Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DHE WAHHHEIt Seite 0 Systems gerade eine solche Bedingung, die den Juden infolge ihrer anderweitigen Bindungen am schwersten erfüllbar erscheint. Es verlangt, ein wenig Koordination. Wenn es schon nicht leicht war, die zu Pfingsten nach Wien gekommenen deutschen Lehrerinnnen restlos ohne Reibungen zu erfassen, kann man sich beiläufig vorstellen, welcher Apparat aufgeboten werden muß. um die Empfangsorganisation unseres Weltkongresses tunlichst einwandfrei zu gestalten. Das K. G. Büro hat in dieser Hinsicht eine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe übernommen. Bekanntlich ist die Beteiligung diesmal mindestens dreimal so groß als vor sechs Jahren. Außerdem wurden bereits vier Nebenkongiesse angemeldet, und zwar: ein Jugendkongreß, ein Kongreß der Poale Agudas Jisroel (religiöse Arbeiterorganisation), ein Frauenkongreß und eine Aulimtagung. Noch vor dem Kongreß, bereits am 5. September, beginnt in Wien die Tagung des rabbinischen Rates. Gleichzeitig tagen bis zum 10. September folgende Arbeitskommissionen mit insgesamt 350 bis 400 Mitgliedern. 1. Eine Palästinakommission,, 2. eine Verfassungskommission, 3. eine politische Kommission, 4. eine soziale Kommission, 5. eine Organisations- und Finanzkommission, 6. eine Kommission des Waad Hair Hoaschkenasi. Gleichzeitig mit der Kenessio Gedaulo finden in Wien drei andere, nichtjüdische Kongresse statt. Das K. G. Büro mußte somit alle Interessenten in der ganzen Weit auch im Hinblick auf die kaum abschließende Wiener Messe durch geeignete Propaganda aufmerksam machen, daß sich jeder ein Hotelzimmer sichern lasse. Ganz Wien hat kaum 13.000 Hotelbetten zur Verfügung, der Reiseverkehr ist um diese Jahreszeit immer an und für sich sehr groß, so daß es nur äußerst schwer sein wird, jedem Gast ein Zimmer zu verschaffen. Ein Teil der jugendlichen Minderbemittelten wird in durch den Bund zur Verfügung gestellte tadellose Herbergen abgeleitet werden. Das K. G. Büro hat 200.000 Prospekte an alle jüdischen Exponenten der ganzen Welt — mit Ausnahme von Sowjet- Rußland — versendet, in welchen es zur Teilnahme am Kongreß, zum Besuche Wiens einladet und unter Hinweis auf die Hotelmisere,, zu rechtzeitiger Anmeldung auffordert. Die zeitgemäße Anmeldung sichert den Gästen natürlich noch eine Reihe von Vorteilen. Ueberall, wo größere jüdische Zentren sind, werden Reisegesellschaften, bzw. Sonderzüge zusammengestellt, damit die Reisespesen eine 25- bis 33prozentige Ermäßigung erfahren. Je größer die Zahl der Teilnehmer, um so größer die Ermäßigung. Während die österreichische Bundesbahn jedem Teilnehmer die Ermäßigung gewährt, machen die auswärtigen Bahnverwaltungen diese von der Teilnehmerzahl — die in geschlossenen Gruppen reisen müssen — abhängig. Auch hier ist rechtzeitige Anmeldung unumgänglich. Es haben sich auch faktisch bereits mehrere hundert Gäste beim österreichischen Verkehrsbüro angemeldet. Die übrigen müssen die Anmeldung im Laufe der nächsten Zeit nachholen, sofern© sie nicht in Vielfacher Hinsicht im Nachteile sein wollen. Nebst den angeführten Vorteilen fällt nämlich noch ein Punkt schwer ins Gewicht, der überdies auch die österreichischen Gäste angeht, die an Reise- oder Visaermäßigung des interessiert sind. Es handelt sich um die Platzkarten. Da mit dreifacher Teilnehmerzahl zu rechnen ist, wurde wohl. der größte Saal Wins — die Sofiensäle — gemietet, doch wird insbesondere zur Eröffnungssitzung ein außerordentlicher Andrang erwartet. Es wurde zu diesem feierlichen Anlasse eine ganz besondere Fügung des Saales veranlaßt. Der greise Chofez Chaim hat den Wunsch geäußert, dem Eröffnungsfestakte persönlich beizuwohnen. Er wird auch namens des Rabbinischen Rates sprechen. Nach ihm wird Dr. Nathan Birnbaum sein Referat und die diplomatischen und behördlichen Vertreter ihre Begrüßungsansprachen halten. Zur Eröffnungssitzung ist dunkle Festkleidung vorgeschrieben. Kurz vorher findet im Blauen Saale der Empfang der Diplomaten sowie der in- und ausländischen Journalisten statt. Der Einheitlichkeit halber wurden für Gäste nur einheitliche Sitzkategorien vorgeschrieben. Je früher die Gastkarten bezogen werden, desto mehr Aussicht auf gute Sitzplätze hat man. Die Ausgabe dieser Gastkarten wird der Chronologie der Bestellung entsprechend streng gehandhabt, ohne daß eine Unterscheidung zwischen in- und ausländischen Gästen gemacht wird. Auch für günstige Damensitze wurde in voller Uebereinstimmung mit dem Rabbinischen Rate gesorgt. Die Karte für die ganze Kongreßdauer kostet die Inländer S 15.—, falls sie diese bis spätestens 31. August beziehen. Von diesem Termin an werden S 20.— berechnet. Einen besonders schweren Dienst werden diesmal die Mitglieder der vereinigten Wiener Aguda-Jugendgruppen haben. Nicht weniger als 300 Ordner sind notwendig. Ihnen wird die ehrende und verantwortungsvolle Aufgabe zufallen, für eine klaglose Organisierung des Gesamtbetriebes durch gewissenhafte Disziplin und den vielfach erprobten Arbeitseifer einzutreten. Der Ordnerdienst teilt sich in zehn wichtige Sektionen. Außerordentlich erschwerend wirken die vier Nebenkongresse und der katastrophale Platzmangel in den Sofiensälen. Es stehen außer dem Festsaale, der zirka 3000 Personen faßt, der Blaue Saal für 800 Menschen und nur wenige Räume für Kommissionen, Empfänge und innentechnische Arbeiten zur Verfügung. Die diversen Landsmannschaften werden ihre Sitze in andere noch bereitzustellende Lokalitäten verlegen müssen. Zahlreiche Autos, die zum Teile von Gesinnungsgenossen zur Verfügung gestellt werden, sollen den Verbindungsdienst herstellen. Im Kongreßgebäude sind neben Restauration und Büfett, Ausstellungen, Verkaufskojen, Postamt und eine Filiale des österreichischen Verkehrsbüros untergebracht. Tagesausgaben der „Jüdischen Presse" werden die fortlaufenden Kongreßberichte bringen. Außerdem erscheinen zweimal des Tages die Blätter des Agudas Jisroel- Pressebüro (A. J. P. B.), sowohl deutsch, ais auch jiddisch. Sie beinhalten die offiziellen Bulletins für die Weltpresse, können aber gegen Vorauszahlung von Dollar 1.— von Privatpersonen bestellt werden. Das erste Bulletin erscheint am 5. September, da an diesem Tage bereits der 60gliedrige Rabbinische Rat und die verschiedenen bereits erwähnten Arbeitskommissionen tagen. Am 7. September beginnt die für vier Tage anberaumte Weltjugendtagung. Wien, unsere herrliche Kongreßstadt, wird neuerlich Gelegenheit haben, von seiner sprichwörtlichen Gastfreundschaft Zeugnis abzulegen und die Wiener Judenschaft wird um ein interessantes und bedeutendes Erlebnis reicher sein. Der Jude wird verbrannt Von Adolph Hoffmann. > (Schluß.) „Ja, wenn nicht jüdische Planscher die Finger dazwischen gehabt hätten," war die Antwort des Dicken. „Erlauben Sie," sagte ich, auf die Weinkarte zeigend, „hier steht: Direkt bezogen aus der Weinkellerei . . ." Mein Gegenüber biß sich auf die Lippen. Schmeichelhaft war für mich die Antwort sicher nicht, die er sich verbiß. Der .Pensionierte" meinte, bei der jetzt eingeführten eigenen Regie sei man vor jüdischem Einfluß nirgends mehr sicher. „Vielleicht ist es ein besonders nasser Jahrgang," flötete unsere Tischgenossin. Ich muß recht erstaunte Augen über dieses verblüffende Sachverständigenurteil gemacht haben, denn ihre Augen warfen mir den Titel eines bekannten Kartenspieles an den Kopf. Der Pensionierte rümpfte das Naschen und lächelte überlegen, während der Dicke in ein so ungeniertes Lachen ausbrach und mit den Worten „ausgerechnet Maiglöckchen" die Aufmerksamkeit des ganzen Speisewagens auf sich lenkte. Die Wienerin rief gekränkt nach dem Zahlkellner, und als er nicht gleich kam. erklärte sie pikiert: „JawoM, mein Gatte sagt immer, das Wetter, die Sozialdemokraten und die Juden verwässern einem allen Genuß und. jedes Geschäft." < KLEIDERHAUS SCHACHTER Dl XII., MEIOI. H AUPTSTR. 26 - TU. R 31-3-76 I Größte Auswahl in fertigen Herren- und I Knabenkleidern in besterQualität I Eisrene Werkstatte für feine Mafiarbeit. ¥~