Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064197-3064231--17421-3087544- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 DIE WAHRHEI1 von der schwachen und seinen Orientzielen nicht recht dienenden zionistischen Organisation wies die neue Bahn. Gleichzeitig wurde auch versucht, in Palästina selbst zu einem gütlichen Einvernehmen mit der arabischen Majorität zu kommen, die Organisation „Brith Schal om", die die Verständigung suchte, rückte in den Vordergrund, Jabotinsky in den Hintergrund. Die Bemühungen Weizmanns um Gewinnung der reichen Nichtzionisten waren bekanntlich von Erfolg gekrönt. Damit trat die Palästinapolitik in eine neue Phase. Die von Fanatikern aufgehetzten Araber merkten recht wohl, daß die Gründung der erweiterten Jewish Agency für Palästina zur Folge haben würde, daß Geld und damit neue Kolonisten ins Land kommen würden. Das bedeutet, so lehrten sie die Hetzapostel, eine Gefahr! Und sofort waren alle mühsam aufgebauten Brücken der Verständigung abgebrochen, der casus belli war wieder da. Diese gewiß traurige Entwicklung war vorauszusehen, zahlreiche englische Orientkenner hatten bereits seit Monaten darauf verwiesen, daß es im Spätsommer diesesJahres wahrscheinlich zu arabischen Pogromen kommen würde. Allein England tat nichts, um das drohende Uebel abzuwehren, es verharrte vielmehr in seiner schwächlichen Haltung gegenüber den Arabern. Vielleicht wollte es die Entwicklung der neuen Jewish Agency abwarten, um nicht neuerlich in seinen Hoffnungen enttäuscht zu werden; Tatsache aber ist, daß in Palästina nichts unternommen wurde, um die immer mehr gesteigerte HetztätigiUtet&i Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamin Segel. (Fortsetzung und Schluß) „Steh' auf mein Sohn", weckte mich eine Stimme aus dem Schlafe. Mein Vater stand bei mir und erfaßte meine Hand. „Komm' ins Cheder, man hat eben Mincha angefangen." Ich folgte ihm schlaftrunken. Im „Cheder" bot sich mir ein seltsamer Anblick. Die Sonne war im Untergehen. Auf dem Betpult neben der Heiligen Lade brannten trübselig zwei Kerzen und warfen einen düsteren Schimmer auf den schwarzen Vorhang. Die versammelten Männer legten Tallith und Tephillin an, was mir sehr auffiel, da man sonst niemals Tephillin am Abend legte ... Ich stutzte eine Weile, dann entsann ich mich, daß heute der neunte Ab war ... Ich hatte den ganzen Tag gefastet . . . Nun musterte ich die Männer. Sie sahen alle etwas müde und abgespannt aus. Aber sie hatten den ganzen Tag schwer gearbeitet, sonst merkte man ihnen nichts an. Nur mein Freund Schalom saß in der Ecke ganz zusammengesunken, den Kopf gesenkt, als wäre das Gehäuse des Tephillin über seiner Stirn eine fürchterliche Last. Bei seinem Anblick erwachten meine ganzen Hungerqualen ... Ich beneidete die Erwachsenen, die aufrecht dastanden, und denen das Fasten nichts anzuhaben schien. Das kam mir als ein großes Unrecht vor. Aber dann bedachte ich, daß ich in einigen Jahren auch erwachsen und genügend kräftig sein würde, um mir aus einem Fasttag nichts zu machen . . . Doch bis dahin war es weit, und mittlerweile nagte und bohrte es in meinem Innern, meine Knie wankten. Ich mußte mich an den Rand des Tisches keit unter den Arabern einzudämmen. Diese Hetztätigkeit fand ihren Nährboden in dem Streit um die Klagemauer, der sich schon einige Jahre hinzieht und der den Schürern des Hasses einen willkommenen Antrieb bot. Für die Juden handelt es sich darum, alten Gebräuchen ungestört folgen zu dürfen und nicht in der Pflege der Tradition gehindert zu werden. Die Klagemauer bildet einen Teil der Umfriedung des einstigen Tempelplatzes; sie schließt aber zugleich heute den Raum ab, auf dem die Omar-Moschee und ein anderes Gotteshaus stehen, zwei mohammedanische Heiligtümer, die in der Wertung der Gläubigen gleich nach der Kaba in Mekka folgen. Von arabischer Seite wurde ausgesprengt, daß die Juden von dem Verlangen erfüllt seien, nicht bloß den Platz vor der altehrwürdigen Mauer in gewohnter Weise benützen zu können, sondern daß sie auch den Ehrgeiz haben, ihren Tempel dort wieder erstehen zu lassen, wo er in den Tagen der Könige stand. Damit war freilich die Tatsache schlecht zu vereinen, daß gerade in der letzten Zeit den Mohammedanern erlaubt wurde, verschiedene Bauten an der Klagemauer zu errichten und einen neuen Zugang zu ihrer Moschee zu erschließen. Den arabischen Agitatoren machte es jedoch keine Sorge, die Wahrheit auf den Kopf zu stellen. Und sie hatten es ja so leicht; England machte ihnen nicht die geringsten Schwierigkeiten, und erst jetzt, da unschuldig Blut geflossen, hört man von „militärischen Abwehrmaßnahme n". Was ist das für eine Mandatsregierung, die nach mehreren Jahren der Herrschaft im Lande die Ruhe und Ordnung nicht anders wiederherstellen kann als mit Waffen in der Hand, die man im Momente der Bestürzung ergreift? „In Palästina klammern, um nicht umzusinken. An der Ostwand, in einem Winkel stand Reb Chajkel mit abgewandtem Gesicht und betete mit lautem Jammern und Stöhnen. Er hatte immer ein besonderes Stelldichein mit Gott und liebte es nicht, sich unter das gemeine Volk zu mischen . . . Mittlerweile wurde der schwarze Vorhang beiseite geschoben, die Heilige Lade öffnete sich, und eine Thorarolle wurde herausgehoben und aufgerollt. Es kam Leben in die etwas schläfrige Gesellschaft. Mein Vater, der ständiger Vorleser unserer kleinen Gemeinde war, stimmte den Abschnitt des heutigen Tages an. Es war merkwürdig, wie sich alles ringsum auf einmal verwandelte. Vor meinen Angen schwebten gewaltige Bilder, durch die Verse der Bibel hervorgezaubert, die jetzt in jener erschütternden Vortragsweise erklangen, aus beschämter Reue und herzinniger Hoffnung gemischt, wie wenn ein Sohn, seinen beleidigten Vater um Verzeihung bittet. Immer wieder, an jedem Fasttage zur Erinnerung an ein großes nationales Unglück, gedenken wir von neuem der ersten unseligen Verirrung unserer Vorfahren in der Wüste . .. Da weilt Mose auf dem Berge, und Gott offenbart ihm die Gesetze, die er sein Volk lehren soll. Da schickt Gott ihn plötzlich weg. „Steh' auf und steige den Berg hinunter, denn dein Volk, welches du aus Aegypten geführt, hat Verderben gestiftet . . ." Ein gegossenes Kalb haben sie gemacht und es als ihren Gott angerufen . . . „Laß mich, daß mein Zorn über sie ergrimme und ich sie vernichte, und dich dafür zum Stammvater eines großen Volkes mache . . ." „Wajjechal Mosche . . ." ... Da flehte Mose vor dem Antlitz des Ewigen, seines Gottes und sprach: „O Ewiger, laß deinen Zorn nicht entbrennen gegen dein Volk, das du aus Aegypten herausgeführt hast mit großer Macht und starker Hand. Sollen die Aegypter sprechen dürfen: zu ihrem Unheil hat er sie hinausgeführt, um sie in den Bergen zu töten und sie von der Erde zu vernichten??" . . . Hier hält der Vorleser inne, und die ganze Gemeinde stimmt den folgenden Vers an, es klingt wie eine stürmische