Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 5 überwinden und damit wird man endlich einmal auch die Juden los . . . Der Zarismus wollte die Juden einfach durch Pogrome, Austreibung, Aushungerung los werden, um eine uniforme russische Nation zu haben, die von keinem Fremdstämmigen getrübt wird. Dieser Weg hat nicht zum Ziele geführt. Der Bolschewismus will die Juden auf dem Umwege über das Judentum, über die jüdische Religion los werden. Wenn es keine jüdische Religion mehr gibt, so wird es bald keine Juden mehr geben, wenn das ganze Judentum sich auf ein paar Novellen und Theaterstücke in jiddischer Sprache beschränkt, so wird bald der Jude vom russischen Boden verschwunden sein. Denn diese Novellen und Theaterstücke mögen an sich noch so schön und ästhetisch wertvoll sein, mit der großen, mächtigen russischen Literatur können sie doch nicht konkurrieren, und es ist kein Zweifel, daß schon die nächste Generation sich von diesen jiddischen Literaturschätzen lossagen wird, um gänzlich im unendlichen Ozean der russischen Literatur unterzutauchen. Kann man sich ausmalen, daß die Juden jemals ein Martyrium auf sich nehmen würden, Heimatlosigkeit, Not, Tod, um die jiddische Sprache und die jiddischen Novellen und Theaterstücke zu retten, wie sie es zwei Jahrtausende hindurch um der jüdischen Religion willen getan haben? Das wird doch kein Mensch im Ernst behaupten wollen. In Sowjetrußland herrscht vollständige Religionsfreiheit — aber gegen die jüdischen Einrichtungen, die sämtlich als „Klerikalismus" verpönt sind, wird ein förmlicher Kampf organisiert. Nur einige Beispiele mögen genügen. An den höchsten jüdischen Feiertagen, am Freitagabend und am Kolnidre-Abend wird unter dem Patronat der kommunistischen Partei ein „Schabesnik", bzw. ein „Jörn Kipernik" veranstaltet. Belustigungen oder Zusammenkünfte von Frauen und Mädchen, die Wäsche für die Rote Armee nähen, dann wird getanzt, geschmaust, Spottlieder auf die jüdischen Bräuche werden gesungen. Es gibt zwar jiddische Schulen, aber was und wie wird dort unterrichtet! Wer dabei abgefaßt wird, daß er eine religiöse Zeremonie ausübt, der hat jegliche Stellung und Bedeutung in der kommunistischen Partei verloren. Die ältesten und berühmtesten Synagogen wurden in kommunistische Klublokale verwandelt, an Stelle der heiligen Lade prangen jetzt die Bildnisse von Marx und Lenin. Eine Art häßlicher Karikatur des Judentums wird als Judentum ausgegeben, und darin sollen die Juden ihr Genüge finden. Die Uebersiedlung jüdischer Massen aufs Land hat unter diesen Umständen die Bedeutung, daß sie aus der städtischen Atmosphäre in eine freiere, ländliche kommen, wo sie dieser ewigen antireligiösen Agitation entrückt sind. Mit Bangen fragen sich alle ernsten Elemente unter den russischen Juden, was die Zukunft der jüdischen Religion bringen wird. Vielleicht wird eine Erneuerung und Verjüngung von den jüdischen Bauern ausgehen, die eben auf Veranlassung der Sowjetregierung in verschiedenen Gegenden Rußlands angesiedelt werden. Dann wird die Sowjetregierung wider Willen an dem Fortbestand und der Erhaltung der jüdischen Religion in der Zukunft gearbeitet haben. Der Weltfriedenskongreß der Religionen and das Judentum. Der „Jüdische Friedensbund" (Berlin) versendet nachstehendes Communique, betreffend die Vertretung der jüdischen Gemeinschaft in der Vorkonferenz des Weltfriedenskongresses der Religionen (Frankfurt a. M., 19. bis 23. August). An der zweiten Vorkonferenz des von der „Church Peace Union" vorbereiteten Weltfriedenskongresses der Religionen waren die jüdischen Kreise verschiedener Länder erheblich stärker beteiligt, als an der vorangehenden (Qenf, September 1928). Der inzwischen gegründete „Jüdische Friedensbun d'\ an dessen Spitze Oscar W assermann, Direktor der Deutschen Bank, steht, hatte, der Einladung des Exekutiv-Komitees entsprechend, den Vorsitzenden seines Arbeitsausschusses, Dr. Alfred N o s s i g, zu der Tagung entsandt. Die Begrüßungsansprache an die Konferenz hielt im Namen des Jüdischen Friedensbundes und der Frankfurter Gemeinde Rabbiner Dr. Seligmann. Die Jüdische Gemeinschaft — führte er aus — hat als erste die Friedensidee verkündet, jedoch erst als letzte eine Organisation für die Friedensarbeit geschaffen. Der Grund hiervon lag darin, daß für die Bekenner des jüdischen Glaubens die Friedensliebe etwas Selbstverständliches war. Die jüdische Auffassung der Friedensidee spiegelt sich in nachstehender Erzählung des Talmuds. Ein jüdischer Weiser wurde gefragt: „Wann wird der Messias kommen?" — „Heute — antwortete der Rabbi — wenn Ihr guten Willens sei d." Sobald jeder Einzelne das Bewußtsein haben wird, daß er für Krieg und Frieden verantwortlich ist, dann wird der Friede verwirklicht werden. An der Weckung dieses Bewußtseins mitzuarbeiten, ist die Aufgabe des Jüdischen Friedensbundes. Eine Schwesternvereinigung des „Jüdischen Friedensbundes", die „J e w i s h Peace Association" (London) vertrat deren Präsident Dr. J. H. Hertz, Chief-Rabbi des Englischen Empires. Der Leitung dieser Organisation gehören gegenwärtig auch Lionel de Rothschild, Dr. Claude Mqntefiore, Sir Herbert Samuel, Sir Meyer Spielm a n an. Die amerikanische Judenheit war durch die Rabbiner . Dr. D. de Sola Pool und Dr. Stephen Wise repräsentiert, die polnische durch Rabbi Rubinstein aus Wilna, Mitglied des polnischen Senats. Aus Palästina waren Herr und Frau B e n s i o n, sowie Herr Agronsky eingeladen. Mit stärkstem Beifall wurde die durch den Generalsekretär Rev. Atkinson verlesene Botschaft des großen Philanthropen Nathan S t r a u s ausgenommen. Hier die Hauptstellen dieses umfassenden Kabeltelegramms: „Eine religiöse Weltkonferenz für Internationalen Frieden ist eine Vorläuferin des Tages, an dem die Völker ihr Schwert nicht mehr gegeneinander erheben und nicht mehr Krieg führen lernen werden." „Jetzt, am Abend meiner Tage, wird es mir klarer als je, daß sämtliche Religionen ihre Bekenner ermahnen, im Namen der Vaterschaft Gottes und der Brüderschaft aller Menschen sich zu vereinigen." „Der Tag, an dem Kirche, Synagoge, Moschee und Tempel es gemeinsam ablehnen werden, den Krieg für ihre Bekenner zu sanktionieren, wird der glorreichste in der Geschichte der Menschheit sein." Einen tiefen Eindruck machte auf die aus der ganzen Welt zusammengekommenen Vertreter der elf größten lebenden Religionen die Besichtigung des noch aus der Römerzeit stammenden Jüdischen Friedhofes mit seinen sieben übereinander gelagerten Gräberreihen. Insbesondere von den herrlichen Grabsteinen der berühmten Rabbiner früherer Jahrhunderte, ganz bedeckt von hebräischen Bittschriften der Frommen um Verwendung bei Gott, konnten sich die Konterenzmitglieder kaum trennen. Von besonderer Bedeutung für die gesamte jüdische Gemeinschaft ist der von der Vorkonferenz nach langen Diskussionen gefaßte Beschluß, den religiösen Weltfriedenskongreß nach Jerusalem einzuberufen. Wie Rev. Atkinson offiziell bekanntgab, soll der Kongreß im April 1932 stattfinden. Angesichts des noch ziemlich entfernten Termins wird die englische Mandatar- Verwaltung wohl in der Lage sein, vollkommen gesicherte Verhältnisse in Palästina zu schaffen. Anderseits hat die Judenheit die Möglichkeit, den „Vorläufer des Tages"4, an dem