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Die Wahrheit · 1929-09-13 · Heft 37 (13.9.1929) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 9)
Language
German
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DIE WAHRHEIT ttfltiMM Seite 0 vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Platz genommen hatte, war das prachtvolle Gemälde Karl Schneiders „Vor der Klagemauer" angebracht. Es stellt den westlichen Teil der Klagemauer dar und die Szene, wie ein Barmizwahknabe von seinem Großvater zur Mauer geführt und ihm deren Bedeutung erklärt wird. Präsident Prof. Dr. Pick eröffnete die Versammlung mit folgenden Ausführungen: „Erschütternde Ereignisse haben uns heute hier zusammengeführt. Die fürchterlichen Greueltaten, die sich in Palästina abspielen, haben den Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde veranlaßt, Sie alle ohne Unterschied Ihrer religiösen und politischen Einstellung hier zu versammeln, um unser aller tiefe Trauer zum Ausdrucke zu bringen. Wo immer Juden leben, werden sie tief ergriffen sein von den fürchterlichen Geschehnissen, ja ich bin der Ueberzeugung, daß alle Kulturmenschen, welchem Volke sie immer angehören, mit uns fühlen und unseren Schmerz begreifen werden. Unsere Trauer und unsere Kundgebung soll das Gewissen der Welt aufrütteln. Ich bitte als e»rsten Redner unseren Vizepräsidenten Herrn Dr. ü r n s t e i n das Wort zu argreifen." Vizepräsident Dr. Ornstein führte u. a. aus: „Eine wehmütige Aufgabe obliegt mir heute in diesem Saale, in welchem vor kaum mehr als 3Vi Jahren die Wiener Judenschaft sich zu dem Freudenfeste, der Jahrhundertfeier unseres altehrwürdigen Tempels in der Inneren Stadt vereinigte, der unendlichen Trauer des gesamten Wiener Judentums ob der furchtbaren, auch Millionen andersgläubiger Bekenner in den tiefsten Tiden ihrer Herzen aufwühlenden Geschehnisse im Lande unserer Väter Ausdruck zu geben. Aber auch die frohe Jahrnundertfevei_ war eine ernste, der Erinnerung an das finsterste Mittelalter mit seinen blutigen Verfolgungen unserer Vater gewidmete feier. und fast scheint es, als wäre dieses Mittelalter wieder erstanden, wenn wie zum blutigen Hohne auf die Friedensmeiodien in Hollands Hauptstadt ein irregeleitetes Volk sich zum Vernichtungskampfe gegen unsere brüder erhebt, wenn wilde Horden in blindwütiger Zerstörungswut vernichten, was Menschentleiß geschahen, wenn das tslut unserer Brüder den Boden des Heiligen Landes tränkt, wenn m Hebron, geheiligt durch die Nachbarschaft des Erbbegräbnisses unserer Patriarchen, Lehrer und Schüler der jüdischen Wissenschaft entmenschter Wut zum Opfer fallen. Wir wollen aber doch nicht einen Haß- und Rachegesang anstimmen, wir wollen heute nur eins sein im üefünle der Trauer um unsere Brüder, die gefallen sind im Monate Ab, in diesem Trauermonate, in dem das erste große Heiligtum zerstört, in dem Titus' wilde Scharen in den zweiten Tempel eindrangen und unsere Vorfahren aus ihrer Jahrhunderte alten Heimat in Spanien in die Verbannung ziehen mußten. Und wir können unserem Schmerze um unsere gefallenen und verwundeten Brüder, um die Vernichtung ihrer Hände Fleiß, um die Schändung unseres Heiligtums nicht ergreifender Ausdruck geben, als mit den Worten des Sängers der Klagelieder, unseres Propheten Jeremias: „Schauet und sehet, ob es einen Schmerz gibt meinem gleich; denn viel sind meine Klagen und mein Herz ist wund." Wir schöpfen aber auch Trost aus den Klageliedern, daß „erfüllt werden mögen die prophetischen Verheißungen, Deine Trauertage werden zu Ende gehen." So möge es unserem Volke bald beschieden sein, sich in Ruhe und Frieden seiner hohen Mission widmen zu dürfend Das Andenken unserer gefallenen Brüder sei uns immer geheiligt, sie sind gefallen als Blutzeugen für unser Volk, werden verzeichnet sein in dem unendlichen Memorbuche der Märtyrer unseres Volkes; das Andenken dieser Gerechten soll uns zum Segen gereichen!" Nunmehr ergreift Vizepräsident Dr. L ö w e n h c r z das Wort: „Es lodern noch die Flammen in den Kolonien und schmerzgebeugt ist die ganze Welt. Es versammeln sich allerorts die jüdischen Massen in tiefer Trauer, um die Welt aufzuruien. In diesem Augenblicke verbinden wir uns mit der ganzen Welt in der Trauer für jene, die dort lebten und dort gefallen sind. Wir wollen nicht vergessen die guten Absichten der großen Staatsmänner, wie Balfour und Lord Robert Cecil und daran, daß heute in England die englische Arbeiterpartei am Ruder steht, die dem Palästinaaufbauwerke viele Freunde geschenkt hat. Wir wollen damit rechnen, daß der Mann, der heute an der Spitze der englischen Regierung steht, der privat und öffentlich dem Aufbau Palastinas die größte Bewunderung gezollt hat, das Versprechen seiner Regierung einlösen wird. Wir wollen nicht richten und nicht anklagen, aber wir müssen feststellen, daß die Administration im Lande in bezug auf die Verwaltung in Palästina den Geist des Mandatsvertrages falsch ausgelegt und dieses Morden und dieses Plündern nicht rechtzeitig verhindert hat. Wir wollen nicht Anklagen erheben gegen das arabische Volk, mit dem wir rneulicn leben wollen. Wir klagen den Fanatismus an, der es bewirkt hat, daß Beduinen und Fellachen sich zu solchen Greueltaten verhetzen ließen, jenen Fanatismus, der in den Kreuzzügen, in der Inquisition und gelegentlich der Pogrome in den Kreisen der russischen Kirche sich fühlbar machte, und immer wieder hat sich das jüdische Volk über den Fanatismus hinweghelfen können. VVir hoffen, daß auch dieser Fanatismus durch unsere Arbeit überwunden wird. Männer und Kinder wurden in Hebron hingemordet, aber der Geist der jüdischen Wissenschaft, der lebendigen hebräischen Sprache, der jüdische Geist kann nicht getötet werden, dieser Geist muß bestehen und wird bestehen, wie er auch bisher, trotz der Tragik des jüdichen Volkes, nicht verloren gegangen ist. Werte können wieder aufgerichtet werden, das haben wir in Belgien, das haben wir in Frankreich gesehen, in denen die zerstörten Gebiete wieder aufgerichtet wurden, aber Mut und Entschlossenheit müssen vorhanden sein. Wir stehen stolz vor der Welt da und werden, geeinigt, Palästina wiederaufrichten. Das große französische Volk errichtete ein Denkmal iür seine gefallenen Söhne, das die Inschrift trägt: „In Freiheit leben — oder sterben!" Und so wie man nach dem Krige allerorten Denkmäler für den „Unbekannten Soldaten" errichtet hat, so soll auch auf den Gräberhügeln Palästinas ein Denkmal für den „Unbekannten und unbenannten jüdischen Arbeiter" erstehen, der es verstanden hat, nach Palästina zu gehen, der es verstanden hat, Wüsteneien in fruchtbares Gelände zu verwandeln, Straßen und Wege mit schwieligen Händen im Schweiße des Angesichtes zu bauen und in diesem Lande zu sterben. Und vor diesem Grabdenkmale wird sich die große gesittete Welt in Ehrfurcht verneigen. Mit den Worten des ergreifenden „El mole rachamim", welches den Toten gilt, wollen wir auch das stolze Lied, welches den Lebenden gilt: „Od lo aw'da tikwatenu" verbinden und hoffen, daß die zielbewußte und solidarische Mitarbeit aller Juden Palästina in „Erez Israel" verwandeln wird." Universitätsprofessor Dr. Alois Pick: „Es wird Ihnen nunmehr Herr Amtsdirektor Regierungsrat Fuchsgelb die von uns beantragte Resolution zur Vorlesung bringen. Wie es dem Ernst und der Würde unserer heutigen Manifestation entspricht, bitte ich Sie, jede laute Kundgebung zu unterlassen und nach Verlesung der Resolution durch Erheben von Ihren Sitzen der Entschließung als Kundgebung des gesamten Wiener Judentums Ihre Zustimmung zu erteilen." Die Resolution hat folgenden Wortlaut: Resolution. Die am 4. September 1929 in den Sofiensälen in Wien tagende, vom Vorstande der Israeltischen Kultusgemeinde einberufene Versammlung jüdischer Männer und Frauen gibt ihrer tiefsten Entrüstung über die frevlerische Vernichtung jüdischen Lehens und jüdischen Eigentums in Palästina Ausdruck. Sie beklagt in teilnahmsvoller Trauer den Tod der vielen jüdischen Brüder und Schwestern, welche als Märtyrer erbittertem Hasse und blindwütigem KLEIDERHAUS SCHACHTER XII., MEIDI. HAUPTSTR. 26- TEL. R 313 76 Größte Auswahl in fertigen Herren* und Knabenkleidern in besterQuaiität J*F Eigene Werkatätte für feine Mafiarbeit. ^fM-

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