Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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daß d i e Q r.ün dung und die Bewaffnung von privaten Organisationen sehr gefährlich ist und jedenfalls eine allgemeine Entwaffnung dem Frieden dienlicher sein kann, als eine Bewaffnung. (So wie in Oesterreich. D. Red.) Ich habe mir während meiner Tätigkeit in Palästina sehr viele Freunde erworben, die es gerne sehen würden, wenn ich wieder auf meinen alten Posten zurückkehren wollte. Auch in der europäischen Oeffentlichkeit hat man mit dieser Möglichkeit gerechnet, und man ging bereits so weit, zu behaupten, daß mich der englische Ministerpräsident Macdonald, als ich mich vor kurzem in Prag befand, wo ich mit dem Präsidenten Masaryk eine Besprechung hatte, telephonisch angewiesen hätte, mich sofort nach London zu begeben, um das Amt eines Oberkommissärs in Palästina wieder zu übernehmen. Das ist natürlich nicht richtig, und auch ich persönlich denke vorläufig nicht daran, mich wieder in den aktiven politischen Dienst zu begeben. Ich verfolge natürlich auf das Interessierteste die weiteren Vorgänge in Palästina, und will auch vielleicht schon in der nächsten Zeit mich an die Stätte meines früheren Wirkens begeben, um an Ort und Stelle die Verhältnisse, wie sie sich jetzt herausgebildet haben, zu studieren. Ich tue das aus purem persönlichen Interesse, absolut nicht in irgend einer amtlichen Eigenschaft. Wenn ich also in den nächsten Wochen Palästina besuchen werde, so nur als Privatperson! C. U. Die 2. Kenessio öedaulo. Die 2. Kenessio Gedaulo ist vorüber. Es waren Tage ernster Arbeit, zu der sich hier in Wien die Führer der orthodoxen Weltjudenheit eingefunden hatten. Von Ost und West waren sie herbeigeeilt und es war ein imposanter Anblick, der sich dem Beschauer insbesondere bei der Eröffnungssitzung bot Sie stand vor allem unter dem Eindruck der ergreifenden Trauerkundgebung, die den Opfern in Palästina bereitet wurde. Kein Auge blieb tränenleer, als das rührende EI mole rachamim des Oberkantors Braun erklang. Alt und jung weinten vor Schmerz, trauerten um die Märtyrer einer heiligen Sache, die unschuldig gefallen sind. Palästina war überhaupt das Signum dieses Weltkongresses. Die Beratungen über diese Frage bildeten, wie zu erwarten war, den Höhepunkt der Tagung, die auch sonst manch Bemerkenswertes bot (z. B? die Referate von Dr. Nathan Birnbaum, Dr. Pinchas Kohn, Jakob Rosenheim und Dr. Leo Deutschländer u. a.). Aber die Palästlnadebatte stand auf besonders hohem, durch die traurigen Ereignisse beeinflußten Niveau. Was Dr. E h r m a n n (Frankfurt a. M.) über die Er* Ziehung der Jugend im Heiligen Lande sagte, war erschütternd: über 500 Kinder besuchen christliche Missionsschulen, von 13 Knaben geht nur einer in den Cheder. Ist es verwunderlich, wenn unter solchen Umständen die Agudas Jisroel nicht mit den Zionisten, die ihr voll gerüttelt Maß Schuld an dieser Entwicklung der Dinge haben, zusammengehen wollen; sie hat einen Eintritt in die Agency abgelehnt. Man mag zu diesem Beschluß, der damit begründet wurde, daß die Jewish Agency sich auch mit Kulturfragen befaßt, stehen, wie man will, er war die Frucht ernster Beratung und wird nicht verfehlen, eine Komplikation der Situation hervorzurufen. Denn die Agudas Jisroel ist ein Machrfaktor, das hat ihr Weltkongreß neuerdings bewiesen, dessen Größe auch in Wien nicht ohne Eindruck blieb. Wien ist dem Kongreß dankbar und dieser — die Ueberfälle auf Kongreßteilnehmer durch Brigittenauer Rowdys werden doch nicht in ihrer Bedeutung übertrieben werden — wird Wien gewiß in guter Erinnerung behalten. Unsere Gäste haben unsere . Stadt verlassen; möge ihre Arbeit gute Früchte tragen und dem Judentum zum Segen sein. * Wohl am ergreifendsten war das Referat, das Rabbi Moses Blau aus Jerusalem am Sonntag vormittags über die schrecklichen Massakers im Heiligen Lande hielt. Mit tränenerstickter Stimme führte er unter anderem aus: „Mit Absiebt wurden unter den Arabern Gerüchte verbreitet, daß die Juden wegen der Klagemauer Aktionen planen und daß sie Bombenanschläge auf die Omarmoschee vorbereiten. Die Omarmoschee ist unweit der Klagemauer gelegen. Die Araber haben nun neben der Klagemauer, die bisher in einer Sackgasse gelegen war, eine Durchgangstür in der Richtung zur Omarmoschee durchbrechen lassen. Dadurch war die Möglichkeit geboten, auch an der Klagemauer vorbei, wohin sonst Araber nicht kommen, zur Omarruoschee zu gehen. Die an der Klagemauer betenden Juden wurden durch die vielen nun vorbeiziehenden Araber gestört. Schon vor Fertigstellung der Tür protestierten daher die jüdischen Vertreter gegen diese Verletzung des Status quo. Die Regierung in Jerusalem ließ daraufhin tatsächlich die Arbeit an der Tür einstellen. Aber das Kolonialministerium in London gab dem Willen der Araber nach und gestattete die Eröffnung der Tür. Die Vertreter aller politischen Richtungen unter den Juden sprachen hierauf bei der Behörde vor. Sie wurden beruhigt und mit allerhand Ausflüchten vertröstet. Am ersten Sabbat nach der Eröffnung der Türe zeigten sich bereits die Folgen dieser Neueinführung. Es kamen so viele Araber an der Klagemauer vorbei, daß es den Juden nicht möglich war, dort ungestört zu beten. Dadurch wuchs die Erregung. Vierzig englische Soldaten waren an der Klagemauer postiert, um dort den Verkehr zu regeln. Am nächsten Sabbat, dem 16. August, begannen dann bereits die Unruhen. Es kam zu Demonstrationen der Juden an der Klagemauer und zu Gegendemonstrationen der Araber. Ungefähr zur selben Zeit ereignete sich ein verhängnisvoller Zwischenfall bei einem FußballspieL Ein jüdischer Fußballklub spielte auf dem Sportplatz in Jerusalem. Der Ball fiel durch einen unglücklichen Zufall außerhalb des Platzes und in den Garten eines Arabers. Ein jüdischer Sportler ging in den Garten, um den Ball zu holen. Der Araber nahm sofort eine unfreundliche Haltung ein. Es entwickelte sich ein Streit, in dessen Verlauf der Araber dem Juden ein Messer in den Leib rannte. Der Sportler wurde in das Spital gebracht, wo er am Montag darauf, also am 19. August, starb. Es war ein achtzehnjähriger Bursche. Die Erregung über diesen Mord wuchs ins Ungeheure. Am Dienstag, den 20., sollte die Beerdigung des. ermordeten Sportlers stattfinden. Die Polizei wollte eine stille Beerdigung anordnen, um Unruhen vorzubeugen. Die Jugend unter den Juden und vor allem die Sportler wollten sich das nicht gefallen lassen, sondern ihren ermordeten Kameraden mit allem Pomp und allen