Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 36 (6.9.1929)
- Date
- 1929-09-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 3 die Emanzipationswürdigkeit und -fähigkeit der Juden den Hinweis, daß ein bekannter gelehrter moderner Jude so rückständig sein könne, daß er am Sabbat kein Taschentuch trage. Die Königsberger Reformer glaubten nichts anderes, als daß sie sich auf der geraden Linie Mendelssohn-Friedländer und so fort bewegten, während in Wirklichkeit der Jude, auf den Bismarck exemplizierte, dem Ideal und Vorbild des Verfassers des „Phaedon" und „Jerusalem" weit eher entsprach. Diese schroffe Gegnerschaft des märkischen Junkers, ein beredtes Zeugnis für den Wandel der deutschen Geisteswelt, die sich wie weder vorher noch nachher in Mendelssohns Tagen der Sonne wahrer Humanität genähert hatte, konnte ich, so oft ich an Bismarck dachte, nie vergessen. Auch als ich ein halbes Jahrhundert später in Friedrichsruh vor ihm stand. Richard Fleischer, der Herausgeber der „Deutschen Revue", hatte mich, als seinen Mitarbeiter, aufgefordert, den Alten vom Sachsenwalde über seine Stellung zum Antisemitismus u. a. auszuholen. Und eines schönen Sommertages reiste ich aus der Elbestadt, in der Mendelssohn um seine Frumet geworben und mit Jonathan Eybeschiitz verkehrt hatte, in die Höhle des Löwen, wie es der Zufall wollte, in Begleitung eines Schwagers Ijlius Bodenbergs, der die „Deutsche Rundschau" leitete, meines alten lieben Freundes W. Bismarck, auffallend genau der Lenbach'sche Bismarck, mit dem faszinierenden Auge, aus dem bei aller gastfreien Liebenswürdigkeit das Gigantische und Dämonhafte dieses Geschichtsschöpfers und Schicksalsschmiedes einer ganzen wichtigen Weltepoche flammte, lud uns ein, aus der Julisonne in den Schatten zu treten. Klassisch antwortete mein schlagfertiger Freund: „Die Sonne Bismarcks, siehe, sie leuchtet auch uns." Bismarck quittierte mit einem bezaubernden Lächeln, aber der Gedanke an jene Szene aus dem 47er Jahr verschlug mir die Stimme und band mir die Zunge. Was ist seitdem aus seinem Werk geworden! Was aber jener kleine, verwachsene Stockjude, dem die Straßenbuben ihr Hep, Hep! nachgröhlten, in aller Stille und Anspruchslosigkeit begründet hat, das deutsche Judentum steht Achtung gebietend da, ungebrochen in seiner Kraft und Lebensbejahung trotz aller Katastrophen. Und in berechtigter Selbstachtung feiert es jetzt seinen geistigen Vater, den ja, wie bei F a h n in seiner Studie über die Wiener Haskala und sonst zu lesen ist, geistige Fäden auch mit Wien verbanden, wenn auch Josef II. ohne Kenntnis seiner wahren Bedeutung seine Juden vor den Lehren Mendelssohns als eines „Naturalisten" behütet wissen wollte. Das offizielle Deutschland hat aber an ihm eine Schuld gut zu machen. Friedrich II. strich ihn von der Liste, als die Akademie ihn neben Katharina II. zur Aufnahme in ihre Mitte vorgeschlagen hatte. In der Walhalla zu Regensburg sucht man ihn auch vergebens neben der „Semiramis des Nordens". Er fehlt auf dem Berliner Denkmal des großen Preußenkönigs. Diese Kultursünde wird gesühnt sein, wenn, wie in Weimar Schiller und Goethe, irgendwo in Deutschland auf einem Sockel stehen werden die beiden großen Gefeierten dieses Jubiläumsjahres: Lessing und Mendelssohn. Bad Tatzmannsdorf. Friedrichs Auge trifft, findet es einfältig hilfloses Lächeln. Und wieder schlägt des Königs Stimmung jäh um. Er sieht diesen Kranz von Hilflosigkeit und der Hochmut springt in ihm auf. Was soll er eigentlich unter diesen Menschen? Keiner von ihnen, auch der nochberühmte Philosoph nicht, besitzt Form genug, die rechte Antwort auf seinen Scherz zu finden. Alle sitzen sie geduckt, die einen in stumm verbissenem Trotz, den sie hinter der lächelnden Maske verstecken, die anderen in Erwartung der Peitsche, mit serviler Hingabe. Und er. der „Große", der ihm noch dankt--äh! Und in seiner Phantasie sieht er sie alle sich wandeln, die grinsenden Gesichter verzerren sich, formen neue, und Friedrich scheint es, als hätte er mit seinem Scherz allen die Maske herabgerissen, hätte allen ins Herz ihres Wesens gegriffen. Aufsteigender Ekel durchschüttelt ihn. Und dann werden die Augen stahlblau und hart, die Faust fährt auf den Tisch: „Vorlesen!" Wie sie sich ducken! Sein Blick packt den Nächsten, reißt ihn von seinen Sitz. Doch dann, jäh im Umschwung des Wollens, zu Mendelssohn gewandt: „Nein, Er! Der .Erste' beginnt!" Ruhig hebt Mendelssohn den Blick. Wieder steht die leichte Röte in seinen Wangen, die schmale Hand am Glase zittert leicht. Aber er hält dem Lodern in Friedrichs Augen stand, und er sieht diesen flackernden Blick, spürt die Hemmungslosigkeit und den Hochmut, und denkt traurig: Auch er ist nur ein kleiner, schwacher Mensch. Friedrich krampft die Hände um die Lehne des Sessels. „Vorlesen!", befiehlt er noch einmal und in der unerträglichen Spannung klingt die Stimme heiser. Alle Gesichter sind ihm zugewandt. Mendelssohns Blick streift die Runde. Ei spürt die Spanungen, die sich gefährlich häufen — und lächelt plötzlich. Mit ruhigem Griff entfaltet er das Blatt und liest mit leichter Betonung; „Moses Mendelssohn ist ein Esel, Friedrich der zweite." Die Spannung weicht der Erstarrung. Alle Gesichter sind bleich, fahl in der schreckerfüllten Erwartung des Ausbruches. Friedrichs Hände, die noch immer die Sessellehne halten, zucken verhalten. Seine Augen verdunkeln sich vor der inneren Gewalt, die ihn durchtobt Das ist Hohn! Verhöhnt vor dem ganzen Hofe, verhöhnt von diesem hergelaufenen Juden. Starr hält er den Blick vor sich gesenkt, will Ruhe im Tosen seines Innern erzwingen. Wie Lähmung aber hat es seinen Willen gepackt, ein Zwang, gegen den er sich vergebens bäumt. Ganz tief in ihm klingt eine leise Stimme — aber er will diese Stimme nicht hören. Er will das überiegene Lächeln des anderen sehen, um der eigenen Empörung Halt und Stütze zu geben. Sein Kopf fährt herum — aber Mendelssohn lächelt nicht. Ruhig, in ernster Sammlung blickt er vor sich, die Rechte spielt leicht am schlanken Champagnerkelche. Und an dieser Ruhe erstarkt Friedrich geheimste Regung. Erinnerungen tauchen auf, huschen vorüber. Der Vater und seine eigene Jugend, sein strahlender Wunsch nach Schönheit und Kultur — und er spürt in aufbrausender zorniger Scham den eigenen Abstieg, die innere Ferne von diesem stolz erstrebten Ziele. Und er fühlt in der Erinnerung erneut den ruhigen Blick des Gastes, der dem seinen standgehalten und schwache Röte steigt in sein Gesicht. Jener hat ihn durchschaut — und er hat versagt. Seine plumpe Waffe ist ihm vom Florett des Gegners aus der Hand geschlagen worden, und er zürnt jetzt wie ein Kind. Mit einem Ruck erhebt sich der König. Sein Blick ist in weite Fernen gerichtet, ein langes Leben zieht an ihm vorüber — und seine Lippen pressen sich herbe zusammen. „Er hat recht", sagt er dann verhalten, „man soll nicht mit dem Feuer spielen, wenn man fürchtet, sich zu verbrennen." Langsam wendet sich der König von der Runde, die in betretenem Schweigen verharrt, und schreitet an den öffnenden Dienern vorüber in sein Arbeitszimmer,