Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-08-30 · Heft 35 (30.8.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 35 (30.8.1929)
Date
1929-08-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064231--17422-3087545
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DDE WAHRHEIT Sette a steht das Ansehen des britischen Weltreiches auf dem Spie 1", schrieb dieser Tage die „Neue Freie Presse"; für das Judentum, das den Frieden mit seiner Umwelt, wo immer es lebt, will, steht mehr auf dem Spiele. Oskar Hirschfeld. „England und Palästina." Unter dieser Uebearschrift schrieb die englische Wochenschrift „The Near East and I n d i a" in ihrer Ausgabe vom 18. Juli u. a. folgende Betrachtungen, die angesichts der letzten Ereignisse sehr zu denken geben: „Eines der Ergebnisse, die von der Vertretung der nichtzionistischen Juden, insbesondere der amerikanischen Judenheit in der erweiterten Jewish Agency zu erwarten ist, wird eine Verstärkung der Kritik an der Mandatarmacht für Palästina sein. Schon vor dem Zionistischen Kongreß war die Tendenz fühlbar, zu vergessen, was die Mandatarmacht für die Juden in Palästina getan hat, und zu betonen, was nicht getan worden ist. Selbst über den High Commissioner, der zuerst von den Zionisten als ein Mann der Praxis, der dem jüdischen Nationalheim eine neuen Impetus geben würde, begrüßt worden ist, werden nunmehr bittere Dinge gesagt. Er wird für die Beschränkung der Autonomie von Tel Awiw, für den Bodenkonflikt bei Chedera, die Unterstellung jüdischer Kolonien unter eine rein arabische Distriktverwaltung, die strengere Durchführung des Zertifikatensystems, für die Versuche, die hebräische Sprache zurückzudrängen usw. getadelt. Denjenigen, Anrufung und Beschwörung, in dem Ton liegt schmerzliche Zerknirschung, unendliche Sehnsucht und trotzige Zuversicht: „Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn, und lasse dich gereuen des Unheils, das du deinem Volke zugedacht!"... Das breite Fenster gen Osten war breit geöffnet, ich sah die üppigen Gärten, und jenseits des Flusses die wogenden Aehrenfelder, die bis zum Kamm des Gebirges hinanstiegen, hoch oben schimmerte der Eichenwald im Golde der untergehenden Sonne. Dann schloß ich vor Mattigkeit die Augen und sah schauernd, wie Mose den Berg hinunterstieg, „und die beiden Bundestafeln hielt er in der Hand . . . Und die Tafeln waren das Werk Gottes, und die Schrift darauf war die Schrift Gottes, eingegraben in die Tafeln". Unten in der Niederung tobt und braust es, ein ungeheures Getöse erfüllt die Luft . . . Das Volk umtanzt ausgelassen und wild das goldene Kalb ... Bei diesem Anblick verfinstert sich das Antlitz Moses, er erhebt die Arme, schleudert die Tafeln fort, und sie zerschellen krachend am Fuße des Berges . . . Etwas Ungeheuerliches. Namenloses ist geschehen ... Ich schrecke zusammen. Mir ist. als legte sich eine furchtbare Last auf mein Herz, noch eine Weile, und der Atem würde mir ausgehen . . . Ich zucke empor und erwache . . . Und die Stimme meines Vaters, der aus der Thora vorliest, klingt erleichtert und triumphierend: „Wandle du. Ewiger, in unserer Mitte, denn es ist ja ein hartnäckiges Volk, vergib unserer Missetat und unserer Sünde, und lasse uns dein ewiges Erbe sein" . . . * * * Minchah war zu Ende, in der langen sommerlichen Abenddämmerung setzten sich die Männer hin und plauderten gemächlich, bis drei Sterne am Himmel erschienen, und man das Abendgebet beginnen konnte. Mein Vater trat zu mir, streichelte mir die Wangen und erfaßte meine Hand. Ich war so schwach, daß ich mich nicht rühren konnte. Großmütterchen stürmte herein, faßte meinen Vater an den Rockschößen und zog ihn hinaus. „Komm* Vater, ich zeig' dir was, komm' schnell!" Sie traten hinaus vor das große Fenster. die über die Details der Verhältnisse in Palästina unterrichtet sind, wird eine solche Kritik eigenartig vorkommen, aber sie ist wahrscheinlich symptomatisch. Viele Juden stellen sich augenscheinlich nicht vor, was von den englischen Beamten in Palästina verlangt wird. Es ist eine höchst schwierige und ungewöhnliche Aufgabe, besonders für Engländer: die bevorzugte Behandlung einer Minorität ist wedereineKonzeptionderGerechtigkeit, die man leicht erfaßt, noch eine Aufgabe, die man leicht ausführen kann. Man hat manchmal das Gefühl, daß das jüdische Volk, selbst diejenigen Juden, die die palästinensische Nationalität angenommen haben, das Haupthindernis für die Realisierung des englischen Ideals im Heiligen Lande sind: die Schaffung eines palästinensischen Volkes, das in einheitlichen Begriffen des Landes denkt, nicht aber in denen einer Religion oder Rasse, Es ist für den Philosophen ziemlich einfach, die Ideezuverstehen, daßdieJuden inPalästina nicht eine gewöhnliche Minderheit, sondern (wenigstens in der Theorie) Vertreter des ganzen jüdischen Volkes seien, aber es ist eine andere Sache für den örtlichen englischen Beamten, der sozusagen zwischen der „kleineren und der größeren Gerechtigkeit" zu unterscheiden hat. Zwar haben diese Beamten ihre Arbeit so bewundernswert durchgeführt, daß sie keiner Verteidigung bedürfen, aber wir könnten erwarten, daß die jüdische nationalistische Presse aufhört, sie als „Antisemiten" anzugreifen, nachdem diese Bezeichnung „Sieh' Vater, es stehen schon drei Sterne am Fßmmei» Da, da und da!" „Wo denn? Ich sehe nichts." „Heb' mich nur auf den Arm, ich zeig' sie dir gleich!" Sie stocherte mit dem kleinen Finger in der Luft herum und beteuerte, drei kleine, ganz kleine Sternchen zu sehen. „Es sind Glühwürmchen, Kind, auf die Sterne muß maa noch eine Viertelstunde warten." Ich lag ganz resigniert in meinem Stuhl und wartete. Die Viertelstunde dauerte entsetzlich lange. Aber schon wurde das Abendgebet angestimmt. Ich war so schwach, daß ich mich an meinen Vater lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er fuhr mir einige Male liebevoll mit der Hand über die Stirn. Noch eine Weile ... Ich nahm mich zusammen und betete mit. Jetzt war ich wieder ganz frisch und munter, als hätte ich überhaupt nicht gefastet. Das war alles eine Kleinigkeit gewesen . . . Die Tür öffnete sich, und meine Mutter erschien mit einem großen Tablett auf den Armen, voller Flaschen, Gläser und einem Teller mit Kuchenschnitten. Es war der Imbiß für die Fastenden. In mir hüpfte das Herz bei diesem Anblick. Für mich war eine Tasse Kaffee und Gebäck bestimmt. Alle setzten sich gemächlich um den langen viereckigen Tisch, gössen sich bedächtig die Gläser voll und tranken einander zu. Reb Chajkel setzte sich mit ernster würdevoller Miene an den Tisch und seufzte laut: „Auf euer Wohlsein, Brüder, auf euer Wohlsein, und auf das Wohlsein von ganz Israel . . . Die Schechinah ist in der Gefangenschaft, und wir trinken einander zu und tun uns gütlich . . . Gott möge sich erbarmen!" Dann schlürfte er das Glas hinunter. „Das Fasten an einem so langen Tage ist schwer" bemerkte Rabbi Akiba, „aber den Gottesfürchtigen gibt Gott die Kraft dazu". Erst jetzt durfte ich nach meinem Kaffee greifen. Nie im Leben hat mir seither ein Getränk so geschmeckt! „Na, wie ist dir das Fasten heute bekommen, kleiner Baal Neder?" fragte mich Berl der Brauer. „Ausgezeichnet! Am Jörn Kippur faßte ich abermals!" „Sag' doch beli Neder, dummer Junge", rief mein Vater.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.