Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 37 (13.9.1929)
- Date
- 1929-09-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064233--17454-3087579- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Hebron 1× ep/1047559
- Safed 1× ep/1046078
OCR text
Preis dieser Nummer 50 droschen palt dmm Ver3ffentlidiun$en der „Union detttschösterr. Jaden***' and den . * »AmffidbeH Verlautbarungen der Israelifisdien r - Kultusgemeinde Wien" j -L^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 13. September 1929 Nummer 37 Der 2. Kenessio Gedaulo zum Gruß! In unserer Stadt tagt seit Dienstag der zweite Weltkongreß der Agudas Jisroel, die zweite Kenessio Gedaulo. In dieser machtvollen orthodoxen Weltorganisation sind alle jene thoratreuen Elemente vereinigt, die im Judentum ein religiöses Gebilde, frei von allem unjüdischen nationalen Beiwerk, erblicken. Wien war bereits einmal der Schauplatz einer Manifestation dieser für die Judenheit so bedeutungsvollen Richtung; im Jahre 1923 tagte hier die erste Kenessio Gedaulo. Es ist ein Beweis für die Gastfreundschaft unserer Vaterstadt, daß auch diesmal die Wahl auf Wien als Tagungsort gefallen ist, und wir österreichischen Juden schätzen uns glücklich, daß man diese unsere schöne Stadt ehrende Wahl getroffen hat. So sehen wir nun bereits seit der Vorwoche ein geschäftiges Treiben in den Tagungsgebäuden, denn dem eigentlichen Kongresse ging eine wichtige Beratung des Rabbinischen Rates voran, die wohl die Grundlagen für die Kongreßverhandlungen geschaffen hat. Gewaltige Probleme stehen diesmal zur Diskussion, an der sich 500—600 Delegierte aus aller Herren Länder beteiligen sollen. (Die Zahl der Gäste wird auf mindestens 2000 geschätzt, von denen ein starker Prozentsatz Jugendliche sein werden, die ebenfalls hier eine eigene Weltjugendtagung abhalten.) Wir wünschen allen diesen Beratungen den besten Erfolg; mögen die gefaßten Beschlüsse der Judenheit der ganzen Erde zum Segen werden und dem orthodoxen Judentum im besonderen Ansporn zu neuem Schaffen bieten. Wenn wir die/Tagesordnung des auf acht Tage berechneten Kongresses überblicken, so stoßen wir auf Probleme, die tatsächlich heute das Um und Auf der Erhaltung des religiösen Judentums bilden: Erziehungs-, soziale und ökonomische Fragen sollen in ernster und würdiger Weise besprochen werden, die uns allen am Herzen Herren. Ein eigenes Referat soll die furchtbare Lage des religiösen Judentums in Sowjet-Rußland behandeln; man kann also gespannt auf die Entwicklung des vielversprechenden Kongresses blicken, der uns aufzeigen wird, wie das orthodoxe Judentum sein Haus bestellen will. Am interessantesten dürften sich wohl schon angesichts der furchtbaren Ereignisse im Heiligen Lande die Beratungen über Palästina gestalten. Es ist bekannt, daß das orthodoxe Judentum bei den gräßlichen Metzeleien die stärksten Verluste erlitten hat; die Toten an der Klagemauer und in den Jeschiwahs von Hebron, Safed und anderen Orten waren Märtyrer ihres Glaubens, denen eine ergreifende Trauerkundgebung bei der Eröffnungssitzung bereitet wurde. Die Agudas Jisroel steht bekanntlich der Jewish Agency ablehnend gegenüber, ist in sie nicht eingetreten, weil diese neben ihren politischwirtschaftlichen Arbeiten auch eine der Agudah nicht genehme kulturelle Tätigkeit entfalten will. Eine starke deutsche und amerikanische Gruppe ist nun bestrebt, die orthodoxe Weltorganisation zum Eintritt in die Agency — natürlich unter gewissen Bedingungen — zu veranlassen. So macht Dr. Robert Weiß, Berlin, im Centraiorgan für das orthodoxe Judentum, dem Frankfurter „Israelit" unter anderem folgenden Kompromißvorschlag : ... Die zweite Kenessio Gedaulo findet eine vollkommen veränderte Situation vor. Die Agency ist nunmehr eine völkerrechtliche Tatsache geworden und hat in ihre Konstitution die Pflege jüdischer Kultur und die Befriedigung religiöser Bedürfnisse aufgenommen. Es ist heute praktisch nicht mehr möglich, eine Revidierung der Verfassung in der Richtung zu erreichen, daß alle Kulturarbeit aus dem Tätigkeitsbereich der Agency ausgeschieden werde. Wir stehen also vor der folgenschweren Entscheidung: Sollen wir angesichts dieser Situation uns resignierend vom Palästinawerk der Agency vollkommen isolieren oder können wir mit Zustimmung des rabbinischen Rates Voraussetzungen formulieren, die es uns ermöglichen würden, trotz dieser Konstitution an einem Teil der Agency- Arbeiten mitzuwirken? Ich glaube, daß wir die historische Pflicht haben, auch die letzten Möglichkeiten einer Verständigung mit den anderen Volksteilen zu suchen. Die Agency ist gemäß dem Palästinamandat die legale jüdische Behörde für Einwanderungsangelegenheiten und öffentliche Arbeiten. Wir konnten mit einer gewissen Berechtigung die ausschließliche Kompetenz der Zionistischen Organisation in diesen Angelegenheiten bestreiten, weil sie gemäß den Mandatsbestimmungen ja zwischenzeitlich nur als orovisorische Agency fungierte. Die heutige, von England und dem Völkerbund anerkannte Agency ist ein definitives, völkerrechtliches Gebilde mit Behördencharakter. Das schafft meines Erachtens eine völlig veränderte Rechtslage. Wir machen unseren Aulim iede legale Immigration als Agudisten unmöglich. Von Arbeitsbeschaffung durch die Aeency gar nicht zu reden, wenn wir nicht in irgend einer Form uns an der Agency beteiligen. Wenn wir nicht zu einem positiven Ergebnis kommen, wird es keine asrudistlsche Iniinieration geben.,,