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Die Wahrheit · 1929-09-13 · Heft 37 (13.9.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 37 (13.9.1929)
Date
1929-09-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT sondern sie sollen ihre Religion ablegen, aufhören, Juden zu sein, dann wird es „von selber" keine Juden mehr geben. Physisch wurden die Juden nicht nur von der ganzen unsagbar drückenden Last, die ihnen der Zarismus auferlegte, befreit, sondern die Regierung will ihren Wohlstand und ihr Leben verbessern, indem sie ihnen den Zugang zur Landwirtschaft eröffnet und sogar mit bedeutenden Mitteln ihren Uebergang zum Ackerbau fördert. Den schauerlichen Ansiedlungsrayon unseligen Angedenkens hat zwar nicht erst die Sowjetregierung abgeschafft, denn schon die Regierung Lwow-Kerensky (1917) hatte alle beschränkenden Judengesetze aufgehoben und den Juden gestattet, im ganzen Reiche zu wohnen. Aber die Erbin von Kerensky ist die Sowjetregierung, und unter ihr genießen die Juden die bisher nicht gekannte Freizügigkeit und Gewerbefreiheit und das nie gekannte, beseligende Gefühl, daß sie allen anderen Bürgern im Reiche rechtlich gleichgestellt sind. — Aber das alles müssen sie dadurch erkaufen, daß sie aufhören, Juden zu sein. Doch nicht etwa die Juden allein sollen aufhören, Juden zu sein, auch die Christen sollen aufhören, Christen zu sein. Es handelt sich hier nicht etwa um eine Ausnahmsbehandlung der Juden. Auch hierin werden die Juden den anderen Bürgern vollkommen gleichgestellt. Das Gesetz, welches verbietet, Kinder unter 18 Jahren in Religion zu unterrichten, gilt für die christlichen Bekenntnisse ebenso wie für das jüdische. Diejenigen, welche mit der Handhabung des Gesetzes beauftragt sind, sind selber auch Juden, die Auftraggeber beabsichtigen nicht etwa, die Juden zum Christentume zu bekehren, im Gegenteil, das Christentum ist ihnen genau so verhaßt wie das Judentum. Sie bekämpfen Nach Tagen erwachte der Leutnant zum Bewußtsein. Er lag in einem Feldbett, neben sich erblickte er den kleinen Levi, der ihn besorgt ansah. Das erste, was der Leutnant sprach, war: „Levi, hast du die Fahne in Sicherheit gebracht?" „Nein. Herr Leutnant---." „Wie, du hast sie dir wegnehmen lassen —, vom Feind — hast auf Beförderung und Auszeichnung verzichtet---?" Kleinlaut antwortete Levi: „Verzichtet — ja, Herr Leutnant —, aber wegnehmen lassen habe ich sie mir nicht! Ich habe sie weggetworfen — um den Herrn Leutnant zu retten---!" Der Leutnant sah eine Weile nachdenklich vor sich hin. Und als er aufsah — rannen Tränen seine Wangen herab, und ehe sich's Levi versehen konnte, ergriff der Verwundete die derbe Hand des Soldaten und drückte sie an seine Brust---." (Der General schweigt plötzlich, seine Lippen zittern.) Der Dichter: „Und woran begann der Leutnant in diesem Moment zu denken, woran er nie gedacht hat — vordem?" Der General: „An die Menschlichkeit des Juden Levi — an die Menschlichkeit, die der Jude über alles stellte---!" Der Dichter (höhnisch): „An die Menschlichkeit des Levi — oder des Juden Levi?" Der General: „An die des Juden Levi! Ich sagte es schon!" Der Dichter: „Und was wollen Sie damit beweisen, Herr General?" Der General: „Nichts! Ich habe nur ein Erlebnis erzählt — ein Erlebnis eines jungen Infanterieleutnants — der jetzt als greiser General vor Ihnen sitzt! — Nicht wahr, Herr Dichter, mein Bursche war kein Veitel Itzig---?" (Der Dichter verabschiedet sich, ohne zu antworten. General und Gelehrter sehen sich lächelnd an.) — Vorhang. — die Religion als solche mit Waffen, die von einem Manne jüdischer Abstammung geschmiedet worden sind. Karl Marx hat den Ausspruch geprägt, der an den Frontseiten der amtlichen Sowjetgebäude prangt: „Die Religion ist Opium für die Völker." Natürlich wirkt sich der Kampf gegen die jüdische Religion ganz anders aus, als jener gegen die christliche. Die christlichen Kirchen haben ihren Hauptsitz in den Dörfern, wo der Einfluß der Sowjetregierung bekanntlich ganz gering ist. Die Bauern haben das durch die Vernichtung der Herrenklasse frei gewordene Land unter sich aufgeteilt, und mit diesem Dienst, den ihnen die Bolschewiki geleistet haben, begnügen sie sich und denken gar nicht daran, sich die kommunistische Gesinnung anzueignen. Als die Regierung vor einigen Jahren eigene Funktionäre anstellte, die unter den Bauern „erzieherisch" wirken und ihre Denkart kontrollieren sollten, da halfen sich die Bauern damit, daß sie eine ganze Anzahl dieser Leute in kurzer Zeit kalt machten. Die Regierung ließ sich das gesagt sein und behelligt seither die Bauernschaft nicht. Die christlichen Kirchen bleiben gefüllt wie zuvor, und wir haben es im vorigen Jahre erlebt, daß die Regierung mit dem Hochklerus ihren Frieden gemacht hat. Die Juden dagegen sind meist in den Städten konzentriert, wo der Kommunismus sich am meisten austobt, und ebenso die jüdische Bevölkerung wirtschaftlich von ihm am härtesten betroffen wird, hat die jüdische Religion am meisten unter dem Einfluß seiner Lehren zu leiden. Schon der Umstand allein, daß Unterricht in der Religion und im Hebräischen erst mit 18 Jahren gestattet ist, macht es praktisch unmöglich, die Judenkinder in ihrem zartesten Alter religiös zu erziehen. Die Jugend wächst ohne jede Kenntnis des Judentums auf. Die Lehrer, die wie ehemals die Marranen, im geheimen dieser Unterrichtstätigkeit nachgehen, erleiden schwere Strafen, wenn sie abgefaßt werden. (Vgl. die sich wiederholenden Meldungen dieser Art in unserem Blatte. D. Red.) Es ist öfters vorgekommen, daß ein solcher „Verbrecher" von einem Gerichtshof, der aus lauter Juden bestand und in jiddischer Sprache amtierte, zu 8 bis 10 Monaten schweren Kerkers verurteilt wurde. — Die Sowjetregierung bietet nämlich den Juden auch einen „Ersatz" für das ihnen genommene Judentum in der jiddischen Sprache und „Kultur". Jude ist, nicht wer sich zur jüdischen Religion bekennt, sondern wer Jiddisch spricht und die jiddischen Dichter liest. Wer mit einem Knaben unter 18 Jahren den Jesaias in der Ursprache liest, der wird schwer bestraft. Aber die Regierung veranstaltet populäre Ausgaben; von den Werken des Mendele Mojcher Sforim und anderen Schriftstellern, errichtet ihnen Denkmäler, die Ukrainische Akademie hat eine besondere Abteilung für jiddische Sprache eingerichtet, das jiddische Theater wird von der Regierung subventioniert. Kurzum, es ist ein ganzes Neben- und Unterjudentum im Werden begriffen, das sich an die Stelle des wirklichen Judentums schiebt und es aus dem Bewußtsein der Juden zu verdrängen strebt. Die Juden sollen, das scheint erstrebt zu werden, sich das alte echte Judentum abgewöhnen und in dieses neue Judentum hineinleben, das ja ohnehin nicht von langer Lebensdauer sein würde ... So wird man das Judentum langsam

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