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Die Wahrheit · 1929-09-06 · Heft 36 (6.9.1929) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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i Seite 6 nwffl*1 Dl£ WAHRHEIT religiöse Gefühl, das im Verschwinden begriffen war, hoch. Moses Mendelssohn bemühte sich, die Existenz Gottes zu beweisen. Noch waren damals Wissenschaft und Kunst in Deutschland nicht Allgemeingut geworden. Nur einzelne Männer, auserwählte Geister, konnten sich ihr hingeben, das Volk aber nahm am geistigen Leben keinen Anteil und, anders als in Frankreich, gab es hier keine Enzyklopädisten, die es sich zur Aufgabe gemacht hätten, die Wissenschaft dem Volke zu bringen. Die Aufklärung konnte daher keine Massenbewegung werden. Es ist daher auffallend und bemerkenswert, in wie kurzer Zeit dieser aus Paris nach Berlin importierte Aufklärungsgeist seine Wirkung auf die noch sehr junge und kleine, aber reiche jüdische Gemeinde Berlins ausüben konnte. Eine große Zahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinde verstand französisch und konnte sich daher den Werken Voltaires, der über Religion und Moral spötteite, und dem überemptindlichen, die Rückkehr zur Natur predigenden Rousseau hingeben, die beide auf das Denken und die Moral der Juden schlecht einwirken mußten. So ist es auch verständlich, daß die jüdische Gemeinde Berlins zum Zentrum der neuen Aufklärung werden konnte, ohne aber gleichzeitig das Zentrum der deutschen Judenheit zu sein. Dieses stand damals ganz oder fast ganz auf der Kulturstufe des polnischen Judentums und war in der jüdischen Tradition verankert. Die innerjüdischen Reibungen und die scharfen Auseinandersetzungen wegen der rasch fortschreitenden rationalistischen Aufklärung häuften sich daher mehr und mehr. Man wollte die Mauern der traditionellen Abgeschlossenheit sprengen und die überlieferten Grundsätze im Sinne der neuen französischen Ideen reformieren. Die Gleichheit aller Bürger, die Umformung und die Neugestaltung des bisherigen Lebenswandels ward ihr Ziel. Der fortschreitende wirtschaftliche Aufstieg, die rege Geistestätigkeit der aus Polen stammenden Juden, die für alles Neue sehr empfänglich waren, befruchtete und belebte diese Tendenz und trug viel zu ihrer Entwicklung und Stärkung bei. Aber bei all diesem Erneuerungsdrang achtete man doch das Althergebrachte und vermied es, das Ueberlieferte ganz von sich abzustreifen, sich des Judentums ganz zu entäußern: der Inhalt, das Wesen sollten ja dieselben bleiben, die Form allein sollte geändert werden! Der neue Geist sollte nicht etwa an die Stelle des alten treten und ihn nicht verdrängen, vielmehr sollte der enge, unbewegliche und durch alle Zeiten hindurch identische Grund alles Menschlichen und Göttlichen im neuen, zeitgemäßigen Gewände klar und wesentlich, offen und ohne Beiwerk in die Erscheinung treten. Den jüdischen Rationalisten ging es aber nicht um ein tiefes, sondern um ein oberflächliches Wissen, nur um einen äußeren Glanz. Es sollte nicht das Judentum, nicht seine Werte, nicht sein Wesen dargetan und verteidigt, sondern die Gemeinschaft der Juden und ihr persönliches Wohl geschützt werden. Moses Mendelssohn sollte der Verfechter und die Stütze dieser Idee In Berlin seit 1743 erzogen (er war 14- oder löjährig aus Dessau dorthin gekommen), war es Moses Mendelssohn, der mit 24 Jahren schon mit den größten Denkern Deutschlands, mit seinen geistigen Führern den Weg der Refoim des Geistes bahnte. Nicht wie einer der Maskilim, der „Aufgeklärten Rationalisten" aus Polen oder Litauen predigte er den „Kampf des Lichtes mit der Finsternis4', sondern er wollte den anderen Vorbild und Beispiel sein. Doch nicht gar zu leicht war es, das Licht der westlichen Aufklärung in das Reich der Dunkelheit eindringen zu lassen. Die Juden Deutschlands bedienten sich damals noch nicht der deutschen Sprache, sondern der hebräisch-deutschen Mundart, wie sie heute noch bei den Juden im Osten Europas und zum Teil auch in Amerika gesprochen wird. Es war daher nicht leicht möglich, ihnen die verschiedenen Wissensgebiete in ihrer Sprache zugänglich zu machen. Dazu kam noch der Mosterreichs grösste photofirma |||| PHOTO WE1TZMANN IWIEN II II., PRATERSTR. 9 II., TABORSTR. 36 II UNO ZAHLREICHE FILIALEN llUI Eifer der Traditionstreuen, die jeden als Ketzer verfolgten, der sich mit den weltlichen Wissenschaften befaßte. Ein. langer, harter Kampf war nötig, um diese Eiferer, wenn auch nicht ganz zu besiegen, so doch ihren Einfluß wenigstens zurückzudrängen. Einen wesentlichen Anteil daran hat Moses Mendelssohn. Seine Uebertragung einzelner Teile der heiügen Schrift in ein korrektes Deutsch (zum Teil in hebräischen Lettern), sollte den Juden zuerst die deutsche Sprache lehren und ihnen allmählich den hebräisch-deutschen Jargon abgewöhnen. Gleichzeitig aber sollte dadurch auch der eigentliche logische und grammatikalische Sinn der Sätze herausgearbeitet werden unter Vermeidung aller Deuteleien, die den Sinn des Urtextes der Thora störend beeinflußt haben. Los vom Talmud — zurück zur Bibel, wurde die Parole und damit auch das Verlangen nach Verbesserung des durch das viele Talmudstudium verwahrlosten hebräischen Stiles. Für die nicht deutsch Sprechenden sollte die hebräische Sprache zum Mittler zwischen dem Geiste des Judentums und dem der Zeit werden. Bibel und hebräische Grammatik sollte man daher pflegen. Es wurde eine „Gesellschaft der Freunde der hebräischen Sprache" gegründet, wodurch die Maskilim betonen wollten, daß die Haskala „nicht zerstören, sondern aufbauen will." Dies alles ist im größten Ausmaße der eigenartigen Persönlichkeit Moses Mendelssohn, seiner Besonderheit und Ruhe, seiner Bescheidenheit und Mäßigung, seinem sanften Wirken und gediegenen Wissen zu verdanken. Dadurch übte er einen starken Einfluß auf seine ganze Umgebung aus. Konsequent und ausdauernd ist Moses Mendelssohn in seinem Auftreten; nach und nach wirkend, nie aber zurückweichend, dringt er mit seinen wohlüberlegten Gedanken vor. Früh ward bei ihm das Bedürfnis nach tief eingreifenden Reformen geweckt, und im Verborgenen reifte verheißungsvolle Saat für eine neue Entwicklung. Nicht aber den Kampf mit der Vergangenheit wollte er aufnehmen, auch nicht das Bestehende für abgestorben und unhaltbar erklären, wie wir Aehnliches wiederum in neuester Zeit in den verschiedensten Staaten und bei vielen Völkern erlebt haben, er wollte weder neue Glaubenssätze aufstellen, nicht alte Satzungen aufheben, nicht ais neuer Gesetzgeber wollte er auftreten. Es gelang ihm, die Fesseln zu lösen, die um den Geist gewunden waren und eine neue Bewegung, ein neues Leben in den Geistern zu wecken. Es ist Moses Mendelssohn gelungen, die Aufgabe und das Ziel der flaskala zu erreichen und durch sein Werk im Juden zugleich die Teilnahme an den Werken der Menschheit, wie auch an seinem eigenen jüdischen Leben zu wecken. Er hat damit ihre Rechte, als freie, gleichberechtigte Bürger der menschlichen Gesellschaft auftreten zu dürfen, dargetan. Von Innen heraus mußte dieser Geist den Juden frei machen und Moses Mendelssohn übernahm es. wenn auch spät, ihr Lehrer zu werden. Durch die Uebersetzung der Thora. der Psalmen und noch anderer Teile der heiligen Schrift ins Deutsche, erreichte er, daß der Lehrinhalt des Judentums von neuem zum Gegenstand des Forschens wurde und so zu neuer Erkenntnis führte. Zugleich aber wurde damit den profanen Kenntnissen der Weg geebnet. Aber nicht allein die Uebersetzung war es, die nun solche Wirkung auszuüben vermochte, vielmehr sollte dazu der hebräische Kommentar beitragen, den Mendelssohn seiner Uebersetzung hinzufügte und welcher den einfachen Wortsinn erklärte und die Regeln der Grammatik enthielt. Dadurch ist wiederum eine Anregung gegeben worden, in welcher Weise man foitzufahren habe. Schonend nahm auch hier Moses Mendelssohn auf die Gewohnheiten und auf das Ueberlieferte Rücksicht, um keine Gefühle zu verletzen. In der Einleitung zu seiner Bibelübersetzung erzählt er uns, wie der Unterricht seiner Söhne ihn zu seiner Uebersetzung veranlaßt habe. Belehrend zählt er die früheren Uebertragungen des Alten Testaments in verschiedene Sprachen auf und bemerkt, daß seit 1679, als die Bibel mit einer jüdisch-deutschen Uebertragung von Rabbi Josel Witzenhausen zu Amsterdam erschien, sich jüdischerseits niemand gefunden habe, um die heilige Schrift für die heranwachsende jüdische Jugend zu bearbeiten. Er weist ferner auf die daraus hervorgehenden Uebel hin, wenn das heranwachsende Geschlecht gezwungen sein würde, sich Belehrung aus Bearbeitungen von Gelehrten anderer Bekenntnisse zu holen, die die jüdische Tradition nicht berücksichtigen. Doch scheut sich Mendelssohn nicht, auch Arbeiten christlicher Gelehrter gelegentlich zum Studium zu empfehlen, namentlich Eichhorns Einleitung zum Alten Testament, was bei Berücksichtigung der damals herrschenden Ansichten als eine mutige Tat angesehen werden darf. I i

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