Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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ölfe WAHRHEIT Seite il wiß hat der Zionistenkongreß durch den 50-zu-50-Grundsatz, durch die Stellung des Präsidenten der zionistischen Organisation als Präsidenten der Agency, durch die von den Nichtzionisten anejkannten drei A u i b a u forderungen der Agency- Verfassung den zionistischen Üiniluß sicherzustellen gewußt. Ueber das „Was" dürfte es in der Agency wenig Uneinigkeiten geben. Um das „Wie" werden wohl kaum die Meinungen einhellig sein. W e i z m a n n darf sich mit Kecht auf Üpterfreudigkeit und Tatkraft der Zionisten verlassen, aber um so mehr wird auch nichtzionistische Sachlichkeit und amerikanische Nüchternheit in Rechnung gestellt werden müssen. Louis Marshai 1, dessen Begrüßungsrede am Eröffnungstage die Wirtschaftlichkeit stark unterstrich, die Wesenheit des Judentums als Religion besonders betonte, ist nicht der Mann, der nur Verträge unterschreibt und Geld beschafft, oder Aemter, die er übernimmt, nicht als heilige Verpflichtung empfindet. Professor Weizmann wünschte eine Bodenreform — nur sechs Prozent des Bodens des Mandatsgebietes ist bisher in jüdischen Händen —, und zwar möglichst solchen Besitz, daß dadurch die jüdischen Siedlungen zusammengeschlossen werden. Dabei leitete ihn die Hoffnung, die englische Regierung werde den Siedlern durch kostenlose oder ermäßigte Bodenzuweisung entgegenkommen. Er betonte die Beschäftigung nur jüdischer Arbeiter. Das sind die wesentlichsten Forderungen. Sollte es — es ist nicht ganz durchsichtig — Weizmann glauben, die jetzt recht unbedeutende Einwanderung würde sich noch in diesem Jahre auf eine Zahl von 15.000 bis 20.000 Seelen steigern lassen, so ist hier nur der verständliche Wunsch der Vater eines schönen Gedankens. Es führt hier zu weit, auseinanderzusetzen, warum in nächster Zeit eine beträchtliche Erhöhung der Einwandererzahl mehr als fraglich ist. Eine gewisse, bescheidene Vergrößerung mag eintreten. Die Zionisten verteilten an die Nichtzionisten, die bisher mitgearbeitet haben, keine kleinen Lobsprüche. S o k o 1 o w nannte sie „S c h o n - Z i o n i s t e n", ein anderer Redner: „Noch-nicht-Zionisten". Ernster ist zu werten, was der Berichterstatter der Agency-Kommission Dr. Georg Halpern, dem Kongresse mitteilte: „Diese Hundert (Nichtzionisten) wandern nun eine gemeinsame Straße. Auf dieser Straße ist keine Barriere errichtet, und jeder kann von der einen Seite auf die andere übergehen. Wir hoffen, wir wissen, wir wünschen, daß diese Straße eine Einbahnstraße ist für diejenigen, die auf diesem Wege zum Zionismus kommen werden. Und wenn dann in den Reihen der Nichtzionisten Plätze frei sein werden, so werden in diese Plätze diejenigen Juden einrücken, die heute noch nicht so weit sind, wie die in diesem Dokument (Agency-Verfassung) beschriebenen Menschen." Es ist der gewünschten gemeinsamen Palästinaarbeit nicht gerade zuträglich, immer und immer wieder solche Gedankengänge aus zionistischem Munde hören zu müssen. Für den echten Zionisten gibt es gewiß keinen Zwiespalt zwischen Nationaljudentum und Palästinaaufbau. Er sollte aber, sehen wir recht, nie vergessen, daß die erdrückende Mehrzahl der nichtzionistischen Agency-Delegierten es weit von sich weist, als Nationaljuden betrachtet zu werden. Von nichtzionistischen Rednern ist den Zionisten ob ihrer Schaffenskraft, ihrer Hingabe, ihren Leistungen viel Anerkennung gezollt und ihrer Weltanschauung reichlich Verständnis entgegengebracht worden. Für die Amerikaner spielen die Begriffe Volk. Nation, Rasse eine untergeordnete Rolle. Dort fehlen die Akzente, die sie in Deutschland haben. Um so mehr wären einige eindeutige Worte aus deutschem Munde auf der Versammlung erwünscht gewesen, in denen ohne Schärfe und ohne Ueberschwang die Haltung der nichtzionistischen deutschen Juden, die die Agency fördern wollen, klargestellt worden wäre. Es wäre angebracht gewesen, daß die deutschen Nichtzionisten, um den zionistischen Mitarbeitern ihr Angesicht ganz zu enthüllen, ein wenig ihre Weltanschauung niemandem zuliebe und niemandem zuleide nahegebracht hätten; der Eifer und die Selbstverständlichkeit der Zionisten in der Betonung ihrer Weltanschauung soll dabei gar nicht einmal verlangt werden. „Reden und ein solches Reden ist manchmal nötig, arbeiten aber immer." Die Agency ist in den Sattel gesetzt. Sie wird nun zu beweisen haben, ob und wie sie reiten kann. Jeder wird wünschen, daß die Arbeit der Agency den 150.000 Juden Palästinas zum wahren Segen gereicht. WecbdflbciuwitenfwDh Wahrheit! Union dcufsdiOstOT. Juden. Zu Ehren Moses Mendelssohns, des großen Philosophen und Vorkämpfers der Emanzipation, dessen Geburtstag sich in diesen Tagen zum 200. Male jährt, veranstaltet die „Union deutschösterreichischer Juden" am Samstag, den 21. September, 8 Uhr abends, im großen Festsaale des Hotel Continental, IL, Taborstraße, eine Gedenkfeier, die sich angesichts der großzügigen Vorbereitungen zu einer würdigen Ehrung des bedeutenden Mannes gestalten dürfte. In liebenswürdigster Weise hat sich Herr Rabbiner Dr. 1. Taglicht bereit erklärt, die Festrede zu halten. Weitere Nachrichten folgen. Vormerkungen für Einladungen zu dieser Veranstaltung, die bei freiem Entree stattfindet, nimmt das Sekretariat der „Union", IX., Berggasse, Tel. A 19-2-77, bereits jetzt entgegen. 2. Kenessio Gedauio. Vom 10. bis 17. September findet in den- Wiener Sofiensälen der 2. Weltkongreß der Agudas Jisroel statt. Das überaus große Interesse für diese Tagung zeigt sich in den massenhaft einlaufenden Ansuchen um Gastkarten, die sowohl aus dem Auslande, als auch von Oesterreich kommen. Zufolge Entgegenkommens der Kongreßleitung wollen wir unseren Mitgliedern, die zum großen Teile bestimmt Zeuge dieses großen historisch-kulturellen Ereignisses sein wollen, Gelegenheit geben, Gastkarten zum Preise von S 15.— zu erhalten, die womöglich auf günstige Plätze lauten. Hierzu wäre es nötig, daß sie uns möglichst bald mitteilen, auf welche Anzahl von Plätzen sie reflektieren, da wir befürchten müssen, daß diese in kürzester Zeit vergriffen sein werden. Es gibt nur einheitliche Sitzkategorien. Sekretariat der „Union deutschösterreichische Juden", _Wien IX„ Berggasse 4, Tel A 19-2-77. /Imtlicke Qbtcudkumcm ckrlfrneläisck^ Kundmachung. Die Einschreibungen an den Bibelschulen der israelitischen Kultusgemeinde Wien, XX., Othmargasse 46, für das Schuljahr 1929/30 finden Sonntag, den 1. September 1929, von 9—12 Uhr vormittags und Montag, den 2. September 1929, von 3—7 Uhr nachmittags, im Saale der genannten Bibelschule statt. Der regelmäßige Unterricht wird am D i e n st a g, den 3. September 1. J. aufgenommen. An diesen Bibelschulen der israelitischen Kultusgemeinde Wien wird Liturgie (Gebete), Bibel, jüdische Geschichte, hebräische Literatur (alte und neue) in eigenen Kursen nach der Methode Iwrith biwrith (im Saal 1), bzw. nach der an den Wiener Schulen sonst üblichen Methode (im Saal II) unterrichtet. Der Unterricht, an dem Knaben und Mädchen im Alter von 6 bis 14 Jahren teilnehmen können, ist für alle Teilnehmer unterschiedlos unentgeltlich. Bei der Einschreibung der Schüler ist die Anwesenheit der Eltern, bzw. deren Stellvertreter erforderlich. Der Vorstand. Wien, 20. August 1929.