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Die Wahrheit · 1929-09-06 · Heft 36 (6.9.1929) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 von Sagen um seine Gestalt und am Lag Baomer pilgern noch heute viel fromme Männer und Frauen zu seinem Grabe. So war der Ahnherr der großen Berliner Bankherren von Mendelssohn-Bartholdy beschaffen. Gabriel Riesser, dessen Biographie oft geschrieben und dessen Verdienste um die Judenemanzipation oft gewürdigt wurden, war der Sohn des Sekretärs der jüdischen Gemeinde in Hamburg Elasar (Lazarus), Sohn des Rabbiners von Riess, Jakob Katzenellenbogen. Aus dem Städtchen Katzenellenbogen (im Hessen-Nassauischen), wo Juden schon am Anfang des 13. Jahrhunderts erwähnt werden, verbreitete sich die Familie über ganz Deutschland, Polen und Italien aus. Sehr zahlreiche, bedeutende Männer sind aus ihr hervorgegangen. Der berühmteste unter ihnen war M a h a r a m Padua, geb. um 1482 in Katzenellenbogen und gestorben als Rabbiner von Padua 1565 (übrigens ein Verwandter des Rama). Seine Nachkommen nahmen bedeutende Stellungen in der Judenheit ein, einer von ihnen war der berühmte Eintagskönig von Polen S a u 1 Wahl. Andere Männer dieses Stammes wurden vielfach aus Polen nach Westdeutschland berufen. Einer von diesen war der Vater des Lazarus Riesser. Lazarus Riesser war der Schwiegersohn des berühmten Oberrabbiners von Hamburg Raphael H a k o h e n, eine der ehrwürdigsten Gestalten seiner Zeit. Er war geboren 1722 in Minsk, das damals zu Polen gehörte. Seit seinem 20. Lebensjahre bekleidete er Rabbinate in Polen, bis er 1752 zum Rabbiner von Posen ernannt wurde. Vier Jahre später wurde er zum Oberrabbiner von Hamburg berufen, an seine Stelle trat sein blutjunger Schwiegersohn Hirsch Janow (den Namen führen viele Städtchen in Polen), den man C h a r i f (Scharfsinger) zubenannte. Es verlohnt sizh, in Salonion Maimons Selbstbiographie nachzulesen, mit welcher Bewunderung, Ehrfurcht und Dankbarkeit dieser zynische Spötter und Skeptiker von ihm spricht. Dieser wunderbare Mann war also der Onkel von Gabriel Riesser. Auch Ludwig Philippson stammte, wie seine beiden Vorgänger, von altjüdischem Geistesadel ab. Ludwigs Vater, Moses Philippson, der 1814 zu Dessau als Lehrer an der dortigen jüdischen Freischule verstarb, war, wie uns Kayserling erzählt, der .Urenkel des 1680 in Krakau geborenen Gelehrten Jakob Josua Falk, der Enkel des hochberühmten Krakauer Rabbiners Jakob H e s c h e 1. Jakob Josua Falk bekleidete die Stellung eines Rabbiners mehrerer kleiner Gemeinden des späteren Ostgaliziens Podhajce, Tarlo, Lisko, dann Lemberg, von wo er nach Krakau und von da nach Metz, Berlin und Frankfurt am Main berufen wurde. Er hat sich ein unvergängliches Denkmal errichtet durch eine noch heute in der talmudischen Welt berühmtes Werk „P e n e J eh o s c h u a". Moses Philippson hing mit besonderer Liebe und Zärtlichkeit an seinem zweiten Sohn Ludwig. Er sagte oft: Aus den Augen dieses Kindes lese ich sehr viel. Er wird ein Menschenfreund und ein kraftvoller Mann werden. Ludwig hat bekanntlich die Hoitnungen des Vaters in hohem Grade erfüllt. Als Moses Philippson, kaum neununddreißig Jahre alt, sein Ende herannahen fühlte, rief er der verzweifelten Gattin zu: „Jetzt ist es Zeit zu zeigen, daß wir gottgläubig sind, indem wir alles mit Ergebung ertragen. Ich will sterben, wie es sich für einen Enkel des Pene Jehoschua geziemt." Sein Sohn Ludwig war an zweiter Stelle der Fortsetzer Mendelssohns im Werke der Judenemanzipation. —1. Moses Mendelssohn und die Haskala. Von Abraham M. Kohn-Asulay, Heidelberg. „Fortschritt, Entwicklung, mithin Unendlichkeit, ist Nerv des menschlichen Geistes. Mißt er die Harmonie des Alls nicht aus, so ringt er doch danach. Die Harmonie ist Gott." Moses Mendelssohn. Zur selben Zeit, als in Polen der messianische Mystizismus in die Volksbewegung des Chassidismus überging, wodurch er seinem Untergänge durch die Verfolgung der Rabbiner widerstehen konnte, verlor er im benachbarten Deutschland an ttoden. Hier nämlich trat dem Rabbinismus, wie überhaupt der Ghettokultur, die Auiklärungsbewegung, die Haskala*), entgegen, die mit dem Namen Moses Mendelssohn verknüpft ist. Langsam, aber unentwegt bahnte sich hier eine neue Idee ihren Weg. Die um religiöse und soziale Reformen ringende Zeit schuf für die von altersher geheiligten Anschauungen und Sitten. Bräuche und Gepflogenheiten, andere, die sie für fortschrittlich hielt, und verkündete den Völkern neue Grundsätze und gab ihnen neue Lebensinhalte. Auch in der in tiefster religiöser Anhänglichkeit und gläubiger Observanz versunkenen ost- und mitteleuropäischen Judenheit begann es heftig zu gären. Die neuen Geistesströmungen des 18. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Menschenliebe und der Duldsamkeit, vor allem aber des Rationalismus und des Freidenkertums, welche beide die innere Befreiung des Menschen noch vor der politischen Befreiung des Bürgers für wichtig erachteten, begannen gefährliche Breschen in die jüdischen Gemeinschaften zu schlagen. Der Geist der Aufklärung und der Forschung im Sinne des Rationalismus lockerte auch hier die Formen und den Zusammenhang traditioneller Gemeinschaften. Die Besserung der wirtschaftlichen Lage und mit dieser der allmählich fortschreitende soziale Aufstieg der Juden Deutschlands gaben auch ihrem Geistesleben einen starken Impuls und begannen Legalität für die neuen Formen und Ideen zu fordern. Friedrich der Große schätzte und liebte die französische Aufklärung, bis zur Verachtung alles Deutschen — das von ihm regierte Volk aber konnte und wollte in seiner Masse die Anschauungen und die religionsfeindlichen Ansichten seines philosophierenden Königs nicht verstehen und teilen. L e s s i n g trat sein Leben lang für Menschenliebe ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses ein und schätzte das *) Unter Haskala verstehen wir jene Bewegung des 18. und 19. Jahrhunderts, die eine Synthese zwischen Judentum und Umwelt unter Sprengung der traditionellen Formen und Verbreitung allgemeinen Wissens unter den Juden schaffen wollte. Ihre Anhänger werden M a s k i 1 i m genannt. Diese Tendenz wurde am stärksten durch Moses Mendelssohn, wie wir auszuführen haben werden, verkörpert. ™ ro Kommt zur zweiten Kenessio Gedaulo IWIITKONGRIS IftAGUDt&JlSROE JtUUE&^U. SOTCffiS Wiener Sofiensäle Der PrdS für die Gastkarte, die zum Eintritt zu allen öffentlichen Tagungen des achttägigen Kongresses berechtigt, beträgt $ 20.—. Zur Eröffnungssitzuno ÄÄ'TSS'ÄSSiÄ lösen, da eine große Anzahl Karten von ausländischen Gästen vorbestellt wurde. ttitailrtra Wien II., Malzgasse Nr. 12 a Eingang Laopoldsgasse 16

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