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Die Wahrheit · 1929-09-13 · Heft 37 (13.9.1929) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Üit WAHRHEIT Die Kundgebungen der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde anläßlich der Ereignisse in Palästina. In imposanten Kundgebungen, welche der Vorstand der Israelitischen Kultusgememde Wien veranstaltet hatte, brachte die Wiener Judenschaft ihre Empfindungen anläßlich der Ereignisse in Palästina und ihre Trauer um die Opfer dieser Ereignisse zum Ausdruck. Am Mittwoch, den 4. September 1929, um 6 Uhr abends, fanden im Seitentettentempel und im Großen Leopoldstädter Gemeindetempel Trauergottesdienste statt. Die Trauerreden wurden von den Gemeinderabbinern Dr. Feuchtwang und Dr. T a g 1 i c h t gehalten, die gottesdieoistftchen Funktionen von den Oberkantoren Fischer und M a r g u 1 i e s mit den Tempelchören versehen. Nebst Mitgliedern des Präsidiums und des Vorstandes der Kultusgemeinde hatten sich die Mitglieder der Bezirkskommissionen, der Bethausvorstände, Abordnungen aller in Wien bestehenden jüdischen Vereine und Körperschaften eingefunden. Im Stadttempel führte Rabbiner Dr. Feuchtwang aus: „Nie hat seit Zerstörung des Heiligtums und Verlust unserer nationalen Selbständigkeit in Palästina unsere Trauer um Zion und Jerusalem aufgehört. In vielen Gebeten kommt sie täglich und bei fast allen Gottesdiensten zum Ausdruck. Beim Tode teurer Angehöriger wünschen wir den Trauernden Trost unter den Trauernden um Zion und Jerusalem. Wir sind als altes historisches Volk gewohnt, alles und selbst das größte Leid unter dem Blickpunkt der Geschichte zu betrachten. Der 79. Psalm beklagt die grausame Verwüstung des Heiligen Landes und seiner Heiligtümer, den Tod so vieler jüdischer Helden zur Zeit der Makkabäerkriege. Er enthält Reminiszenzen aus der tragischen Zeit, in der Jeremias seine erschütternden Klagelieder dichtete. Und immer wieder wiederholte sich das ergreifende Geschick von Wiederaufbau und Zerstörung. Ein dauerndes Leben, Sterben und Auferstehen. Auch die Geschichte des jüdischen Volkes der Diaspora zeigt kein anderes Bild. Kaum 50 Jahre unserer Geschichte sind jemals ohne Gefahr verstrichen, ohne Verfolgung, Vertreibung und Tod einzelner oder ganzer Gemeinden. Unsterbliche Kraft aber scheint dem Judentume innezuwohnen, denn immer wieder erhob es sich aus Schutt und Asche, aus Untergang und Tod fast ungeschwächt mit ungebrochener Hoffnung und erfüllt von idealen. Schon glaubten wir, daß im Palästina unserer Zeit ungestört neues Leben blühen, verjüngte Kräfte sich frei entfalten werden können unter dem Schutze der Völker der Welt. Wieder ertönt die Klage der Psalmisten, wieder fließen die Tränen des Jeremia. Wir trauern über das Schicksal der Menschheit in unserer Zeit und Welt, in der solches möglich ist, wie es sich in Palästina ereignet — über die jüdischen Brüder und Schwestern, die als Märtyrer gefallen sind, über die Zerstörung der bewunderungswerten Arbeit, welciie begeisterte und von Idealen getragene jüdische Menschen geleistet haben im Dienste des Wiederaufbaues Palästinas und der Gründung einer nationalen Heimstätte daselbst; trauern über die Ohnmacht der Völker und das Versagen aller berufenen Mächte. Wir wollen aber die entsetzlichen Geschehnisse in Erez Israel nicht als den Ausfluß grausam-kalter politischer Spekulationen, sondern als den Ausbruch wilder Leidenschaft wilder Völker betrachten, die nun Schuld und Verschulden auf die Juden wälzen wollen; — so geschah es immer und überall, wo Judenblut in Strömen floß, an allen Orten und zu allen Zeiten der Geschichte. Die Geschichte aber legt Zeugnis ab für uns und wird es auch 'in Palästina tun, woselbst unter der nicht erlahmenden Kraft und Hilfe des Judentums der Welt neues Leben aus zertrümmerten Kolonien, Dörfern, Städten, Siedlungen blühen wird und der Scnandfleck, welcher durch Mord und Raub der Kultur und Zivilisation angeheftet wurde, ausgetilgt werden wird. So erschüttert und schmerzgebeugt wir sind; Hoffnung, fester Wille und Gottvertrauen werden aufbauen, was zerstört worden ist" Im Leopoldstädter Tempel führte Dr. Taglicht aus: „Aus dem heiligen Lande, wo in den letzten Jahrzehnten nur an Aufbau gedacht, am Aufbau gearbeitet wird, kommt die Nachricht von Zerstörung, von furchtbaren Geschehnissen. Nicht um die Gemüter aufzurütteln, haben wir uns hier versammelt. Es bedarf dessen nicht. Wir sind hiehergekommen, um unseren Schmerz und unsere Empörung in die Welt hinauszuschreien. Vor wenigen Wochen, am 9. Ab, wiederholten wir in Erinnerung an das Unglück, das vor fast 1900 Jahren über das jüdische Volk hereingebrochen, die Klage des Propheten: .Erschlagen liegen in den Straßen Greise und Jünglinge.' Wir wiederholen auch heute abermals diese Klage über das, was sich in unseren Tagen zugetragen. Der letzte Zionistenkongreß hat ein Ergebnis von weitesttragender Bedeutung gezeitigt, den Anschluß eines großen Teiles der Judenheit zur Mitarbeit an dem Aufbau Palästinas. Alles war darob von Freude erfüllt. Nun hat die Freude in Trauer sich gewandelt. Seit Jahrzehnten haben Männer und Frauen, von Idealismus beseelt, im Schweiße ihres Angesichts den lange vernachlässigten Boden bearbeitet, mit ihrem Schweiße ihn benetzt. Nun haben sie mit ihrem Blute ihn tränken müssen. Eines ist es, was über diesem Jammer uns hinaushebt. Das tapfere Verhalten der jüdischen Männer und Jünglinge. Sie haben bewiesen, daß sie, wie unsere Vorfahren in alter Zeit, hinter keinem Volke an Tapferkeit zurückstehen und daß der gegen die Juden seit jeher erhobene Vorwurf der Furchtsamkeit, der Feigheit eine Fälschung der Geschichte bedeutet. Wir sprechen diesen Tapferen unsere Bewunderung und unseren Dank aus. Wir geben unserer schmerzlichen Trauer Ausdruck um diejenigen, die in diesen Kämpfen den Tod gefunden. Wir nehmen innigen Anteil an dem Schmerze der schwer Betroffenen. Mögen sie sich aufrichten an der göttlichen Verheißung: ,Ich richte wieder auf die Zelte Jakobs, erbarme mich seiner Wohnstätten. Die Stadt wird aufgebaut in ihrer alten Herrlichkeit.'" Um acht Uhr abends fand dann unter dem Vorsitze des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde im Großen Sophiensaale eine Massenversammlung der Gemeindeangehörigen ohne Rücksicht auf ihre religiöse und politische Richtung statt. Oberhalb der Estrade, auf welcher der Gesamt- S1 i ■ Iii Union denfschOsierrelchlscher Juden ■ Wien IX., Berggasse 4 — Tel. A 19-2-77 ■ a E1NLADIJNO S ■ zu der am ■ Hontag, den 16. September, 8 Uhr abends. Im j| greBen Saale des Ingenieur- und Architekten* ■ Vereines, 1., Eschenbachgasse 9 ■ stattfindenden g Versammlung [ TAGESORDNUNG: ■ Die Ereignisse In Palästina s Referate werden erstattet von Vor*- Jj Standsmitgliedern der „Union" S Anschließend Diskussion ■ Das Präsidium der S „Union deutschösterrBlCdischBr ludin' 5 imnanjniMiJS

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