Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT deren Deutschen. Erst nach dem großen Debakel der Novembertage flackerten in deutschen Landen da und dort Pogromflammen auf. Das unglückselige und verabscheuungswürdige Resultat war, daß Walter Rathenau meuchlings erschossen wurde .... Bemerkenswert übrigens, wie sich immer und. immer wieder Judenhaß und Bolschewismus heimlich die Hände reichen. Und die perfideste Verdrehung ganz einfacher psychologischer Tatsachen ist es, wenn man das Judentum für die Seuche des Bolschewismus verantwortlich macht. Waren es die rassenreinen Juden, die den Kommunismus entdeckten? Ganz im Gegenteil — es war das herostratische Werk etlicher Renegaten, die den Brand ihrer inneren Zwiespältigkeit in alle Welt tragen wollten . . . DerJude als Führer. (In zwei jüngsten Romanen.) Von Dr. A. Suhi. Nach der Anzeige des Verlages „rollt" ein soeben erschienener Roman, „Der Aufruhr des schiefen Calm", von Gern. Herrn. Mostar, „das Problem des jüdischen Führers auf, der wohl den psychischen Mut mitbringt, physisch aber versagt". Diese Formulierung des „Problems" dürfte die übliche sein. Man braucht sich nur an den selig verflossenen Kampf um den Reserveleutnant zu erinnern, wo auch dem Juden nicht sowohl die geistigen Qualitäten als die physischen („der persönliche Mut") abgesprochen wurden, die zur Führung einer Mannschaft unerläßlich seien. Bei der Lektüre des Romans aber stellt sich wieder einmal heraus, daß auf Waschzettel kein Verlaß ist. Man müßte eher umkehren und sagen, daß Mostar dem jüdischen Führer den physischen Mut zuspricht und ihn psychisch scheitern läßt Einige Beispiele: Der 48er Aufruhr in dem Ländchen Bernburg-Anhalt beginnt damit, daß der jüdische Lohgerber Abraham Calm (es soll sich um eine historische Persönlichkeit handeln) zwecks Befreiung einer verhafteten, schwangeren Arbeiterfrau den Gendarm vor die Brust packt und einen Berghang hinabstößt Oder: bei Ausrufung der Republik auf dem Markt schießt preußisches Militär in die Menge und alles flieht was noch fliehen kann, der „schiefe Calm" aber schreitet allein auf dem leeren Platz den fünfzig Gewehrmündungen mit dem provozierenden Ruf entgegen: „Schießt! Es läwe die Republik." Und mit einem ähnlichen Bild schließt der Roman. 20 Jahre später marschiert der alte Calm in Leipzig an der Spitze einer Arbeiterdemonstration auf schußbereites Militär zu: „Brüder, schießt nicht auf eure Brüder!" — Physisch läßt Mostar seinen Helden also nicht „versagen". Hingegen kann der „schiefe Calm" es nicht ertragen, daß Menschen gleichsam um ihn gefallen sind, er aber lebt. Und gar noch, daß das preußische Militär, statt ihn zu erschießen, ihn auslacht, das zerschmettert ihn so, daß er fortan einen „Knacks" hat, unter der fixen Idee leidet, jedes Lachen irgendwo sei hämisches Gelächter über ihn. Also wohl nicht physisch, aber seelisch kann hier der Jude nicht standhalten. Ist nun etwa in dieser Formulierung das Problem des jüdischen Führers gültig gefaßt? Ich glaube, ganz und gar nicht Mostars Gedankengang ist vielmehr durch seine Verwendung eines spezifischen Charakterschemas bedingt Der Held seines Romans gehört nämlich zu jenen Judentypen in der deutschen Literatur, die von Shakespeares Shylock abstammend, in Gustav Freytags oder auch Raabes muffigen Judenfiguren „klassische", oft gebrauchte Schablone wurden. So ist auch Mostars Jude natürlich ein Monstrum (bei dessen Anblick der schwachsinnige Herzog in Ohnmacht fällt) und hat natürlich eine schöne Tochter (das einzige Gut des einsamen Witwers), die ihn natürlich um eines christlichen Liebhabers willen verläßt — kurz ein Shylok Nummer zwei, der natürlich auch „starr religiös" ist und „mauschelt". Diese alte Schablone, aus Judenverachtung geboren und zur Erweckung von Judenhaß geeignet, benutzt Mostar zur Darstellung eines Helden, für den er Sympathie hat und Achtung erwecken möchte. Diese seine Einstellung ist anerkennenswert. Aber Shylock oder Veitel-Itzig als revolutionärer Volksführer — das muß natürlich zu einem „psychischen Zusammenbruch", ja eigentlich zu einer Karikatur führen. Der Leser begreift auch gar nicht, wie die Handwerker auf der Bierbank dazu kommen, ausgerechnet den „schiefen Calm" zu ihrem Führer, ihrem „Hecker" auszurufen. Die neue Einstellung erforderte unbedingt auch neues Sehen, einen neuen Charaktertyp. Niemand kann wundernehmen, daß die alte Schablone und die neue Gesinnung einen klaffenden Widerspruch aufreißen. Mostar sucht ihn mit Reflexionen anzufüllen: der Schmied Iiiner will Calm zum Führer, weil es größer ist, wenn einer erst seine Angst überwinden muß und dennoch handelt, der „Fremdblütige" seinerseits, den „das Gerechtigkeitsgefühl seiner Rasse treibt", der sich als „Sündenbock" fühlt, als einer, der für die anderen, die Aengstlichen, handeln und leiden muß: hat „anne Heimat wollen han"! Damit sind wir glücklich in der Sphäre der sogenannten Judenromane angelangt mit ihrem berühmten Judenschmerz und ihrem Ringen um deutsche Heimat und seelisches Deutschtum. Es scheint, daß für den deutschen Dichter Jude-sein und eine schlichte, unzerrissene Seele haben eine contradictio in adjecto bedeutet Vielleicht meint Schnitzler so etwas, wenn er in seinem „Weg ins Freie" von einem nationaljüdischen Studenten bemerkt, er hätte auch ein Grieche sein können, und von einem Diskussionsgegner, einem um sein Deutschtum ringenden Literaten, er habe ausgesprochen jüdisch gewirkt In diesem Sinne wäre die gesamte Literatur der Ostjuden „unjüdisch", da Jude-sein dort kaum Zwiespalt bedeutet, sondern eine Lebenstatsache, eine stille Beschaffenheit Was es ja doch an sich wirklich ist! Und es wäre zweifellos ein Dokument der vollendeten Judenennanzipation, der wirklichen Freiheit der Hirne und Herzen, wenn ein deutscher Dichter einen Juden unter Nichtjuden wirkend darstellen könnte, der durchaus nicht von inneren und äußeren Widersprüchen geschüttelt wird, sondern so gut wie jeder andere Mensch sein Werk mit dem Blick aufs Werk tut, wenn er es natürlich auch so tut wie eben ein Jude. Nun, wir besitzen ein solches Dokument wahrhafter Emanzipation — nicht in der deutschen Literatur, aber in einem jüngst übersetzt erschienenen russischen Roman von A. Fade je w „Die Neunzehn". Dies Buch gibt uns einen Ausschnitt aus dem Bürger- und Interventionskrieg in Ostsibirien, die Erlebnisse der Partisanenabteilung Lewinsohn. Gleich auf der ersten Seite ist unser „Problem des jüdischen Führers" angetönt Jossef Abramowitsch Lewinsohn gibt einen unangenehmen Befehl. „Spitzbube," dachte die Ordonnanz gekränkt blinzelnd, „alle Juden sind Spitzbuben". Wie bewältigt nun Lewinsohn dies Problem? Einfach: indem er die Aufgabe des Führers überhaupt bewältigt Die Situation ist einzigartig und wahrhaft eines Juden würdig. Ohne jede militärische Ausbildung, sogar ohne schießen zu können, ist Lewinsohn als Befehlshaber zur Truppe geschickt worden. In der ersten Zeit muß er fast seine ganze seelische Kraft im Gefecht darauf verwenden, die Angst um das eigene Leben zu überwinden. Es heißt von ihm: „Er kannte viele der eigenen Schwächen, auch die anderer und dachte, daß man die Menschen nur führen könne, wenn man sie auf ihre Schwächen hinweist, die eigenen aber unterdrückt" Und: „Niemand ahnte, daß er zaudern könnte, er präsentierte immer ein fertiges Ja oder Nein." Oder in einer angstvollen und unsichtigen Lage: „In seiner äußerlichen Haltung gab er förmlich kund, daß er ausgezeichnet wisse, wozu dies alles geschähe und wohin es führe." Und wenn die Gefahr der Situation sich nicht mehr verbergen läßt, gibt Lewinsohn ein Beispiel: „Er war jetzt immer unter den Leuten ... der einzige, der noch nicht das Lachen verlernt hatte." Und er muß führen, um des Zusammenhaltens willen, seSbst wenn, en nicht mehr wissen kann, wohin: „Er wählte diese Richtung, weil er der Abteilung irgendeine Richtung unbedingt geben mußte", heißt es auf der Flucht in den Wald. Sie geraten in den Sumpf: „Sie suchten einen Schuldigen an ihrem Unglück. Und selbstverständlich war dies Lewinsohn! Hätten sie ihn jetzt sehen können . . . Da erschien er plötzlich vor aller Augen . . . Nervös und scharf seine hohe heisere Stimme: „Wer tritt aus der Reifoei? Keine Panik!' und zog seine Pistole. .Abteilung, Achtung! Wir überdämmen den Sumpf!'" Wieder hat er eine Richtung gegeben; einen Plan, eine Aufgabe! „Und die Masse, die eben noch be- HIB ÖSTERREICHS GROSSTE PHOTOFIRMA ||| PHOTO WEITZMANN WIEN II., PRATERSTR. 9 II., TABORSTR. 36 UND ZAHLREICHE FILIALEN