Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Badegruben unter freiem Himmel, in denen 30 bis 40 Leute zugleich baden konnten, als solche auffaßt, kann bis in diese Zeit von einer Beschränkung kaum die Rede sein. Und doch gab es auch zu jener Zeit Juden, die das Bad besuchten, so berichtet Dr. Justus Johannes Torkes in einem medizinischen Werke aus dem Jahre 1745 von einer jüdischen Frau „mulier Judaica", die an Geschwüren am ganzen Körper litt und durch den Gebrauch der Pistyaner Thermen geheilt wurde. Kaum waren jedoch stabile Anlagen gebaut und dies war zu Ende des 18. Jahrhunderts der Fall, da mußten die „gemeinen" Leute noch in Baden graben, indes die „bemittelten" Kurgäste auch in einem Badegebäude, in dem sogar Wannen standen, ihre Kur gebrauchen konnten. Es ist selbstverständlich, daß die Juden zu den „gemeinen" Leuten gezählt wurden und ihnen im Gebrauch des Badehauses Beschränkungen auferlegt wurden. Noch krasser trat dies zutage, als die Badeanlagen zu Anfang des vorigen Jahrhunderts weiter ausgebaut wurden. Das gemeinsame Badebecken wurde durch Bretterwände in drei Teile geteilt, nämlich in das „Gehbad" für „ansehnlichere" Leute, das in dem vorderen Teile desselben untergebracht war, ferner in das „gemeine" und in das „Judenbad'1. Die „Ansehnlichen" zahlten sechs Kreuzer, die „gemeinen" Leute und die Juden zahlten in gleicher Weise drei Kreuzer. Allmählich scheint aber doch das Judenbad besser ausgestattet worden zu sein, was offenbar auf den Zustrom des zahlungskräftigeren jüdischen Publikums zurückzuführen war, denn es rangiert bereits nach zwanzig Jahren vor dem „gemeinen" Bad und hält in seinen Einrichtungen ebenfalls die bejammernswerte Mitte zwischen diesem und dem Bad des Vornehmen. Allerdings war es auch dem Gutdünken des Badeinspektors überlassen, auch Juden das Bad des Vornehmen, das sogenannte Gehbad, benützen zu lassen, freilich nur zu einer bestimmten Stunde. Da war nun der Willkür Tür und Tor geöffnet. Scherer, ein edler christlicher Arzt und Menschenfreund, der stets ein Freund und Beschützer der Armen war, tadelt in seiner, vor etwa 100 Jahren erschienenen Monographie dieses Vorgehen und erzählt folgende Begebenheit: „Den Israeliten wird morgens angezeigt, der Eintritt ins Schlammbad sei ihnen heute von 12 bis 1 Uhr mittags gestattet. Sie versammeln sich in der drückendsten Julihitze um die bestimmte Stunde. Nun fällt es aber noch gerade einem nichtjüdischen Kurgaste ein, sich um halb 12 Uhr ins Schlammbad zu setzen. Der Mann hat die Taxe von zehn Kreuzer Konventionsmünze bezahlt, draußen barren jedoch wohl 56 Menschen, von denen dreißig auch ein jeder zehn Kreuzer Konventionsmünze bezahlen mußten, zugleich befinden sich darunter mehrere Gelähmte, die auf ihren Karren in der sengenden Sonne Höllenqualen leiden, die meisten sind noch nüchtern und müssen, soll das mächtige Schlammbad nicht verderbenbringend für sie werden, noch wenigstens zwei Stunden nüchtern bleiben, man heißt sie warten. Endlich wird es ein Uhr, es vergeht aber noch eine Viertelstunde, dann eine halbe Stunde und die draußen warten fort. Um zwei Uhr steigt der Zehn- Kreuzer-Mann aus dem Bade, kleidet sich langsam an und entfernt sich, und die um die zwölfte Stunde hierher Bestellten, seit mehr als zwei Stunden Harrenden werden für diesen Tag nicht mehr ins Bad gelassen, weil man es für den Nachmittag zufüllen wolle." Das Judenbad und alle Beschränkungen, die den Juden auferlegt wurden, wurden erst mit der zunehmenden Emanzipation sistiert, und zwar geschah dies in den Sechzigerjahren des vorigen Säkulums. So lange mußte es dauern, bis die Menschlichkeit und — wenn wir aufrichtig sein sollen — der Geschäftssinn der Badebesitzer Dummheit und Vorurteil zu besiegen vermochten. Die Radfahrer. Von Dr. Ernst Linz, Mannheim. Irgendwer hatte geäußert, an unserem Unglück seien die Juden schuld. Ein anderer warf ein: „Und die Radfahrer?" „Warum die Radiah r e r?" „Na, warum die Juden?". — Eine witzige Erzählung, aber doch mehr als nur ein Witz, wert des Nachdenkens. Ich weiß nicht, ob die Radfahrer eine geschlossene Organisation besitzen. Wahrscheinlich gibt es Vereinigungen zur Wahrung der Interessen ihrer Mitglieder, ohne daß sie wohl alle oder auch nur die Mehrheit der Radfahrer umfassen können. Eine autoritative Spitze, der sich auch der letzte Reiter des metallenen Rosses verbunden fühlt, dürfte fehlen: Die Radfahrer sind keine kompakte Masse, innerhalb deren jedes Individuum wesentliche Wesenszüge mit jedem anderen Individuum dieser Masse gemeinsam hat. Gewiß verhält es sich mit den Juden anders. Sie sind durch Abstammung, Geschichte und besonders den religiösen Glauben eine Gemeinschaft, die sich von anderen Gemeinschaften in einzelnen Beziehungen unterscheidet. Gewiß ist auch, daß die große Entwicklung der Emanzipation diese Unterschiede langsam, aber deutlich verringert hat und in aller Zukunft weiter verringern wird. Darum ist die Feststellung richtig, daß auch die Juden keine kompakte Masse in dem Sinne darstellen, daß jedem einzelnen Individuum bestimmte Wesenszüge anhaften, die Individuen anderer Gemeinschaften nicht aufweisen. Auch das Judentum hat keine repräsentativ-autoritäre Spitze; es gibt weder de jure noch de facto einen Persone-ikreis oder eine Korporation, die berechtigt w7äre, irn ■nnaHUHnaeHHBnHMMBBHi Lederhandschuhfabrik Josef dtasiiaqet L, Rotenturmstraße 23 Telephon U 25-3-29 IL, Hollandstraße 11 Telephon R 47-2-40