Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-08-30 · Heft 35 (30.8.1929) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064231--17426-3087549
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

BUS WAHftHBit Seite 7 reit war, zu weinen oder zu töten, geriet plötzlich in eine unmenschlich rasche, gehorsame, eifrige Bewegung." Wir haben hier gleichzeitig ein Beispiel, wie Lewinsohn Meutereiversuche bewältigt: er weiß, sachlich zu packen! Prachtvoll überhaupt, wie er Menschen ohne ihr Wissen zu lenken versteht! An der letzt zitierten Stelle treibt ihn allerdings die Tragik der außerordentlichen Lage wider Willen, eine „Kraft, die über der Abteilung stand," zu werden: „Aber auch dazu war er bereit, überzeugt, daß seine Kraft eine gerechte sei." Für gewöhnlich aber hat Lewinsohn nur eine Funktion in der Abteilung: „Jedem erschien als seine vorzüglichste Eigenschaft gerade die, daß er die Abteilung kommandierte." Er erwirbt absolutes Vertrauen, weil er dem Mann alle Sorgen abnimmt — aber sich auflädt („Wie hätte auch jemand denken können, daß er müde ist wie alle und schlafen will!") — sich auflädt auch im tieferen Sinne: „Lewinsohn war überzeugt, daß diese Menschen ein anderer Instinkt als bloß das Selbsterhaltungsgefühl treibe, sie aber, bedrängt von den Alltagsbedürfnissen, ihre wichtigste Sorge Stärkeren anvertraut haben, indem sie diese verpflichteten, an diese Sorge mehr zu denken, als daran, daß auch sie essen und schlafen müssen." Das ist der Führer. Und er ist es als typischer Jude. Ueber sein Aeußeres heißt es einmal: „Er sah aber so klein aus und fuchtelte so komisch mit dem mächtigen Mauser herum, daß es schwer fiel zu glauben, er sei die hauptsächlichste richtunggebende Kraft." Oder ein andermal: „Ein kleines Männchen in hohen Stulpenstiefeln mit langem, kegelförmigem, leidenschaftslosem Kupferbart, einem Gnomen aus Kindermärchen ähnlich, mit großen, schlauen, dunkelblauen, abwesenden Augen." Aber auch so: „Seine kleine, straffe Gestalt mit den sicheren knappen Bewegungen stand vor den Leuten wie die Verkörperung irgendeines unfehlbaren Planes." Jüdisch ist auch sein zartes Verhältnis zu Frau und Kindern. Wenn er nach allen dienstlichen Erledigungen noch-in später Stunde seiner Frau antwortet, wird gesagt: „Anfangs scheute er sich, den Gedankenkreis, welcher mit dieser Seite seines Lebens verknüpft war, zu bewegen, aber nach und nach geriet er in Eifer. Sein Gesicht erglühte ... In den eng beschriebenen zwei Bogen stand gar manches Wort, von dem niemand vermutet hätte, daß es Lewinsohn bekannt sei." Jüdisch ist auch seine natürliche Mission als kultureller Städter in dem rückständigen Bauernland: „In der Ueberwindung der Kargheit und Armut dieses Landes lag der eigentliche Urzweck seines Daseins. Und Lewinsohn wäre ein anderer gewesen, lebte in ihm nicht jene gewaltige, mit keinem anderen Wunsch zu vergleichende Gier nach einem neuen, schönen, starken und^guten Menschen." Und jüdisch ist auch, was ihm fehlt und wofür er die natürliche Ergänzung in dem russischen Bauern der Abteilung rindet: „Nach des Hfo-ten MeteMtza Tod fühlt Lewinsohn eine kleine Anwandlung von Schwäche, und es wird ihm bewußt, wie angenehm es ihm gewesen war, neben Metelitza zu reiten. Er hatte ihm durch die Kraft seiner Vitalität gefallen, die, ein unversieglicher Quell, in ihm sprudelte und die Lewinsohn fehlte." An dieser Schwächeanwandlung ist charakteristischerweise auch irgendwie schuld, daß ein schwacher intellektueller Schwärmer unter den Partisanen Lewinsohn an seine eigene Vergangenheit erinnert. Sohn eines Trödlers, der sich vor Mäusen fürchtete und auf der Geige kratzte, hatte sich der „engbrüstige Judenknabe" aus intellektueller Schwärmerei zur Erkenntnis der harten Wirklichkeit erst durchringen müssen. Aber die freudige Erkenntnis stärkt ihn: „Ich habe nicht nur manches gewollt, ich habe auch manches gekonnt — das ist der ganze Unterschied!" Und symbolisch ist auch, daß Lewinsohn, wenn die Abteilung nach der furchtbaren Nacht im Sumpf wieder in einen Hinterhalt gerät, den heroischen Entschluß zum Durchbruch nicht aus eigenem faßt: „Er schaute hilfslos um ... Da sah er plötzlich sehr klar das knabenhafte Gesicht Baklanows brennend vorgebeugt in Erwartung eines Befehles. Lewinsohn fuhr zusammen. Schmerzlich süß erklang es in ihm. Plötzlich zog er den Säbel und beugte sich wie Baklanow mit glänzenden Augen vor: .Durchbruch versuchen?' und schwang unerwartet den Degen über dem Kopf, daß er in der Sonne erglänzte." Wie im Mythos Anthäos von der Berührung mit der Mutter Erde, so bekommt hier der Führer erst Kraft von der Berührung mit seiner Mannschaft — der jüdische Führer mit seiner russischen Mannschaft. Dies ist ein Bild vom Juden als Führer wirkend unter Nichtjuden gesehen aus neuem Geist, mit dem vorurteilslosen, reinen und scharfen Blick des neuen Menschen, gestaltet mit der Hellsicht und Unabhängigkeit, eines wahren Dichters. Das in seinen Geschehnissen entsetzliche blutige, brünstige, aber keusch und zukunftsgläubig geschriebene Buch ist ein Dokument auch einer neuen Epoche der Emanzipation der Juden. Und ist vielleicht noch in einem buchstäblicheren Sinne dokumentarisch: Ich entnehme einer Autobiographiensammlung (Moskau 1928), die auch sein freimütiges russisches Bauerngesicht im Bilde bringt, daß der junge Fadejew ein Bauernsohn ist, an den Kämpfen in Ostsibrrien selbst teilgenommen hat — offenbar a'lso eigene Erlebnisse in seinem Roman verdichtet. („Jüd. Gemeindeblatt". Leipzig.) Qlerren» Die furchtbaren, durch den Streit um die Klagemauer hervorgerufenen Ereignisse in Jerusalem waren von den Kennern der Verhältnise längst vorhergesagt. Die Gleichgültigkeit, mit der England so lange schon den Wühlarbeiten gegen die Juden zusah, die von den heimischen Behörden geduldete Aufpeitschung des Fanatismus gegen eine wehrlose, in ihren heiligsten Gefühlen verletzte Minderheit haben ihre Früchte getragen. Zahlreiche Tote und Verwundete sind auf dem Platze geblieben, von dem aus die Gebete zu dem Gotte der Wahrheit, der Liebe und des Erbarmens emporsteigen sollen! Die Klagemauer in Jerusalem ist wahrhaftig zu einer Anklagemauer gegen Viele geworden! Gar seltsam werden die Erinnerungen an den großen Tempel in Jerusalem geweckt, in dessen Vorhof einst in uralten Zeiten frommgläubige Menschen demütigen Herzens ihrem Gotte blutige Tieropfer darbrachten. Unsere von Humanitätsphrasen triefende Zeit hat inzwischen so herrliche Fortschritte gemacht, daß man jetzt von blutigen Menschenopfern sprechen muß, die vor der Klagemauer den Götzen des nationalen und des religiösen Hasses zu Ehren fallen. Wie oft hörte man in schönen Worten das brüderliche Verhältnis schildern, das angeblich zwischen Arabern und Juden in Palästina herrscht. Man wird nach den tückischen mörderischen Ueberfällen, deren Opfer die Juden Palästinas sind, gut tun, zur näheren Charakteristik dieses brüderliche Verhältnis an das Beispiel von Kain und Abel zu erinnern. Das waren auch Brüder. * * * Die „Dötz" polemisiert gegen den Artikel eines sozialdemokratischen Blattes, in welchem dieses den Hetzern zum Bürgerkrieg zuruft: „W i r sind stärker." Die Polemik selbst interessiert uns nicht weiter, aber es ist beachtenswert, mit welcher schamlosen Dreistigkeit die „Dötz" bei dieser Gelegenheit eine Fälschung durchführt, um ihre Leser gegen die Juden zu haranguieren. Die „Dötz" zitiert nämlich den Satz des sozialdemokratischen Blattes nicht, wie er sich dort vorfindet, sondern folgendermaßen: „Sie schreiben, wir, d i e Juden, sind stärker, weil sie frohlockend sehen, daß ihr verderblicher, verhetzender Einfluß auf die verführte arische Gesellschaft noch nicht erloschen ist . . ." Wäre ein Preis für die frechste Fälschung ausgeschrieben worden, die „Dötz" hätte ihn durch diese Leistung verdient. * * * ____

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.