Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Moses Mendelssohn and seine Nachfolger im Kampfe für die Befreiung der Juden. Nichts kennzeichnet besser die wunderbare Karriere Moses Mendelssohns und die Tragweite seiner Wirkung auf das Schicksal seiner Glaubensgenossen, als die Zusammenstellung folgender historischer Daten: Im Jahre 1743 steht der arme, verwachsene, kränklich aussehende vierzehnjährige Knabe vor den Toren Berlins, Einlaß begehrend. Er muß, als wäre er ein Kalb oder ein Füllen, Leibzoli bezahlen, die demütigendste Judensteuer, wenn auch lange nicht die drückendste. Nach einige Jahrzehnten bitterer Not, schwerer Arbeit, aber auch glücklichen Gelingens wird er nach Potsdam beordert, um sich vor dem König zu rechtfertigen, weil er dessen Gedichte in einer viel gelesenen Zeitschrift kritisiert hat; bescheiden, aber ohne Unterwürfigkeit, gerecht, aber scharf, ohne Ranküne, aber auch ohne Scheu und mit viel Anmut. Er sollte sich vor dem König rechtfertigen, aber in Wirklichkeit rechtfertigte der König sich vor ihm. Sein Ruhm als philosophischer Schriftsteller hatte sich über ganz Deutschland und von da aus über die gebildeten Schichten von ganz Europa verbreitet. Man nennt ihn den deutschen Sokrates. Mit einigen der erlauchtesten Geister seiner Zeit ist er intim befreundet und kein bedeutender Mann passiert Berlin, ohne bei dem kleinen jüdischen Buchhalter eines Seidenwarengeschäftes vorzusprechen. Alle erkennen die kristallene Lauterkeit seines Charakters ebenso an. wie die gewinnende Liebenswürdigkeit und edle Ausgeglichenheit seines Wesens wie die Höhe und Tiefe seines Geistes. Da taucht denn in vielen denkenden Köpfen des In- und Auslandes die Frage auf, ob es recht und billig und natürlich und gesund und für die Gemeinschaft zuträglich sei, daß der geringste Schlächter oder Stallknecht, wenn er nur als Christ geboren ist, im Staate himmelhoch über dem Juden Moses Mendelssohn stehen solle. Lessing und Dohm in Preußen und in Frankreich Mirabeau, dessen Ruhm als Staatsmann und Redner bald Europa erfüllen sollte, richteten diese Frage an die Welt. Und es dauerte lange, sehr lange, bis sie beantwortet wurde. Für die allermeisten Zeitgenossen war das überhaupt keine Frage. Auch nicht für den Philosophen auf dem preußischen Throne, den Freund Voltaires, der die Folter aus dem Strafverfahren abgeschafft hatte. Denn als die Berliner Akademie der Wissenschaften Moses Mendelssohn zu ihrem Mitglied gewählt und nach Vorschrift die Bestätigung des Königs nachgesucht hatte, war Friedrich der Große klein genug, die Bestätigung für den Juden, der obendrein an seinen Gedichten etwas auszusetzen gehabt hatte, zu verweigern. Damit hat er sich um den Ruhm gebracht, den ersten Juden in eine europäische Akademie der Wissenschaften eingeführt zu haben. Erst 190 Jahre nach Mendelssohns Geburt nahm das Schicksal an Friedrich dem Großen Revanche. Am 3. Jänner 1919. auf der an diesem Tage, dem Friedrichstag, wie alljährlich zu Ehren des großen Königs abgehaltenen Sitzung der Berliner Akademie der Wissenschaften hielt die Festrede — der Jude Einstein. Ob wohl Friedrich in diesem Moment sich in seinem prunkvollen Sarge umgedreht hat? . . . Es hat noch ein Jahrhundert gedauert, bis die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden wenigstens grundsätzlich, wenigstens auf dem Papier, wenigstens im Bewußtsein der gebildeten Schichten der aufgeklärten Länder anerkannt wurde. Auch heute noch ist sie praktisch lange nicht zur Tatsache geworden. In das Unterbewußtsein der Völker, als etwas Selbstverständliches, Unbestrittenes, Fragloses, als etwas, dessen Gegenteil unnatürlich und undenkbar, in das Unterbewußtsein der Völker ist sie noch nicht gedrungen. Nach Mendelssohn mußte noch eine lange Reihe von mutigen und entschlossenen Kämpfern erstehen, bis das, was wir jetzt besitzen, möglich wurde. Die hervorragendsten unter ihnen in Deutschland waren Gabriel R i e s s e r und Ludwig Philipps on. So verschieden diese drei Männer, Mendelssohn, Riesser und Philippson an Format, Wesensart und Schicksalen waren, so haben sie merkwürdigerweise das eine gemeinsam, daß sie alle drei jener Schicht des jüdischen Volkes entstammten, die ihre ganze Geisteskraft und ihr ganzes Streben der Pflege des Geistes widmete und, zu allermeist der irdischen Schätze gänzlich beraubt, das Banner der überlieferten Lehre trotz wirtschaftlicher Armut und sozialer Erniedrigung hochhielt und das Licht der Thora trotz allen Nöten nicht erlöschen ließ in Israel. Moses Mendelssohn, dessen Vater in Dessau sich kümmerlich als Kinderlehrer (Melammed) durchs Leben schlug und, da er geübt war in der althebräischen Kalligraphie, einen dürftigen Nebenverdienst fand mit dem Anfertigen von Thorarollen, Mesusoth und Tephillin, war stolz auf das Bewußtsein, von R. Moses Isserls in Krakau abzustammen und nach ihm benannt zu sein. Die berühmte Schriftstellerin Eliza Orzeszko, eine der besten Kennerinnen des polnischen Judentums sagte: „Bei den Juden gibt es eine wunderliche Klassenmischung. Habe ich da vor mir einen kleinen Wasserträger, der im Schweiße seines Angesichtes keuchend die Wasserkannen in die Häuser trägt und wenn ich näher nachforschte, stellt sich heraus, daß sein Großvater der Abkömmling einer illustren Reihe von Rabbinern und Gemeindepräsidenten war, die jahrhundertelang die geistigen und sozialen Führer ihres Volkes waren. Vielleicht rührt daher der demokratische Sinn der Juden, der so ausgeprägt ist." Moses Mendelssohns Zeit war nicht die Zeit der Stammbäume. Dem Jahrhundert der Aufklärung fehlte der historische Sinn. Daher wissen wir von Moses Mendelssohns Ahnen nur aus seiner persönlichen Mitteilung, daß er ein Nachkomme jenes anderen Moses war, der in der Erinnerung der Nachwelt als „R a m a" fortlebt. RAMA ist die Abkürzung von Rabbi Moses Isserls. (Dem „I" wird im Hebräischen immer ein Aleph vorangesetzt.) Moses Isserls wurde in Krakau um das Jahr 1520 geboren. Sein Vater Israel (Isserl) war einer der angesehensten und reichsten jüdischen Patrizier des Landes. Im Jahre 1553 erbaute er in Krakau eine Synagoge, die noch heute den Namen seines großen Sohnes führt. Er war einer der Vorsteher der Gemeinde und fungierte oftmals als Abgeordneter zum jüdischen Landtag (Waad). Es war damals nämlich die Blütezeit der jüdischen Gemeindeautonomie, die in Polen der König Sigismund August 1551 gesetzlich geregelt hatte. Der Regierung gegenüber vertrat die Gesamtheit der jüdischen Gemeinde der Syndicus Generalis, der in den Erlässen des Königs „Judäus, qui in palatia nostra r e s i d e t" genannt wird. Nicht bloß die religiösen, sondern auch zivil rechtliche Fragen entschied der Waad. An ihn wandte man sich mit Anfragen aus fernen Ländern. Auch christliche Kaufleute aus dem Auslande baten um seine Beihilfe in Streitigkeiten mit polnischen Juden. Die Vorsteher dieses Waad hießen Parnass. Einer dieser Parnasse war der Vater des Rama, der zunächst von Krakau nach Lublin zog. Seit 1550 wieder in Krakau, unterhielt er auf eigene Kosten ein großes Lehrhaus. Seine gelehrte Korrespondenz mit rabbinischen Zeitgenossen sowie Entscheidungen und zahlreiche Schriften halachischen und theologischen Inhaltes, in denen er sich als Gegner der Kabbala sowie des Pilpul und Freund der Philosophie, der Astronomie und Geschichte erweist, trugen seinen Ruhm in ferne Gegenden. Am berühmtesten machten ihn aber seine Glossen (Hagahot) zu Caros Schulchan Aruch, in denen er der Ueberlieferung der Aschkenasim gegen die der Sephardim, sowie dem Volksbrauch Geltung verschaffte, in vielen Fällen als Erleichterer gegenüber Caro und älteren Autoritäten auftrat. Vor allem lag ihm das Wohl der Armen und Enterbten warm am Herzen, und diese Gesinnung leitete ihn auch bei seinen halachischen Entscheidungen. Seine Glossen wurden alsbald jeder gedruckten Ausgabe des Schulchan Aruch beigefügt und nur in dieser Gestalt wurde dieses Gesetzbuch von der Gesamtjudenheit rezipiert. Moses Isserls, der Urahne Mendelssohns, ist also der letzte Gesetzgeber des Judentums. Er starb zu Krakau am Lag Baomer (18. Ijjar) 1572. In der von seinem Vater erbauten und nach dem Sohn benannten, oft schon im ursprünglichen Stil renovierten Synagoge wird, wie seit bald 400 Jahren, Gottesdienst gehalten. Der Sitz, den der Rama einst inne hatte, ist mit einem kunstvollen Gitter eingerahmt. Keiner der Nachfolger hielt sich für würdig, diesen Sitz einzunehmen. Das Volk flocht einen Kranz