Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE WAHlfflglt In den kürzlich erschienenen Lebenserinnerungen des berühmten Berliner Arztes Karl Ludwig Schleich stehen folgende anerkennenswerten Worte des Grafen Zeppelin aufgezeichnet: „. . . Sie haben darin ganz Recht, unsere Kindersehnsüchte sind entscheidend für unsere späteren sogenannten Großtaten. Ich habe als Junge so viele rote Ballons gekauft, als mir nur irgend erreichbar waren, und habe sie aneinandergebunden und mit Papier belastet, um ein schwebendes Gleichgewicht zu erzielen. Es ist mir nicht geglückt, aber den „Zeppelin" habe ich doch erfunden." Sehr bemerkenswerte Worte, zu denen aber doch einiges zu bemerken wäre. Z. B., daß auch viele andere sich von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Problem beschäftigten, ohne ihre Kindersehnsucht später zu verwirklichen. Ferner, daß es schön gewesen wäre, wenn bei dieser Gelegenheit Graf Zeppelin auch des armen Juden Schwarz gedacht hätte, ohne den Graf Zeppelin trotz aller Spiele mit roten Ballons nie zur Erfindung seines „Zeppelin" gelangt wäre, der, wenn der arme Jude etwas mehr Geld gehabt hätte, vielleicht auf den Namen „Schwarz" getauft wäre. * * * Die Saison am Plattensee wird, wie man betrübten Berichten ungarischer Blätter entnimmt, von Jahr zu Jahr weniger befriedigend. Die eigentlichen Gründe dafür werden diskret verschwiegen und sind höchstens zwischen den Zeilen zu lesen. Es scheint demnach, daß jüdische Gesellschaftskreise, deren Geld nicht „unerwünscht" wäre, immer taktvoller werden und mit Rücksicht auf die herrschende Strömung — das bezieht sich nicht auf den unschuldigen Plattensee — sich freiwillig einen Numerus clausus auferlegen. Es gibt ja so viele schöne Gegenden. Ego. Eine neue Theorie über den jüdischen Witz. In der psychoanalytischen Zeitschrift „Imago" veröffentlicht Theodor Reik, ein Schüler Siegmund Freuds, eine interessante Abhandlung über den jüdischen Witz, mit einer originellen Theorie. Ihm erscheint als das Typische des jüdischen Witzes die Selbstkritik, ja Selbstherabsetzung. Er erinnert an die Darstellung von Juden und von jüdischem Leben, wie sie von manchem Schauspieler, etwa von Eisenbach, der Werbezirk u. a. gegeben werden, um diese Bloßstellung der eigenen Verächtlichkeit, diese manchmal grundlose Demonstration der eigenen Erbärmlichkeit zu zeigen. Wie ist diese Sucht, sich herabzusetzen, zu erklären? Reik erinnert diese Sucht an eine geistige Erkrankung, in welcher ein ähnliches Verhalten zu finden ist, d. i. in der Melancholie. Auch hier findet Herabsetzung statt. Der Melancholiker schildert sein Ich als moralisch verwerflich und erbärmlich, macht sich schwere Selbstvorwürfe und beschimpft sich aufs härteste. Die Selbstanklagen steigern sich manchmal bis zum Paroxismus, wooei aber das ganze Benehmen des Melancholikers keine Spur von Scham über sich zeigt, sondern eher eine Art lästiger Mitteilsamkeit. Die Psychoanalyse erklärt nun dieses merkwürdige Verhalten der Melancholiker in der Weise, daß diese Selbstanklagen eigentlich einem anderen gelten, und zwar jener Person, durch welche der Melancholiker eine schwere Kränkung oder Enttäuschung erfahren hat. Er nimmt gleichsam — darin besteht die Erkrankung — diese Person in sich auf, und alles, was er gegen die Person zu sagen hat, bezieht er nun auf sich selbst. Die Selbstvorwürfe und Selbstanklagen der Melancholiker gelten also in Wahrheit dem verlorenen Objekt, das ins Ich aufgenommen worden ist. In derselben Lage wie der Melancholiker befindet weh nun der Jude, der im Witz sich selbst herabsetzt; er meint im Grunde nicht sich, sondern die Wirtsvölker, die er durch Selbstverhöhnung so zu treffen sucht, wie der Melancholiker die Person, von der ihm Unrecht geschehen ist. In der Verhöhnung, welche der jüdische Witz gegen das eigene Volk richtet, werden in latenter Art — aber doch für das Unbewußte erkennbar — die Wirtsvölker angeklagt und verspottet. Die Selbstkarikatur enthält m Geheimen die Schilderung derjenigen, welche das mannigfache Elend der Juden verschuldet haben. Es ist so, wie wenn der Judenwitz sagen wollte: Seht, so sind wir und ihr; oder: seht, zu wie kläglichen, schwachen, verängstigten und frechen, kleinlichen und gierigen Kreaturen ihr uns gemacht habt! Es steckt also in der Selbstherabsetzung eigentlich die Herabsetzung der anderen. Im zweiten Teile seiner Ausführungen ergänzt und vertieft Reik diese seine Theorie mit Argumenten aus Freuds Lehre vom Witz. Freud hat gezeigt, daß der Witz auch eine Tendenz hat, und zwar die, eine Hemmung zu beseitigen. Der Witz gestattet uns, obszön, aggressiv, ja unvernünftig zu sein; und Reik zeigt, wie gerade im jüdischen Witz sich dem Juden der Weg Öffnet, zur Ueberwindung des Respektes, und zwar allem gegenüber. Die Ueberlegenheit über den Gegenstand, die so errungen wird, entspricht aber nicht mehr der Stimmung des Melancholikers, sondern dem Gegenteil, der des Manikers, des krankhaft Heiteren. Freud hat gezeigt, daß die Manie denselben seelischen Inhalt hat, wie die Melancholie, nur daß hier in der Manie das Objekt bewältigt erscheint. Aehnlich ist es nun beim jüdischen Witz; auch er führt zur Befreiung des Ich von der grausamen Unterdrückung, unter der es so lauge gestanden hat. Und so vergleicht er schließlich das Zustandekommen des jüdischen Witzes mit einem Wechsel von Melancholie und Manie, der in einem Augenblicke vor sich geht: gleichsam ein Momentbäld en miniature der bekannten melancholisch-manischen Erkrankung. Die Theorie Reiks ist, wenn auch originell und in vielem aufschlußreich, im wesentlich doch nicht überzeugend. Aber sie weist uns den fruchtbaren Weg zur Erforschung dieses interessanten Gebietes, indem sie auf die Abhängigkeit des jüdischen Witzes nicht nur. von den Gegebenheiten-der jüdischen Psyche, sondern auch von den geschichtlichen Erlebnissen des jüdischen Volkes und deren Wirkungen auf die Seele dieses Volkes hinweist. Die Technik der 2. Kenessio Gedaulo. Von -Alfred Stroh, techn. Leiter der 2. K. G. Während unser erster Kongreß, der vor sechs Jahren im Gebäude des Zirkus Renz tagte, in jeder Hinsicht völlig Neues schaffen mußte, blicken wir heute schon auf eine große Erfahrung zurück, die es uns ermöglicht, zielsicher vorzugehen. Alle, die seinerzeit mitgearbeitet haben, wissen die mannigfachen Schwierigkeiten genügend zu schätzen, die oft zu bedrohlichen Krisen anschwollen, um schließlich von Direktor David Schlesinger, dem damaligen unermüdlichen und überaus umsichtigen Kongreßleiter, dank seiner hervorragenden Intelligenz und restlosen flingebungsfähigkeit, auf schnellstem Wege geglättet zu werden. Noch ein zweites großes Reservoir gesammelter Erfahrungen stehen dem Kongreßbüro zur Verfügung. Wien hat sich in den letzten Jahren zu einer Kongreßstadt entwickelt, und das österreichische Verkehrsbüro hat an dieser Organisationsarbeit seit fünf Jahren hervorragenden Anteil genommen. Es hat viele Erfahrungen gesammelt und steht uns ständig zur Verfügung, damit auch wir diese nutzbar machen. Es bat im Laufe dieser Jahre ein System ausgearbeitet, das den auswärtigen Gästen neben den Schönheiten Wiens auch den bis in alle Details funktionierenden Empfangsapparat stets in angenehmer Erinnerung erhält. Das vorjährige Sängerbundesfest war ein Musterbeispiel großen Stils, das dem Verkehrsbüro viele neue Wege der Verbesserungsfähigkeit zigte, und immer noch bringt jede größere Veranstaltung Ueberraschungen neuer Art zutage, die alle zur Verbesserung des Systems führen. Ganz neue Wege mußten für die 2. Kenessio Gedaulo eingeschlagen werden. Man mußte ein System ausarbeiten, das diese modernste Technik auch für unsere organisatorisch nicht leicht erfaßbare Gesinnungsbrüder angenehm und vorteilhaft fühlbar macht. Es verlangt von den Nutznießern seines