Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Es ist nicht möglich, hier detaillierte Vorschläge zum Agency-Problem zu machen. In der zuständigen Körperschaft wird darüber ausführlich beraten werden. Es seien hier nur Andeutungen über Lösungsmöglichkeiten gegeben. Das Budget der Agency, das für kulturelle Institutionen inkl. Schuldendeckung Mk. 104.275.— vorsieht, wurde sowohl auf dem Zionistenkongreß als auch auf der Council-Tagung der Agency als Ganzes behandelt und angenommen. Sollte dies auch bei den kommenden Tagungen der Agency beibehalten werden, so würde die Aguda in der Agency dauernd zur unfruchtbaren und aussichtslosen Opposition auch in politischen und wirtschaftlichen Angelegenheiten verurteilt sein, weil sie ein als Ganzes präsentiertes Budget wegen seiner Kulturpositionen stets ablehnen müßte. Wird das Budget jedoch sowohl auf der Einnahmenwie auf der Ausgabenseite in einen politisch-wirtschaftlichen Teil und in einen vollkommen gesonderten Kulturetat geteilt, so hätte die Agudavertretung die Möglichkeit, sich an den kulturpolitischen Verhandlunsen prinzipiell überhaupt nicht zu beteiligen. Die Formel für unsere teilweise Mitarbeit in der Agency wäre dann folgende: „Da die Agency durch das Mandat eine staatliche Institution und Behörde geworden ist und wir durch die Agency politisch-wirtschaftliche Voraussetzungen für eine Aliiah gesetzestreuer Juden schaffen wollen, erklären wir. daß wir uns an den politischen und wirtschaftlichen Arbeiten der Agency beteiligen werden. Mit der kulturellen Tätigkeit der Agency haben wir keine wie immer geartete Gemeinsamkeit und behalten uns vor. außerhalb der Agency ein unabhängiges, gesetzestreues Schul- und Kulturwerk zu errichten." Ich glaube, daß in dieser Richtung ein Ausweg gefunden werden wird. Die Zionistische Organisation mußte sich nach neuen Mitarbeitern umsehen: sie hat sie in der Agency vereinigt. Auch wir sind zu schwach, um allein eine nennenswerte politische und wirtschaftliche Erez Jis- Toel-Arbeit zu leisten abgesehen davon, daß wir unmöglich die staatsrechtliche Position der Agency ignorieren können. Die politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen für ein jüdisches, seinem Gotte nahes Erez Jisroel können wir, müssen wir mit den anderen schaffen. Aber die geistigen Grundlagen für den Bau des kommenden Judenlandes werden in unseren Landsiedlungen und in unseren Jeschiwaus vorbereitet werden. Man muß sagen, daß dieser Kompromißvorschlag manches für sich hat, vielleicht wird er die Basis für eine Zusammenfassung der auch in der Agudah widerstreitenden Ansichten bilden. Viel Konfliktstoff hat schon diese Frage geboten; möge wenigstens im Parlament der orthodoxen Judenheit, die von so erleuchteten Führern geleitet wird, eine Einigung gefunden werden, die alle befriedigt und dem gesamten Judentum zum Heile gereicht. Ruhe in Palästina. In Palästina ist wieder Ruhe eingetreten. Das traurige Fazit der Kämpfe ist nach einem amtlichen Communique: 196 Getötete und 350 Verwundete bis zum 31. August. Der materielle Gesamtscliaden ist zur Stunde noch immer unübersehbar. Die Beendigung der greuelhaften Kämpfe im Heiligen Lande stellt die Judeiiheit der ganzen V/elt vor eine völlig neue Situation. Gewiß, es wurde immer wieder von verantwortungsvollen Politikern vorausgesagt, daß in absehbarer Zeit in Palästina eine Katastrophe eintreten müsse, denn das Araberproblem dränge zu einer Entscheidung. Aber die Wichtigkeit der Lösung dieser Frage wurde leider immer wieder übersehen, man ging über sie, fast könnte man sagen, zur Tagesordnung über. Und nun hat dieses bisher so arg vernachlässigte Problem eine Lösung gefunden, die das Entsetzen der ganzen gesitteten Welt hervorgerufen hat: Blut ist im Heiligen Lande geflossen! Jetzt erst sieht man, welch schwere Sünden man begangen, als man der Erledigung dieser Frage ausgewichen, sie einfach als nicht wichtig aufge- 9&MmMM4*%039% Der Jade, der Leutnant und die Fahw. Von Josef Kaplan (Fulda). (Klubzimmer. Um einen Rauchtisch sitzen in tiefen Sesseln ein Dichter, ein Gelehrter und ein alter General.) Der Dichter: „Ich weiß — wer meine Schriften liest, hält mich für einen Antisemiten . . . Aber es ist mir auch einerlei, ich bin eben ein wahrheitsliebender Schilderer und kann nichts beschönigen oder verschweigen, auch auf die Gefahr hin, daß mich gewisse Leute hassen. Aber im Grunde genommen., bin ich kein Antisemit! Ebensowenig, als es Gustav Freytag gewesen ist, der in seinem „Soll und Haben" Tatsachen zeichnete — ja Tatsachen! — die Habsucht, die Hinterlist, die Rücksichtslosigkeit, das Ueber-Leichen-Gehen, die Feigheit, den strafbaren Egoismus des Juden. Er erkannte das überwiegende Schlechte in dem jüdischen Menschen. — Nein, Freytag war kein Antisemit, er war ein großer Menschenkenner, er fand die vielen Veitel Itzigs aus der Menge heraus und beleuchtete sie für die Welt. Es war ein tapferes Unterfangen — aber Gerechtigkeit, unbestechliche Gerechtigkeit verleitete Frey tag dazu. — So ist der Jude, meine Herren! Der Veitel Itzig lebt noch und wir können ihn nicht stets rücksichtslos genug der Oeffentlichkeit zeigen. Wir können einen Menschen tadeln, müssen aber nicht sein ■ Feind sein! Ich bin kein Antisemit, sondern ein gerechter Kritiker. Sagen Sie meinetwegen: ein Antisemit aus Gerechtigkeit. — —" Der Gelehrte: „Ein Antisemit aus Gerechtigkeit? Wenn es einen solchen gibt, dann ist der Antisemitismus kein Problem mehr! — Berechtigter Haß? Daß ich nicht lache! Mein Dichter, Sie reden wie alle anderen Antisemiten, die sich darin gefallen, „Kritik" zu üben. Sie kommen sich furchtbar erhaben vor, wenn sie die Worte finden, mit denen sie den Wert eines Volkes „kennzeichnen" können — und mischen sie noch einen Tropfen Gerechtigkeit hinein, dann steht bei ihnen ihr lauterer, ehrlicher Sinn fest.--— Das Wort Antisemit ist eine beschönigende und besänftigende Bezeichnung für eine blinde und blutige Feindschaft. Judenfeind sollte es heißen! In diesem Wort liegt Verantwortung und offener Sinn. — Sieh, ich bin dein Feind! Und als ein solcher hasse «tn und bekämpfe ich dich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln! Und weil ich dein Feind bin, darf ich von Gerechtigkeit nicht reden, — ein Feind fragt nie nach Gerecht'gkeit! — Herr Dichter, Sie haben Ihren Standpunkt wie viele andere und wollen ihn nicht verlassen, eben Ihrer Feindschaft wegen — aber haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie das Recht haben, in Ihre Feindschaft die Wertung eines Volkes zu legen? — Ist es nicht eine ungeheuere Anmaßung, wenn wir aus angeborener Abneigung die Moral eines Volkes streichen? — Der Feind sieht da Fehler, wo der Freund Vorzüge findet —!" Der Dichter (ironisch): „Und — kann man nach Ihrer Meinung diese „Feindschaft" nie rechtfertigen---?" Der Gelehrte: „Nein! Feindschaft ist nie gerecht, wie ich schon sagte!" Der Dichter (mit verhohlenem Aerger): „So wissen Sie vielleicht, daß diese — Abneigung — aus der Welt geschafft werden kann?" Der Gelehrte: „Ja! Ich glaube es zu wissen!" Der Dichter: „Ah---!" Der Gelehrte (lauter): „Vollkommene Kenntnis des anderen — seiner Eigenarten — Verständnis für alles, was von drüben kommt — gemessen am eigenen Denken, Fühlen und Handeln — gerecht gemessen — selbstlos — ohne Eigenliebe und Egoismus — führt zur Beseitigung der trennenden Kluft---!"