Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 38 (20.9.1929)
- Date
- 1929-09-20
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064234--17471-3087597- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Preis dieser Nummer SO Groschen WoJmsim mit dmt Veröffentlichungen der „Uaioii deutschteterr. Juden* und „AmfÜcheH Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" ^»W'mfrMirriilHIimHIUliro^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2*16 XLV. Jahrgang Wien, 20. September 1929 \ Louis MarshallX mmmmmmmmmmmmmmmm9mmmmmmmmmmm~» Nummer 38 Ein Großer in Israel ist gestorben, Louis M a r s h a 11 ist nicht mehr. Die Bedeutung dieses Mannes reichte weit über die Grenzen Amerikas, dessen unbestrittener jüdischer Führer er gewesen ist. Er hat auch über dem Ozean Geltung und Wert besessen, sein Wort hat Millionen Juden Richtung gegeben, die nun erschüttert an seiner Bahre stehen und den Heimgang eines edlen Menschen und Juden tief beklagen. Was Marshall der Judenheit der ganzen Welt gewesen, das hat er ihr in seinen letzten Lebenstagen deutlich bewiesen. Er hat initiativ an der Gründung der erweiterten J e w i s h A g e n c y mitgewirkt, die er noch erleben durfte. Dann aber schloß er die müden Augen, beseligt durch den Gedanken, an einem großen Werke führend mitgearbeitet zu haben, ein Werk, dessen Mühe und Plage den Hochbetagten sicherlich stark angegriffen hat. So ist er auch als ein Opfer seiner Jüdischen Pflicht dahingegangen, fern der geliebten Heimat, doch an der Stätte seines letzten Triumphes. Zu schildern, was Louis M a r s h a 11 in seinem tatenreichen, nur dem Dienste für die Menschheit und das Judentum gewidmeten Lebens Großes geschaffen, das wird in umfassender Weise die Geschichte besorgen, die noch in spätesten Zeiten von diesem Manne als einem Großen und Gerechten sprechen wird. Nur Streiflichter sollen hier zeigen, wie schwer der Verlust ist, den das amerikanische und mit ihm das Weltjudentum erlitten hat. Louis Mars ha 11 war vor allem ein guter, ein edler Mensch. Nichts Menschliches war ihm fremd und die Not der Armen zu lindern, war jederzeit sein höchstes Streben. Daß er dabei besonders die jüdischen Elendsopfer bedachte, war bei seiner humanen Gesinnung verständlich, denn diese Not ergriff sein warmes jüdisches Herz. Aber er hatte vielen anderen gegenüber das allmenschliche Gefühl voraus, so daß er auch für die Erhaltung aller Wohltätigkeitsinstitutionen in New York sorgte, sich ebenso für das Wohl der russischen und polnischen Juden verantwortlich fühlte, ja sogar auch das an den Negern begangene Unrecht nicht mitansehen wollte. Daß ein solch edler Mensch kein Unrecht gutheißen konnte, daß er, der Anwalt des Rechtes, sich vor allem energisch gegen jenes abscheuliche Unrecht wandte, das seinem Volke von seinen Feinden angetan wird, war klar. So entstand sein aufopfernder Kampf gegen den Antisemitismus in Amerika und darüber hinaus in aller Welt, den er insbesondere als Präsident des American Jewish C o m m i 11 e e ausfocht. Die berühmteste Episode dieses jahrzehntelangen Ringens ist die Niederlage Henry Fords, des amerikanischen Automobilkönigs, der mit seinem immensen Reichtum dem Judenhaß neue Bahnen schuf. Marshall hat der von Ford in Amerika und auch in Europa, insbesondere Deutschland, unterstützten „W eisen von Z i o n" - Propaganda Einhalt geboten, indem er Ford zu folgender Entschuldigung und Ehrenerklärung gezwungen hat: Vor einiger Zeit habe ich der Serie von Artikeln über die Juden Beachtung geschenkt, die seit 1920 im „Dearbsrn Independent" erschienen sind. Einige dieser Artikel wurden in dem Buch „Der internationale Jude" abgedruckt Obwohl beide Veröffentlichungen mein Eigentum sind, so ist M doch wohl selbstverständlich, daß es, mir bei der Fülle meiner Arbeit unmöglich ist, ihrer Leitung persönliche Aufmerksamkeit zu schenken oder mich über ihren Inhalt zu informieren, Es war daher unumgänglich hotwendig, die Leitung dieser Veröffentlichungen Persönlichkeiten zu übertragen, die verantwortlich für sie waren und denen ich voll und ganz vertraute. Zu meinem großen Bedauern habe ich erfahren, daß die Juden im allgemeinen und besonders die dieses Landes (Amerika) nicht nur diese Publikationen als Förderung des Antisemitismus ansehen, sondern auch mich als ihren Feind betrachten. Vertraute Freunde, mit denen ich mich unlängst unterhielt, haben mir in aller Aufrichtigkeit die Versicherung gegeben, daß nach ihrer Ansicht die Art der Beschuldigungen und Unterstellungen, die gegen die Juden einzeln und kollektiv in vielen Artikeln, die periodisch im „Dearborn Independent" und in dem erwähnten Buche erschienen, erhoben wurden, die begründete Empörung aller Juden gegen mich rechtfertigt. Dies hat mich dazu veranlaßt, meine persönliche Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand zu richten, um die Genauigkeit des Inhaltes der Artikel nachzuprüfen. Ich bekenne, daß ich mich nach dieser Ueberwachung tief beschämt fühle, daß diese Zeitung, die aufbauend und nicht zerstörend sein sollte, sich dazu hergegeben hat. über die sogenannten „Weisen von Zion'\ die, wie ich einsehe, grobe Fälschungen sind, Lügen zu verbreiten, nachzuweisen, daß die Juden sich verschworen hätten, das Kapital und die Industrie der Welt zu kontrollieren, und ihnen schwerste Verstöße gegen die Rasse, öffentliche Ordnung und Moral zur Last zu legen. Hätte ich die allgemeine Natur dieser Artikel durchschaut, ganz abgesehen von Einzelheiten und diesen Schmähungen, ich hätte ihre Verbreitung — ohne mich einen Augenblick zu besinnen — verboten, denn ich bin vollkommen überzeugt von