Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064234--17472-3087598- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 ftWiiiuuuuuuanu immufuauutitiiOHUMiHiii DIE WAHR HEU dem Wert der Judenheit als Ganzem, von dem, was sie und ihre Vorfahren für Zivilisation, Wohlstand und für die Entwicklung von Handel und Industrie getan hat, von ihrer Mäßigkeit und Sorgfalt, ihrem Wohlwollen und selbstlosen Interesse für die Allgemeinheit. Natürlich sind sie immer das schwarze Schaf, da sie immer zwischen Menschen aller Rassen leben, Menschen aller Glaubensbekenntnisse und Nationalitäten, die zum Teil auch Verbrecher sind. Es ist aber falsch, ein Volk nach einigen wenigen zu beurteilen, und daher verurteile ich vorbehaltlos alle verallgemeinernden Verleumdungen und Angriffe. Diejenigen, die mich kennen, können bezeugen, daß es nicht meine Art ist, jemanden zu verdächtigen und zu bclteädätgen. und daß es immer mein Bestreben ist, mich von Vorurteilen freizuhalten. Ich gestehe daher auch offen, daß ich tief erschüttert war, als ich mein Studium der Jahrgänge des „Dearborn Independent" und des Buches „Der internationale "Jude" beendet hatte. Ich halte es für meine Pflicht, als Ehrenmann das Unrecht wieder gutzumachen, das ich an den Juden als meinen Mitmenschen und Brüdern begangen habe, indem ich sie um Entschuldigung für den Schmerz bitte, den ich ihnen ohne Absicht bereitet habe, indem ich die Lügen nach Kräften widerrufe, die ich durch diese Veröffentlichungen verbreitet habe, und indem ich ihnen die uneingeschränkte Versicherung gebe, daß ich ihnen in Freundschaft und mit gutem Willen gegenüberstehen werde. Es ist hiernach unnötig, noch zu betonen, daß die Schriften, die hier und im Ausland verbreitet worden sind, aus dem Verkehr gezogen werden sollen, daß ich auf jedem möglichen Wege bekanntmachen werde, daß sie meine schärfste Mißbilligung haben und daß von jetzt an der „Dearborn Independent^ unter Gesichtspunkten geleitet werden wird, daß solche Artikel über die Juden nie mehr in seinen Spalten erscheinen können. Lassen Sie mich noch zum Schluß betonen, daß diese Feststellung meiner eigenen Initiative und nur dem Interesse von Recht und Gerechtigkeit entsprungen ist. sowie meiner Ueberzeugung von dem, was mir als Mann und Staatsbürger heilige Pflicht ist. Henry Ford. Das war einer der größten Triumphe in Marshalls bewegtem Leben. Dankbar atmete die Judenschaft auf, sie war von einem furchtbaren Drucke befreit worden, denn Fords Einfluß als eines der reichsten Männer der Welt war auf die Entwicklung des internationalen Antisemitismus in den Nachkriegsjahren von großer Bedeutung gewesen. Und als Marshall die Weltjudenheit zum letzten Male zu einem großen Werk aufrief, da folgten ihm Hunderttausende in aller Welt, die in ihm einen der größten Juden unserer Zeit erblickten. Und dieser groGe Jude war — Nichtzionist! Seine politische Einstellung als amerikanischer Jude ist am klarsten aus einem Briefe zu ersehen, dem folgender Sachverhalt zugrunde liegt. M a r s h a 11 wurde von dem Sekretär des „Hebrew Democratic Club" gebeten, seine Ansicht darüber zu äußern, ob er die Anwendung des Wortes „Hebrew" in Verbindung mit einer politischen Organisation für richtig erachte. Marshall hat in einem ausführlichen Brief an den Sekretär des betreffenden Klubs seine Stellungnahme niedergelegt, von der wir einige Auszüge in Uebersetzung veröffentlichen: „... Nach meiner Ansicht ist nichts widerwärtiger als diese Praxis. Sie ist unwürdig, unamerikanise h, u njüdisch. In dem Lande, in dem eine Trennung von Kirche und Staat besteht, in dem Gewissensfreiheit durch Staats¬ und Bundesveifassung gewährleistet ist, in dem jeder Bürger unbefragt seinen religiösen Glauben ausüben kann, in dem alle ein Volk sind, einen politischen Klub als hebräisch, jüdisch, deutsch, irisch oder italienisch zu bezeichnen, zeugt von schlechtem Geschmack... Ich billige politische Klubs, ob sie republikanisch, demokratisch oder parteilos sind, vorausgesetzt, daßsie sich mit ernstem politischen Studium befassen. Aber wenn solch ein Klub entweder „Hebrew Democratic Club" oder .,Hebrew Republican Club" genannt wird, dann wird sofort der Eindruck entstehen, daß die in dem Klub vereinigten Menschen durch irgendwelche dunklen Gründe zur Errichtung dieses Klubs veranlaßt wurden und nicht durch hohe Ziele, die zur Gründung einer solchen Organisation führen sollten. N i c h t j u d e n werden sofort Verdacht gegen eine solche Organisation schöpfen und die Achtung vor ihren Mitgliedern verlieren... Wir Juden haben ganz besonders die Pflicht, in öffentlichen Angelegenheiten eine würdige Haltung einzunehmen — nicht unseren Namen herabzusetzen, nicht zuzulassen, daß er durch den Schmutz der Politik gezogen wird... Warum sollten wir Juden irgendwelchen Anlaß geben zu dem Schluß, daß wir Privatinteressen verfolgen, daß unsere Politik einen egoistischen Beigeschmack habe und warum sollten wir, die wir in der Vergangenheit so viel anter unserem Glauben zu leiden hatten, auch nur den Verdacht aufkommen lassen, als ob wir Politik unter der Flagge des Separatismus treiben würden. Wir bekämpfen den Ku Klux Klan, wir bekämpfen den A. P. A. und die Unwissenden, aber 3e**ill&tci% Die Stadt der Originale. Erinnerungen aus der Jugendzeit von Rolf R e i n s t e i n. O, eine wunderbare Himmelsgabe, Im Werte höher, als die größte Habe. Ein Zauberschlüssel zu des Himmels Tor, Ein Wanderstab, zur Stütze uns gesendet, Ein Quell, der nie versagt und niemals endet. Ein Stücklein Seligkeit ist der Humor! (Aus „Licht und Schatten" von Alb. Samson.) Auf dem Wege zum Nordseestrand, in der gesegneten Marsch, idyllisch zwischen Eider und Treene eingebettet, liegt ein verträumtes Städtchen — das im Jahre 1621 unter Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstcin-Gottorp von niederländischen Remonstranten erbaute Friedrichstadt. Dieser Ort, damals eine Freistadt aller um ihres Glaubens willen Verfolgten, ist heute noch eine Sehenswürdigkeit. Die Symmetrie ihrer Bauart, ihre schnurgeraden, von Kanälen umzäumten, peinlich sauberen Straßen, ihre schmucken Häuser ujid der auffallend schöne Marktplatz verleihen dieser Stadt das typische Gepräge einer der bekannten holländischen Grachtenstädte. Hier wohnten die Bekenner der verschiedensten Konfessionen friedlich nebeneinander; unter ihnen auch eine stattliche Judengemeinde. Sie war eine der ältesten und größten des deutschen Nordens und zählte noch im Jahre 1890 etwa 150 Seelen. Eine stattliche Synagoge, die der beirannte Philanthrop Jacob Essen s. A. im Jahre 1848 der Gemeinde stiftete, zeugt von vergangenem Glanz. Sehenswürdigkeit besitzt der alte, am Trecnefeld gelegene Friedhof, obwohl das Bombardement des Kriegsjahres 1850 das ganze mittlere Feld förmlich rasierte, so daß nur noch am Rande die alten Grabdenkmäler der Nachwelt erhalten blieben. Gelehrte und fromme Männer, Zierden des Judentums, sind hier zur ewigen Rahe gebettet. Groß ist die iti der ganzen Welt zerstreut lebende Nachkommenschaft, zahlreich diejenigen, die dem lieben Heimatstädtchen die Treue halten und zu ihm wallfahren. lieber die Vergangenheit dieser Gemeinde gibt das erst kürzlich zutage geförderte Archiv einigen Aufschluß. Es ist zum Teil in plattdeutscher Sprache verfaßt und in jüdischer Handschrift überliefert. Es berichtet uns darüber, zu welchen Preisen die Alijohs „verhürt"*) wurden, erzählt unz allerhand außergewöhnliche Dingo, von Geschenken und Stiftungen, von Beispielen edler Opferwilligkeit und jüdischer Herzsnsregung. Was es verschweigt, sollen diese Zeilen aus dam Gedächtnis berichten. Sie wollen uns von jenen glücklichen Tagen aus Großväterzeiten erzählen, vor allen Dingen aber von denjenigen, deren Schilderung der Feder eines Fritz Reuter würdig wäre und von deren besonderer Eigenart es mehrere in diesem trauten Städtchen gab. O, glückliche Zeit!, wie in einem MärchenschimmeK ist sie getaucht! Friede und Eintracht wohnte in der Mitte dieser Menschen und ein gegenseitiges Verstehen Haus bei Haus, Tür bei Tür! Schien es doch, als umschlinge alle diese Männer und Frauen ein familiäres Band! „Ol.Onkel Isak" war der Onkel der ganzen Stadt, wie jene würdige Matrone von *) Verheuert, d. h. versteigert.