Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 35 (30.8.1929)
- Date
- 1929-08-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen Veröffentlichungen der „Union deutschSsterr. Juden1* „Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien" Redaktion und Administration; Wien IL, Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 30. August 1929 Nummer 35 Krieg in Palästina. - Schreckensnachrichten kommen aus dem Heiligen Lande. Seit der jüdischen Massendemonstration am Tischo b' Aw, die dem Proteste gegen die fortgesetzten Störungen an der Klagemauer Ausdruck verleihen sollte, überstürzen sich die Ereignisse. Am Freitag, den 16. d. M. kam es zu einem Ueberfall auf betende Juden an der Klagemauer, bei dem — nach vorsichtigen Schätzungen — dreißig Tote und über hundert Verletzte als bemitleidenswerte Opfer des erbitterten Ringens gezählt wurden. Nach weiteren Plänkeleien und trotz aller Vorsichtsmaßnahmen ist es dann auch in der Nacht vom vergangenen Samstag auf Sonntag wieder in der Vorstadt Hebron zu schweren Kämpfen zwischen Juden und Arabern gekommen, bei denen nicht weniger als f ü n f u n dvierzig Juden getötet wurden. Die Kämpfe, die sich inzwischen auf das ganze Land ausdehnten, dauern auch weiter an; bisher werden über 150 Tote und 400 Verletzte gemeldet. Die Folgen dieses Bürgerkrieges sind verschärfte Maßnahmen der englischen Mandatsregierung: Verhängung des Belagerungszustandes über Jerusalem und in weiterer Folge über ganz Palästina, Entsendung von Schlachtschiffen, Heranziehung von starken Truppenkontingenten selbst auf dem Luftwege usw. Man kann also leider von einem regelrechten Krieg in Palästina sprechen, von dem nur zu hoffen steht, daß er recht bald ohne viel weitere Opfer sein Ende finden wird. Die Judenschaft der ganzen Welt blickt mit Entsetzen auf diesen neuesten Kriegsschauplatz, der für sie ein heiliger Boden ist. Denn es wäre eine Verkennung der Tatsachen, wollte man leugnen, daß für jeden von uns — aus diesen oder jenen Gründen — Palästina etwas bedeutet. Gerade in den letzten Wochen war es Gegenstand unserer größten Aufmerksamkeit und nun nach diesem Höhepunkt, den die Konstituierung der erweiterten Jewish Agency sicherlich darstellte, dieser Rückfall in allzu traurige Wirklichkeit! Da ist es am Platze, die Ursachen des Dramas zu untersuchen, das sich jetzt vor unseren entsetzten Augen im Heiligen Lande abspielt, und ein Wort der A n k tar^'e gegen die wahren Schuldigen zu sprechen. Diese Anklage gilt England. In seiner Mandatspolitik erblicken wir, und mit uns gewiß alle politisch Weitblickenden, die eigentliche Ursache der blutigen Ereignisse. England hat von Anfang an, seit der Balfour-Deklaration und seit dem Friedensvertrag von San Remo, der ihm das Mandat übertrug, eine ganz unvernünftige Politik in Palästina betrieben, die sich nun so furchtbar rächen sollte. Es hat im ersten Momente sich — gewiß aus egoistischen Gründen — mit besonderem Eifer der damals so eroberungslustigen zionistischen Organisation bedient, obwohl es wissen mußte, daß diese mit ihren Aspirationen nur eine Minorität im Judentum darstellt. Es hat sie dennoch in ihrer anfangs recht einseitigen Palästinakolo'iisation stark unterstützt und dadurch die einheimischen Araber in eine bedrohliche Abwehrstellung getrieben. Als England sich dann in seinen großen Hoffnungen getäuscht sah, denn die Zionisten blieben mit ihren nationalen Palästinawünschen in der Judenheit der ganzen Welt isoliert, da hat England eine Drehung gemacht und — die Weltgeschichte hat bewiesen, daß England Meister in solchen plötzlichen Wendungen ist — sich auf die andere Seite geschlagen. Nicht daß es nunmehr die Judenfeinde wesentlich unterstützte — es wurden auf dem Zionistenkongreß zwar auch solche Anklagen erhoben, so daß es 300.000 Araber aus dem Hedschas nach Palästina ließ, während es Juden die Einwanderung untersagte, — aber es machte von nun ab eine Politik, die den Arabern, an denen sich England stark interessiert zeigte, nicht wehe tat, ihrer Hetztätigkeit vielmehr nie Einhalt gebot. Diese Wandlung in Englands Palästinapolitik ist vor ungefähr fünf, sechs Jahren eingetreten. Damals begann auch die bekannte Aenderung in der zionistischen Politik, damals wurde der Weg zu den Nichtzionisten eingeschlagen. Er wurde von W e i z m a n n zwar schweren Herzens angetreten, aber die Erkenntnis, daß ohne die materielle und geistige Hilfe der innerjüdischen Gegner Palästina zugrunde gehen müsse, und die Abkehr Englands