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Die Wahrheit · 1929-09-06 · Heft 36 (6.9.1929) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHEH Mendelssohn widerlegte ihn nicht nur mit seiner glänzenden Feder, sondern, was weit schwerer wog, durch sein eigenes Beispiel. Der Umschwung, der sich im Urteil über die Juden so weit vollzog, daß Lessing einen „Nathan" wagen durfte, ist auf das Auftreten Mendelssohns in erster Reihe zurückzufuhren. Und hiermit ist gesagt, was die deutsche J ud e n h e i t ihm zu danken hat. Eine Gemeinschaft, zu der sich offen mit Stolz ein solcher Geist und solcher Charakter bekannte, konnte man nicht in Bausch und Bogen verdammen und unter Sklavendruck halten. Ein solches Vorbild und sein redlich erzielter Erfolg ermutigte aber auch die Leidensgenossen, das alte Joch zu brechen und die aufgezwungene rTelotenscbmach abzuschütteln. Ohne Mendelssohn können wir uns nicht gut die Emanzipation und noch weniger die Selbstemanzipation der deutschen Juden denken. Höher aber steht vielleicht noch, was er für das deutsche Judentum geleistet hat. Bei allem, was er unternahm, schwebte ihm die Förderung seiner „Nation", wie er es nach dem damaligen Sprachgebrauch sagte, vor Augen. Er gesteht, daß er manchmal, zumal angesichts der Feindseligkeit, der sein reines Streben begegnete, daran verzagte, seine Brüder aus dem Zustande ihrer Unkultur zu retten. Aber es ist ihm doch der große Wurf gelungen, den Glaubenstreuen zu zeigen, wie man ein durch und durch moderner Mensch sein und das beste Deutsch schreiben und dabei doch unerschütterlich fest am alten Väterglauben halten könne. Aus seinen Schriften spricht echte Anhänglichkeit an die deutsche Heimat. Echt ist sein Jubel über Friedrichs Sieg, wie aufrichtig die Dankes- Mendelssohn und Friedrich II. Eine Anekdote. Die Tafelrunde von Sanssouci zeigt heute ein besonders lebhaftes Bild. Der König ist heiter und froher Stimmung und scherzt mit dem Gaste, der auf dem Ehrenplatze zu seiner Rechten sitzi: Moses Mendelssohn, dem bekannten Philosophen. Das Gespräch flattert leicht über die Fülle der Themen, der König ergreift sie wie spielend, läßt sie erstrahlen im blendenden Glänze seines Geistes, wirft sie wie leichte Bälle dem Gegner zu. fängt sie in ewigem Hin und Her. Und plötzlich steigt ihm aus dem Sprudeln des Champagners eine Laune empor, eine jener Stimmungen, in denen dem König die Menschen wie die Dinge zu tollen Masken sich verzerren, in denen er wie trunken von Paradoxen sprüht. Wie die aufschnellenden Fontänen seines stillen Parkes, glitzernd und in vielfachen Farben schillernd, in leisem Klingen lustig in die Höhe steigen und wieder sinken, so schnellen die Sätze und Gedanken des Königs über die Runde, die sich in staunendem Nichtverstehen duckt, keinen Halt findet in diesem Sprudel des Geistes. Nur der Gast sitzt still und ernst vor seinem Glase, in dem die Perlen spielen, wie die Ideen des Königs; schön, bunt und berückend — aber sinnlos. Und er spürt hinter der lauten Fröhlichkeit etwas ernsteres, spürt versteckte Verhöhnung, und er wird noch stiller, sinkt in sich selbst zurück in schweigender Betrachtung. Den König reizt die unberührte Gefaßtheit seines Gastes zu immer tolleren Kombinationen, aus der Paradoxie wächst die Groteske. Wie im Kampf steht jetzt Gegner gegen Gegner. äußerungen seiner Schüler (z. B. David Zamostsch in seinem Briefsteller) etwa beim Tode Hardenbergs und der patriotische Eifer seines ganzen Kreises in den Befreiungskriegen. Dabei steht er selbst aber doch mit beiden Füßen sicher im angestammten Judentum. Man tut ihm Unrecht, wenn man die Abfallbewegung, die zeitlich mit dem Nachklang seines Wirkens zusammenfällt, ihm auf Rechnung setzt. Es war ein Zug der Zeit, der in anderer Form außerhalb des Judentums schon weit früher zu Tage tritt. Daß die Taufseuche gerade in seiner Familie so traurige Opfer gefordert, dafür dürfte man nicht Steine auf ihn werfen, selbst dann nicht, wenn nicht ähnliche Erscheinungen noch heute leider auch in den traditionstreuesten Familien zu verzeichnen wären. Ihm wäre, hätte er sie erleben müssen, diese Enttäuschung von allen am schwersten aufs Herz gefallen. Wie hätte er ahnen können, daß einst bei Enthüllung seines Denkmals fromme Weisen seines streng protestantischen Enkels ertönen würden. Das ist eben Einzelschicksal, an das sich keine prinzipiellen Reflexionen knüpfen lassen. Immer wieder verdient es betont zu werden, daß gerade das traditionstreue Judentum an seinem Vorbilde eine treffliche Stütze findet. Sehr lehrreich erwies sich darin die durch Bismarcks judenfeindliche Haltung denkwürdig gewordene Tagung des preußischen Landtages von 1847. Während ein Vorkämpfer der Judenemanzipation zugunsten seiner Klienten ins Treffen führte, daß die jüdische Gemeinde in Königsberg den Sabbat auf den Sonntag verlegen wolle und nur durch die Regierung an dieser Anpassung an die Umgebung verhindert werde, gebrauchte Bismarck als Argument gegen Fr will die sichere Ruhe zerstören, will ihn zu Widerspruch. Abwehr — ia. überhaupt zu irgend einem sichtharen Zeichen lebendiger Teilnahme erwecken. Aber Mendelssohn bleibt unberührt von dieser strahlenden Flut, die er bewundern muß imd die er doch in ihrer Uebersteieerung störend enrofindet. Der König gibt den vergeblichen Versuch auf, bricht plötzlich ab. greift in immer noch spielerischem Zorn in die Tasche, reißt ein Blatt aus seinem Merkbuch, wirft ell'iz ein naar Zeilen auf das Papier und schiebt dem Gaste das gefaltete Platt zu. Tiefes Schweigen herrscht an der Tafel, als Mendelssohn das gefaltete Blatt langsam öffnet und still die Worte liest: „Moses Mendelssohn ist ein Esel! Friedrich II." Schweigend hebt Mendelssohn den Blick zum König, dessen Augen gespannt auf ihm ruhen, und leichte Röte steigt in seine Wangen. Er sieht in jenen Augen nur das Vergnügen spöttischer Erwartung, und ein Gefühl des Bedauerns erfüllt ihn: wie plump doch dieser Scherz ist! Es scheint tragisches Gesetz dieses Hofes zu sein, daß immer wieder der rauhe Ton des Tabakskollegiums durch die französische Kultur, die Friedrich ihm gegeben, durchbricht. Noch immer Schweigen, noch immer Erwartung in den Augen des Königs. Mendelssohns Verlegenheit schwindet, langsam faltet er das Blatt wieder, greift zum Glase, neigt sich vor dem König und trinkt ihm zu, als hätte er ein kostbares Geschenk erhalten. Friedrich lacht auf, und im Ueberquellen seiner Laune reißt er immer neue Blätter aus seinem Buche, wirft die Sätze auf das Papier und winkt sie alle heran. Einen nach dem anderen, jeden zum Zielpunkt seines Spottes zu machen, Wie ein kostbares Geheimnis empfangen sie es aus seiner ffand — und sein Blick bannt die Blutröte in das Gesicht des Lesenden. Drückende Verlegenheit in der Runde, keiner wagt in offener Antwort sich dem König zu stellen, und wohin

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