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Die Wahrheit · 1929-09-06 · Heft 36 (6.9.1929) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 36 (6.9.1929)
Date
1929-09-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Preis dieser Nummer 50 Groschen üMengJu$ Veröffentlichungen der „Union deutschösterr. Juden" imd den »Amtlicheil Verlautbarungen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration: Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 6. September 1929 Nummer 36 Moses Mendelssohn. Zu seinem 200. Geburtstage. Von Dr. Max Qrunwald. -y^Vtj Vor wenigen Tagen besuchte ich das benachbarte Rechnitz und dort u. a. die Rabbinergräber. Dort liegt Z i p s e r, der, was gerade in diesen Tagen der Erwähnung besonders wert erscheint, zur Emanzipation der englischen Juden beigetragen hat. 1851 veröffentlichte er im Londoner „Jewish Chronicle" eine Untersuchung über die jüdischen Quellen der Bergpredigt. Die Londoner Gemeinde ließ von dieser Arbeit unter dem Titel „The sermon of the Mount, By the Rev. Dr. Zipser, Chiefrabbi of Alba (_d. i. Stuhlweißenburg) in Hungary, London 1852" Sonderabdrucke herstellen, die an sämtliche Parlamentsmitglieder verteilt wurden und zugunsten der bürgerlichen Gleichstellung der Juden Englands merklichen Eindruck ausübten. Aehnlich in die Weite gewirkt hatte schon ein Jahrhundert früher ein anderer Rechnitzer Rabbiner, der Verfasser des sechsmal, auch' in Wien, aufgelegten „Or chodosch", Eleasar Kalir aus Eisenstadt. Die Erinnerung an ihn führt uns auf die Spuren Mendelssohns. Auf einer Reise nach Amsterdam trug ihm dessen Heimatgemeinde Dessau das Rabbinat an und bei einer späteren Anwesenheit in Deutschland kam er, um Mendelssohn zu besuchen, mit einer Empfehlung Moritz Rosenthals nach Berlin. Ohne Erfolg, da Mendelssohn damals verreist war. Immerhin ein kleiner Rest des damals schon weithin strahlenden Ruhmes „Mausche Dessaus", dessen ich wieder so recht inne wurde, als vor kurzem einer der Mitarbeiter an der Jubiläumsausgabe seiner Schriften bei mir vorsprach, um sich bei mir nach dem Verbleib eines einschlägigen Budapester Manuskriptes zu erkundigen. Wir sprachen über einiges von und über Mendelssohn, was ich vor Jahren herausgegeben hatte. Ich konnte auch auf ein Unikum, eine Mendelssohn-Plakette aus Tuffstein hinweisen, die ein Mitglied meiner Familie dem Museum in Jerusalem geschenkt hat. Vor allem wurde bei diesem Anlaß wieder meine erste Begegnung mit Mendelssohn lebendig. Seinen hundertsten Todestag beging unsere Gemeinde schlicht, aber um so wirksamer mit einem Jugendgottesdienst, bei dem wir über die Bedeutung des großen Mannes in einer Ansprache belehrt und mit einem Exemplar seiner Biographie beschenkt wurden. Dem Büchlein mochten manche Schwächen anhaften. Sein Eindruck blieb jedenfalls unauslöschlich. Für uns, in ganz andere Lebensumstände, in eine so ganz andere Zeit hineingeboren, hatte es einen eigenen Reiz, von dem verwachsenen und stotternden Sohn des armen Dessauer Thoraschreibers zu lesen, wie er heimlich das Elternhaus verläßt, Meilen weit läuft, um bei einer Biegung des Weges dem von Dessau nach Berlin übersiedelnden geliebten Lehrer Rabbi David Franke! noch ein letztes Lebewohl zuzurufen. Dann am Rosenthaler Tor in Berlin der bettelhafte Judenjunge, der dem Torschreiber auf seine Frage nach dem Zweck der Reise und Referenzen antwortet: „Lernen" und „Reb Dovid". Und aus dieser unansehnlichen Hülle entpuppt sich „der Sokrates seiner Zeit", der Freund L e s s i n g s. Im Mitbewerb um einen Akademiepreis besiegt er einen Kant, der neidlos von ihm sagt: „Es gibt nur einen Mendelssohn." Furchtlos steht er, der als Jude in Sachsen sich wie ein Stück Vieh mußte verzollen lassen, an einem Sabbat in Sanssouci vor Friedrich, dessen Gedichte er abfällig zu kritisieren gewagt. Doch selbst den nichts weniger als judenfreundlichen König, der aber für Geist empfänglich war, beschwichtigt seine schlagfertige Antwort: „Wer Verse macht, schiebt Kegel, und wer Kegel schiebt, muß sich gefallen lassen, daß der Kegeljunge sagt, wie er schiebt." Wie viele solcher Anekdoten, ein Zeichen seiner Volkstümlichkeit, gingen durch aller Leute Mund und sind durch Engel, den „Philosophen für die Welt", durch H e b e 1 in seinem „Schatzkästlein" und viele andere in der Literatur verewigt worden. Man bedenke: in einer Zeit, in der soeben noch ein ernst zu nehmender Fachmann, wie Michaelis in Göttingen, geurteilt hatte, daß ein Jude, wie ihn Lessing in seinem ersten Judenstück auf die Bühne gestellt hatte, im Leben unmöglich sei!

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