929. Ich benütze einen geschäftlichen Aufenthalt in Innsbruck, um wenigstens auf kurze Zeit dem Prozeß beizuwohnen. Das Qerichtsgebäude, ziemlich zentral — etwa 3 Minuten von der Maria Theresiastraße — gelegen, läßt den Fremden kaum vermuten, daß da drinnen etwas vor sich geht, das die ganze, insbesonders die jüdische Welt in Atem hält. Vier städtische Polizisten sind da, haben aber gar nichts zu tun. Es ist 11 Uhr vormittag, erster Verhandlungstag. Das Tor zum Schwurgerichtssaal ist von innen verschlossen. Auf mehrfaches Klopfen öffnet ein Gendarm und bemerkt, daß trotz genügend Plätzen augenblicklich kein Einlaß ist. Man kann nur zu Beginn der Verhandlungen hinein. Und schließt wieder zu. Ich gehe zum Haupteingang des Gerichtes, wo zwei Gendarmen Dienst machen. Sie sind sehr nett und lassen mich, nachdem ich ihnen mitgeteilt habe, daß ich aus Wien bin und schon morgen wegfahre, hinein ins Hauptgebäude. Noch einige Gänge, in denen überall Gendarmen Dienst machen, und ich bin im kleinen Vorraum des großen Saales. Hier sind 12 bis 15 Gendarmen, darunter höhere Chargen anwesend, die ihre Kameraden im Saal ablösen. Einer nimmt mich bei dieser Gelegenheit mit hinein. Ein mittelgroßer Saal mit fünf hohen Fenstern. Ich befinde mich im erhöht gelegenen Zuschauerraum, dessen vordere Hälfte der Bänke von Berichterstattern und Anwälten besetzt ist. Uebrigens ist der ganze Zuschauerraum schwach besetzt. Ich zähle zirka 40 Zuhörer und 20 Anwälte und. Journalisten. Auch im Saal etwa ein Dutzend Gendarmen. Rechts im Halbdunkel der unter den hochgelegenen WIEN PRATERSTR. 9 ll.t TABORSTR. 36 UNO ZAHLREICHE FILIALEN *) Aus dem letzten Regierungs-Communique' geht hervor,, daß es bis 3. September, um 8 Uhr abends, 210 Tote. 307 Verwundete in Spitalspflege und 268 andere Verwundete gab. Doch dürften die Zahlen in Wirklichkeit viel höhersein. i