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Die Wahrheit · 1929-08-30 · Heft 35 (30.8.1929) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 DIE WAÖSHßlt Der Junker räusperte sich. „Das Wetter müssen wir ertragen, auch wenn die Früchte dadurch zugrunde gehen. Dann steigen die Preise. Mit den Sozis werden wir fertig, wenn altpreußisch zugefaßt wird. Nur die Judenpest ist eine Seuche, die mit Pech und Schwefel ausgebrannt werden muß." „Zuerst die Judenregierung," sekundierte der Ehemalige. „Von der Sie, wenn ich nicht sehr irre, Ihre Pension beziehen," platzte ich heraus. Der „Zwangszivilist" fuhr empor. Mit zusammengezogenen Augenbrauen stieß er drohend hervor: „Was wollen Sie damit sagen?" Mich gewaltsam zur Ruhe zwingend, war meine Entgegnung: „Daß ich von einer solchen Regierung keinen Pfennig annehmen würde." „Das ist meine Sache, stieß der sich getroffen Fühlende gereizt heraus. „Richtig, aber dann müssen Sie auch gestatten, daß andere ihre Schlüsse daraus ziehen," gab ich sehr ruhig zurück. Der Agrarier unterbrach die Fortsetzung unseres Zusammenstoßes mit den scharf betonten Worten: „Billigen Sie denn die Judenregierung?" „Nein," war meine Antwort. „Na also," gab mein Gegenüber zurück. „Weil ich eine solche noch nicht kennengelernt habe." „Nanu hört's auf." „Das ist die Höhe!" „Wo ein ehemaliger Sattler und Budiker Präsident dieser Judenrepublik ist," stießen meine drei Tischgenossen in höchster Entrüstung über meine Unwissenheit fast gleichzeitig heraus. „Meine Dame," wandte ich mich an meine Tischnachbarin. „Als der ehemalige Sattlergehilfe wegen seiner freiheitlichen Anschauungen geraaßregelt war, eröffnete er, um aus der Stadt seiner Maßregelung nicht zu weichen, einen Restaurationsbetrieb, mit dem er sich redlich nährte, ohne sich Reichtümer dabei zu erwerben, die er nachher in der Welt spazieren tragen mußte. Glücksritter und Glücksspieler hatten in seiner ,Budike' kein Heim." „Wenn Sie mich kennen," kam es aus dem Munde der Gekränkten, „dann wissen Sie, daß mein Mann freigesprochen ist." „Ich habe nur das Vergnügen, Sie vom heutigen Ansehen zu kennen, aber das, zusammen mit Ihrem letzten Ausspruch, genügt meinen Ansprüchen vollkommen." „Ein Frechdachs," schlüpfte meinem Gegenüber durch die Zähne. Ich tat, als hätte ich nichts gehört und wandte mich an meine Freundschaft von vorhin. i.Ihnen, mein Herr, will ich in aller Freundlichkeit sagen, daß es allerdings die Höhe ist, wenn man über Dinge spricht, bei dem das Urteil von keinerlei Sachkenntnis getrübt ist," und, eine scharfe Entgegnung, die der Angeredete auf den Lippen hatte, abschneidend, sagte ich zu meinem Gegenüber: „Auch ich dachte, als Sie von der „Judenregierung" sprachen: Nanu hört's auf, denn es steht diese Behauptung mit der Wahrheit so im Widerspruch, daß ich zu Ihren Gunsten annehmen will, S i e sind belogen worden." „Erlauben Sie," fuhr der Dicke auf. „Ja, bitte. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die amtlichen Zahlen gebe." Das „amtlich" hatte Eindruck gemacht. Drei Paar prüfende Augen richteten sich, meine ganze Person musternd, auf mich. Der „Juwelierladen" vergaß das Zahlen, obwohl der Zahlkellner schon eine ganze Weile neben ihm stand und interessiert zuhörte. Die beiden anderen Tischkollegen vergaßen ihre gepfefferten Antworten. Ich entnahm mit großer Ruhe meiner Mappe ein Aktenstück und fuhr fort: ^Wir haben in der Republik bis jetzt zehn Regierungen, d. h. Kabinette, gehabt. Nun hören Sie, wieviele Juden in diesen Regierungen waren. Im Kabinett Scheidemann waren unter 15 Ministern zwei jüdischer Abstammung, der Demokrat Dr. Preuß und der Sozialist Landsberg. Im Ministerium Bauer unter 14 Ministern keiner jüdischer Abstammung. Im Ministerium Müller unter 14 Ministern keiner jüdischer Abstammung. Im Ministerium Fehrenbach unter 13 Ministern keiner jüdischer Abstammung. Im Ministerium Wirth unter 14 Ministern zwei jüdischer Abstammung, der Sozialist Dr. Gradnauer und der Demokrat Rathenau. Im zweiten Ministerium Wirth unter 13 Ministern ein Jude, der Demokrat Rathenau. Nach seiner Ermordung keiner. Im Ministerium Cuno unter 14 Ministern kein Jude. Im ersten Kabinett Stresemann unter 12 Ministern ein Jude, der Sozialist Dr. Hilferding. Im zweiten Kabinett Stresemann unter 12 Ministern kein Jude. Im Kabinett Marx unter 12 Ministern kein Jude." „Erlauben Sie," fuhr meine funkelnde Nachbarin dazwischen, während die beiden Herren ganz perplex dasaßen, „Marx ist doch als englischer Jude durch sein großes Kapital weltbekannt." Schallendes Gelächter auch an den Nachbartischen war die Antwort, die ich, während sie nun wirklich bezahlte, durch die ironischen Worte ergänzte: „Meine Gnädige, Ihre Regierungs- und Weinkenntnisse halten so gleichen Schritt, daß ich vollständig entwaffnet bin." Ohne uns noch eines Blickes zu würdigen, rauschte sie davon. Die Gründung der Jewish Agency. Ueber dieses bedeutende Ereignis, das jetzt mehr denn je in den Blättern der Judenheit lebhafte Resonanz findet, schreibt Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Central-Vereines, in der letzten „C.V.-Zeitung" folgende Betrachtungen, die in vielfacher Hinsicht dem Standpunkte der österreichischen Nichtzionisten entsprechen, wenn auch der Centrai-Verein bekanntlich eine Beteiligung an der Agency für sich selbst ablehnte, seinen Mitgliedern aber eine solche Beteiligung ganz freistellte: Alles wird jetzt darauf ankommen, wie das neue Instrument der Verwaltung des „jüdischen" Palästina sich einspielen, wie sich das Verhältnis der Zionisten zu den Nichtzionisten gestalten wird, welche Energie die Nichtzionisten aufbringen werden, um Wirtschaftlichkeit und Sachlichkeit im Palästinaaufbau durchzusetzen. Das Administrativ-Komitee hat vorerst darauf verzichtet, nichtzionistische Vertreter für die Exekutive, die der Kongreß gewählt hat, zu stellen. Es ist nicht anzunehmen, daß dieser freiwillige Verzicht selbst nur für kürzere Zeit anhält. In der Exekutive vor allem liegt die Herrschaft und Macht. Soll das Werk gut laufen, so ist nichtzionistische Arbeit, keine argwöhnische Aufsicht etwa, gerade an dieser Stelle unumgänglich. „Niemand weiß in diesem Augenblick und in diesem Saale, was in Zukunft das zionistische Aktionskomitee zu sagen haben wird, was die zionistische Organisation mit ihren gewählten Instanzen in der Zukunft zu bedeuten haben wird", sagte L i c h t h e i m bei den Agency-Verhandlungen. Die Nichtzionisten, mögen sie Freunde oder Gegner der Agency sein, müssen sich darüber klar sein, daß theoretisch nicht mehr die zionistische Organisation, nicht mehr der Zionistenkongreß, sondern von jetzt ab die Agency allein als höchste Instanz über den Palästinaaufbau zu entscheiden hat. Ge- Besseres Mädchen oder junger Mann wird in feinem Hause in ganz oder Halbpension genommen. Rübner, Wien II., Heinestraße 39' Restauration in Salzburg ■«» Hermann Kohn Woüdlelrldislroße Nr. 14 Mäßige preise! Gute Kiictsc» f

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