Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT bubbiüiuumbiimuim^ Seite 3 wir ahmen sie nach, wenn wir uns selbst „Hebrew Democrats" und „Hebrew Republicans" und „Hebrew" so und „Hebrew" so bezeichnen. Ich bin verschiedentlich von prominenten Persönlichkeiten, die im politischen Leben stehen, gefragt worden, was man tun könne, um die „hebräischen Stimmen" zu vermehren. Ich habe ihnen stets erklärt, daß es keine „hebräische n" Stimmen gibt, daß wir amerikanische Staatsbürger sind, und daß wir die Grundsätze der einen oder anderen Partei annehmen, die nach unserer Ansicht am besten für das Wohl des Landes eintritt... Ich spreche vielleicht leidenschaftlicher, als es nötig ist, aber ich betrachte dies als eine Sache von grundsätzlicher Bedeutung. Ich werde hierzu gedrängt durch Ihren Briefkopf, auf dem ich lese „Hebräischer Demokratischer Klub von X. zum Nutzen der hebräischen Bürger von X." Kann etwas mehr zu verwerfen sein als solch ein Ausdruck? Was unterscheidet das Interesse der hebräischen Bürger von X. von dem Interesse aller jüdischen, katholischen oder protestantischen Bürger von X...?" So urteilte Marshall, der bei der Schaffung der „Minderheitsrechte" in Paris mitgeholfen hatte, über die große Gefährlichkeit der politischen Separation unter den Juden. Und dennoch wollte er die Gesamtjudenheit — Zionisten und Nichtzionisten — zum gemeinsamen Palästinaaufbau sammeln und widmete diesem Werke seinen Lebensabend. Was war der Grund dieser scheinbaren Zwiespältigkeit? Wieder nur sein jüdisches Gefühl, das den leidenden Juden in aller Welt eine Heimstätte geben wollte, wo sie als Menschen leben konnten. So wie er bekanntlich stark das K r i m p r o j e k t unterstützt hat, so wandte er sich mit Begeisterung dem Palästinaaufbau zu, als er jene Voraussetzungen geschaffen sah, die er als Grundlagen für eine vernünftige Kolonisierung betrachtete. Das Werk ist ihm anscheinend gelungen, doch kaum war der Bau aufgerichtet, so krachte er schon in den Fugen. Marshall hat diese schwere Rischütterung nicht mehr erlebt, wir wissen nicht, was er, der stets Kluge und Weise, in diesei Wien II., Taborstraße 8 Das ftfmt0eater der guten Gzseflsdjaft UFA-TON-KINO i Tel. B 42-3-41 zeigt Brigitte Helm Franz Lederer — Warwicfc Ward Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna Ein Großfilm der Erich Pommer-Produktion der Ufa Beginn der Vorstellungen: VA \!ß und 9 Uhr Sonn- und feiertags: 4, 7,6. V48 und 9 Uhr Schicksalsstunde des Judentums iür richtig gehalten hätte. Das ist eben die doppelte Tragik dieses großen Verlustes, daß Louis Marshall uns allen in einer Zeit starb, da wir seiner tausendfach bedurft hätten. Denn Louis Marshalls Wort galt — wir wiederholen es nun, da wir Abschied von ihm nehmen — überall, wo Juden leben und wirken, und die folgende Charakterisierung seines überragenden Einflusses im amerikanischen Judentum ist übertragbar auf die Gesamtjudenheit: „Louis Marshall — schrieb anläßlich seines 70. Geburtstages Henry SHosburg — ist ein Exilarch des amerikanischen Judentums, inoffiziell zwar, doch von allen anerkannt. Er ist ganz vom Bewußtsein des Judentums durchdrungen und daher spürt er alles, was jüdisch ist, mit der größten Empfindlichkeit . . . Die Rolle von Marshan in der Entwicklung des sozialen, geistigen und wirtschaftlichen Lebens der Juden in den Vereinigten Staaten ist ungeheuer. Trotz der sozusagen demokratischen Bestrebungen, die im jüdischen Leben, wie überall, leider allzu leicht in alt und jung „Tante Rike" genannt wurde. Liebe, Treue, Aufrichtigkeit und Biederkeit wohnten innerhalb der Mauern dieses Städtchens, zu dem der Antisemitismus, diese Ausgeburt des Menschenhasses, noch nicht gedrungen war. Streng nacli Vorschrift des jüdischen Gesetzes, doch duldsamen Sinnes, war Handel und Wandel dieser Juden. Ueber allem Treiben erhaben war ihnen die Pflicht der Sabbathheiligung und die Feier des Jomtof. Und so eilten diejenigen, deren Los es war, wochentags „Überland" zu gehen, um durch Feilbieten ihrer Ware den Lebensunterhalt für sich und die Ihrigen zu schaffen, so zeitig heim, daß es nicht am Nötigen gebrach, um dem lieben Freitagabend, diesem einzig hermischen Symbol des Judentums, die nötige Weihe zu verleihen. Und es war ein erhebender Anblick dieses Bild des Sabbathfriedens, das dem ganzen Städtchen ein festliches Aussehen verlieh. Hier durfte man sagen war „Schabbos über die Welt"! Wer nicht in die „Medine" ging, der war hier Schlächter oder Viehhändler oder beides zugleich, ein Gewerbe, das sich nicht nur hohen Ansehens erfreute, sondern mich mit Lust und Liebe ausgeübt wurde und, da es zumeist in jüdischen Händen lag, so verzichtete die christliche Population des Städtchens gern auf eigene Schlächter und bezog das Fleisch vertrauensvoll von den jüdischen Mitbürgern, die •eine Ehre darein setzten, dieses Vertrauen zu rechtfertigen. Das liebe Vieh bildete in dieser Stcdt nicht nur einen wesentlichen Bestandteil des organischen Lebens, sondern war auch das Gesprächsthema des Tages und, wenn es wahr ist, was die Fama erzählt, so ist eine Begeisterung, wie diejenige des alten Mordechai, der sogar seine Todesstunde aufgeschoben haben soll, um sich den Anblick eines veritablen Ochsen noch vorher zu vergönnen, kaum zu überbieten. Erzählte man doch allen Ernstes, daß der alte Mordechai. krank und schwach wie er war, unter Aufbietung seiner letzten Kräfte aus dem Bette und in seinen Anzug schlüpfte, um auf der Bank vor der Haustür die Ankunft eines Prachtexemplars von einem Ochsen abzuwarten, von dem ihm sein Nachbar Jürgen Kästen erzählte, und nachdem er das wirklich prächtige Vieh fachgemäß und mit Kennermiene betastet und mit Ausdrücken des Entzückens begutachtet hatte, sich wieder niederlegte, seine Seele Gott empfahl und sanft entschlummerte. Unter diesen jüdischen Schlächtern konnte man Hünen erblicken. Kerle, die ihren Vorfahren, den Makkabäern zur Ehro gereicht huben würden. Allen voran die Brüder Seligmann. Unter ihnen gab es einen wahren Herkules. Wolf hieß er, ..Wolle" wurde er genannt, der bei den Husaren diente. Dieser verfügte über eine geradezu unheimliche Körperkraft. Ein großes Kalb, das sich strampelnd und vehement zur Wehr setzte, bändigte er mit seiner Muskelkraft und' legte es geruhsam auf den Schlachtblock. Ein lebhafter Hände' in Schlachtvieh blühte im Städtchen. Das etwa eine Stunde entfernt liegende Husum war der Hauptumschlagplatz. Von hier aus gingen Transporte nach England. Aber ein großer Teil kam auch nach Hamburg zum Verkauf. Höchst eigentümlich verhielt es sieb mit den Namen. Der rindigste Briefträger würde sich hier nicht ausgekannt haben und es war deshalb ein günstiger Umstand, daß es damals nicht viele Briefempfänger gab, denn wer hätte erraten können, daß Briefe mit der Anschrift „Herrn Kaiman Levi" an „Meier Kalme", soiche mit ..Herrn Wolf Levi" an