Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 5 schenfall eines deutschen Sieges über Frankreich ihn in dieser Hinsicht erleichterte. Er verlegte sich auf den Haß Englands, bis der Weltkrieg ihm die Wohltat erwies, ganz Europa, auch England, im Wert herabzusetzen. Sieger, denen selbst nicht allzu wohl ist, zehren immerhin weniger an seinem ungefestigten Selbstbewußtsein, als vor der Niederlage. Die Quai dagegen, die sein Judenhaß ihm bereitet, kann der deutsche Antisemit durch gewalttätige Ereignisse nicht loswerden. Das wäre Seibstzerstörung, denn er hat mit seinen Juden alles gemein, das Land, die Wirtschaft, die Art zu denken und zu leben, seine Haltung vor Fremden, vor den Aufgaben der Welt und sogar die Güte seines Selbstbewußtseins. Man hält die jüdische Selbstironie für den Rest einer gedrückten Daseinsform. Auch der deutsche Antisemit hat in seinem Blut noch immer die einstige Benachteiligung des historischen Deutschland. Er ist unter deutschen Typen der mit dem hartnäckigsten nationalen Gedächtnis. Sein Gedächtnis bildet in ihm einen „Minderwertigkeitskomplex". Er kann die Zeiten nationaler Unterlegenheit nicht vergessen. Er braucht daher die Ueberbetonung des nationalen Wertes,, mögen andere ihn längst als selbstverständlich empfinden. Unentbehrlich ist ihm der Haß, und unentbehrlich die Nähe des Gehaßten, ein sichtbarer, täglich erreichbarer Gefährte, an dem er sich ausläßt, mit dem er um die Palme streitet. Denn Antisemitismus ist nicht nur die Ablenkung eigener innerer Nöte. In der Vorstellung des Antisemiten ist der Jude der schlaueste und härteste der Lebenskämpfer. Jeden, der Erfolg hat, ist er zuerst geneigt, als Juden anzusprechen. Man frage nicht lange, was der Antisemit am liebsten auch seinerseits wäre und in gelungenen Fällen wirklich wird. Er wird genau das, was er jüdisch nennt. Ihm entgeht freilich zumeist der Anteil des Juden an der gerade vorhandenen Geistigkeit — und eben dies ist ein wichtiges Geheimnis der jüdischen Erfolge. Der Antisemit wäre konkurrenzfähiger, wenn er weniger Geringschätzung hätte, für Werte, die nicht sogleich Geld ergeben. Er täte gut, seine Begier nach Macht auf die Ideen auszudehnen. Sie sind große Mächte. Wenn der Antisemit denken lernte, würde er erstens Zusammenhänge entdecken, die ihm noch fehlen, so die hier genannten. Wie erst, wenn er besser denken lernte als die Juden, die darin heute auch nicht Meister sind! Er würde sich selbst samt seinen Juden über die Landesgrenzen hinweg in eine umfassende, bei weitem wichtigere kulturelle Gesamtheit einreihen. Der Gedanke an seine Nation wäre ihm kein Grund zur Gereiztheit mehr, keine Qual mehr. Er wäre zugleich bescheidener und stärker. Er würde sich vor der Welt nicht mehr brüsten, mit dem Juden sich nicht mehr messen wollen. Er würde, um leben zu können, des Hasses nicht mehr bedürfen. Er wäre glücklicher. Er wäre daher kein Antisemit mehr. Die selbstbewußten Völker unseres Kulturkreises sind die Italiener und die Bürger der Vereinigten Staaten. Tatsächlich gibt es weder hier noch dort nennenswerte Aeußerungen des Antisemitismus. Ein Volk, das am schwersten an Minderwertigkeitsgefühlen laboriert, ein Volk, das diese Minderwertigkeitsgefühle bis zu den höchsten künstlerischen njnyryu Kommt zur ll^^^l zweiten II ■ Kenessio ■ Gedaulo Wiener Sofiensäle für Wien und die österreldilsdie Prowinz hat begonnen. Der Preis für die Gastkarte, die zum Eintritt zu allen öffentlichen Tagungen des achttägigen Kongresses berechtigt, beträgt $ 15.—. Noth dem 31. Äugest gelöste Korten hosten s 20.-. Zop Eröffnungssitzung T^JtäSZ25& lösen, da eine große Anzahl Karten von ausländischen Gästen vorbestellt wurde. EirtarcMlilHtMiili'liri Wien ll.v Malzgasse Hr. 12 a Erlebnissen zu steigern vermag, ist das russische. Dostojewski war Antisemit aus ganzem Herzen, sublimierte aber seinen Masochismus zu unerhörtester dichterischer Leistung. Man weiß aus seinem literarischen Nachlaß, daß er sich eines Tages in eine systematische briefliche Diskussion mit einem polnischen Juden einließ, die zum Schluß gar nicht zugunsten Dostojewskis ausfiel. In Frankreich erreichte der Antisemitismus seinen Höhepunkt nach der schweren Niederlage im Jahre 1870. Die ganze Dreyfuß-Affäre wäre undenkbar ohne den für Frankreich unglücklichen Ausgang des deutschfranzösischen Krieges. Heute gibt es in Frankreich, mit Ausnahme von ganz unbedeutenden Manifestationen, die von royalistischer Seite herkommen, überhaupt keinen Antisemitismus mehr. Mit dem Sieg über Deutschland war auch dieses Problem endgültig erledigt. Die Engländer verhielten sich dem Judentum gegenüber in ihrer charakteristischen Art sehr klug. Sie bekämpften die Juden niemals, sondern machten sie unter der Patrönanz Balfours zu ihrem Bundesgenossen, erwiesen sich derart als ihnen vollkommen ebenbürtig und hatten, wie man in der Folgezeit sah, nur Nutzen davon. Gab es vor 1914 in Deutschland eine ernst zu nehmende antisemitische Bewegung? Schlimmstenfalls eine halbliterarische, die sich aber praktisch niemals auswirkte. Der geniale Jude Ballin war der erklärte Freund Wilhelm 11. Juden waren zum großen Teil führend in der deutschen Literatur. Die Judenheit fühlte sich wohl in Deutschland, war patriotisch, zog bei Beginn des Weltkrieges mit ebensolcher Selbstverständlichkeit ins Feld, wie alle an-