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Die Wahrheit · 1929-08-30 · Heft 35 (30.8.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT im Zusammenhang mit einem Lande, das fast ausschließlich von Semiten bevölkert ist, jedenfalls eigentümlich klingt." * * * Diese Rechtfertigung der Palästinapolitik Englands mutet bei aller Anerkennung der Schwierigkeiten gegenüber der arabischen Majorität angesichts der letzten blutigen Ereignisse im Heiligen Lande sehr merkwürdig an. Wohl wird nur von „Philosophen" und der „jüdischen nationalistischen Presse" verlangt, daß „die Juden in Palästina Vertreter des ganzen Volkes seien", aber etwas mehr Gerechtigkeit für die jüdische Minorität, die England ja auch bei seinen eigenen Orientzielen hilft, konnte wohl auch von England selbst gefordert werden. Es mußte nicht so weit kommen, daß unschuldig Blut in Strömen floß. Den Politikern ins Stammbuch. Im „Allgemeinen JüdischenFamilienbla11", Frankfurt a. M., einem beinahe zionistischen Blatte, lesen wir im letzten „Glossarium" folgende Bemerkungen, die ebenso den nichtjüdischen wie auch den jüdischnationalen „Po 1 i t i k e r n" gelten: Die Zeitungen melden: Pogrom in Litauen! Lieber 50 Juden wurden von Hulligans schwer mißhandelt; in vielen Fällen mußten die Ueberfallenen ins Krankenhaus geschafft werden. Dies ist nicht passiert in einem abseits aller Zivilisation gelegenen Orte, in dem dummes, ungehobeltes Volk haust, nein — in Kowno ist es geschehen. In dem Kowno. in dem Hochschulen, wissenschaftliche Institute und dergleichen kulturelle Dinge vorhanden sind. Geht, lasset schöne Reden erklingen — faselt von Fortschritt, Kultur und Menschlichkeit! Jubelt über Zeppeline, begeistert euch an Schiffsrekarden! Macht Konferenzen, singt Lieder vom Frieden und von Verbrüderung! Drückt freundschaftlich die Hand dem Diktator, dessen Polizisten erfreut zusehen, wenn Mordbuben harmlose Bürger an Leib und Leben gefährden. Sichert den Weltfrieden, ihr Friedensapostel, aber laßt einmal nur euren Protest laut werden gegen eine Kulturschande, die alle eure schönen Worte Lügen straft! Ihr seid stark genug, der WeSt den Friedlin zu geben, aber zu schwach seid ihr. wenn es gilt, ein kleines Häuflein Menschen zu schützen. Wo bleibt euer Protest? Sagt laut hörbar, daß ihr nicht dulden werdet, wenn in einem Lande Menschen als Freiwild behandelt werden! Sagt deutlich, daß ihr eine Regierung verachtet, die Vorkommnisse, wie die von Kowno, duldet oder nicht gehörig bestraft. Wo sind eure sonst so mächtigen Stimmen, ihr großen Männer von der Politik? Werdet ihr schweigen? Es ist, als müsse man an der Menschheit verzweifeln. Trotz Fortschritt und sogenannter Weiterentwicklung bricht immer wieder die finstere Denkungsart des Mittelalters hervor und macht die Illusionen, mit denen man sich gerne umgibt, zuschanden. Ällzumenschlich ist es, wenn wir schönen Worten leichtgläubig lauschen, und allzuleicht ist man geneigt, sich in Ruhe wiegen zu lassen. Vielleicht ist es gut so. Aber Vertrauen wird nicht selten mit Mißtrauen quittiert. Wie schnell ist der Jude dabei, wenn es gilt, die Hand zum Bunde hinzuhalten; wie schnell läßt er sich einlullen. Und sein ehrliches Bestreben wird allzuoft in eine Resignation zurückgeworfen. Man muß nicht Besitzer eines zionistischen Parteibuches sein, um einzusehen, daß für diejenigen Brüder, die draußen Fremde geblieben sind, endlich ein Heim geschaffen werden muß. Kowno! soll allen ein Mahnruf sein. * * Und weil wir gerade vom Zionismus reden: Es ist Zeit einzusehen, daß das Wirken derjenigen Glaubensgenossen, die abseits vom Zionismus stehen, dem Judentum doch auch dient. Denn sie tun das Nötige, um den Interessen derjenigen Juden, die in ihrem Geburtslande festgewurzelt sind und nicht gewillt sind, den Wanderstab zu ergreifen, Geltung zu verschaffen. Es darf nicht übersehen werden, daß trotz vielem Mißerfolg Großes geleistet worden ist. Wenn jeder Jude aus jeder „Richtung" auf seinem Posten steht, so k a n n und muß die Position der Juden in der Diaspora und in Erez Israel verbessert werden. Unschön ist der Kampf einer „Richtung" gegen eine andere — und vor allem schädlich und er ist eher alles andere als jüdisch. Für uns gilt es mehr wie für jede andere Gemeinschaft: Einig sein, um stark zu sein! J. K. * * * * Ein schweizerischer Nichtzionist schreibt uns zum Thema „Politik oder Philanthropie" folgendes: „Der fundamentale Unterschied zwischen Zionisten und Nichtzionisten besteht darin, daß die einen sich gleichzeitig als Nationaljuden betrachten, die andern aber nicht. Von den Nichtzionisten unterstützen schon seit langem viele das zionistische Aufbauwerk; wer denn sonst gibt seit Jahren das Hauptkontingent der Keren Hajessod- Gelder? Wir Nichtzionisten tun dies aber nicht aus national jüdischen Gründen sondern aus sozialen, humanitären, philanthropischen, religiösen Gründen usw. Wir bleiben Schweizer, Franzosen, Deutsche, Amerikaner usw., unserem Nationalbewußtsein nach. Man verwische nicht die Trennungslinie, sondern habe, wie Dr. Martin Bloch bei der Eröffnung des Zionistenkongresses richtig ausführte, gegenseitig volle Achtung vor den beiderseitigen Auffassungen, sonst würde das glücklich vollbrachte Einigungswerk großen Schwierigkeiten unterliegen. Wir wollen von unseren Gesichtspunkten aus helfen. Denn auch uns bedeutet das Palästinawerk vieles, aber nicht ein nationales Erlösungswerk für uns selbst, denn wir sind eben keine Zionisten. Ueberhaupt ist uns die Unterstützung des Palästinawerkes nur e i n jüdisches Problem unserer Zeit, neben dem wir noch viele andere Aufgaben sehen, die uns nicht weniger wichtig erscheinen. Der Zionismus erschöpft sich, seinem Basler Programm nach, in seinem Palästinastreben; wir Nichtzionisten, denen das Judentum nicht eine nationale, sondern eine geistig-kulturelle und religiöse Sache ist, sehen noch zahlreiche andere Aufgaben für die Judenheit unserer Tage." —r— Der Antisemitismus und seine Heilung. Von Heinrich Mann. Soeben erscheint im P. Zsolnay-Verlag in Wien das neue Werk Heinrich Manns: „Sieben Jahre Chronik der Gedanken und Vorgänge", aus dem nachstehende Skizze entnommen ist. Die selbstbewußten Völker unseres Kulturkreises sind am wenigsten antisemitisch. Der Antisemitismus beginnt dort, wo man an Erfolge nicht lange gewöhnt ist und die eigene Stellung in der Welt noch als Problem empfindet. Er artet aus, wo ein Volk geknechtet ist. Er erhält sich in mehr oder weniger bösartiger Form nach nationalen oder politischen Befreiungen, die zwar im Aeußeren vollzogen, aber innerlich noch nicht erworben sind. Der deutsche Antisemit, oder vielmehr der „national" genannte Menschentyp, der die meisten Antisemiten stellt, war Franzosenfresser, bis der Zwi-

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