Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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öi£ Wahrheit Seite 9 wurden auf Initiative von Rabbiner Dr. Rosenak s. A., Bremen, besondere koschere Küchen auf den Amerikadampfern des Lloyd geschaffen. In engster Fühlung mit dem Bremer Rabbiner, der seitdem die Aufsicht führjt und dafür Sorge trägt, daß nur selche jüdische Köche eingestellt werden, deren religiöse Zuverlässigkeit von gesetzestreuen Rabbinern bestätigt wird, wurde im Laufe der Jahre diese Institution weiter ausgebaut. Beim Lloyd wurde es zur feststehenden Tradition, in allen Neubauplänen eine besondere koschere Küche, eine Kabine für den jüdischen Koch und in den Kühlräumen einen besonderen Vorratsraum für Fleisch, Wurst und anderen koscheren Proviant vorzusehen. Zur Zeit sind nicht weniger als 15 Schiffe mit koscheren Küchen ausgerüstet. Was jedoch auf der „Bremen" geschaffen wurde, stellt alles bisher Erreichte in den Schatten und übertrifft noch die rituellen Einrichtungen des ,?Columbus", der sich in jüdischen Kreisen einer besonderen Beliebtheit erfreut. Die Größe der rituellen Küche wird am besten veranschaulicht, wenn mitgeteilt wird, daß durch vier Bordfenster das Tageslicht hineinflutet. Die quadratische Küche ist in blendendem Weiß gehalten. Die Sauberkeit wird dadurch noch erhöht, daß hier keine Kohle mehr verfeuert wird. Neben dem Herde befinden sich große Dampfkessel und der Schabbosofen, Wirtschaftschränke und Tische sind sinnreich angeordnet und ermöglichen eine appetitliche Zubereitung der Speisen. An die Küche schließt sich ein besonderer Abwaschraum an, von dem man in die Geschirrkammer gelangt. Im Korridor befinden sich wohlverschlossen die Eßservice, die wie überhaupt alle für die koschere Verpflegung benötigten Gefäße und Bestecke mit dem Koscherzeichen versehen.sind. Die große Uebersichtlichkeit des Ganzen, die für die Durchführung der Aufsicht von entscheidender Bedeutung ist, wird dadurch wesentlich gefördert, daß die Kabine der beiden jüdischen Köche ihrer Küche benachbart ist. Sie ist ein behaglicher Raum (mit fließendem Wasser!), in dem es manchem Reisenden Vergnügen machen würde, übers Meer zu fahren. Auch hinsichtlich des Kühlraumes ist ein Fortschritt gegenüber dem Bestehenden zu verzeichnen. Die Ausmaße des Schiffes haben es ermöglicht, einen eigenen Eiskeller für die „Israelitenküche" — so lautet die offizielle Bezeichnung — bereitzustellen, während bisher nur innerhalb des allgemeinen Kühlraumes ein besonderer verschließbarer Raum vorhanden war. Schließlich sei auch der Einstellung jüdischer Stewards Erwähnung getan. In dieser Ausgestaltung der jüdischen Küche spiegelt sich zugleich auch die Umstellung auf ein anderes Publikum wieder. Zwar wird stets mit der gleichen Sorgfalt wie bisher auch der letzte jüdische Auswanderer verpflegt. Aber die Auswanderung nach Nordamerika ist durch die Quotengesetzgebung bis auf ein Minimum zurückgegangen. Das Auswandererelement dominiert in der Südamerikafahrt und neuerdings auf der mittelamerikanischen Route. Das Hauptkontingent der Benutzer der jüdischen Küche wird in der Nordamerikafahrt neben europäischen Reisenden, die zu Besüchs-, Studien- oder Geschäftszwecken nach drüben fahren, von wohlhabenden amerikanischen Glaubensgenossen gestellt, die sich ihre Europareise alljährlich leisten können^Sie kommen teilweise, um in Bädern Heilung zu suchen, die europäischen Kulturstätten zu besichtigen, besonders aber, um die kleinen Städtchen im Osten wieder aufzusuchen, aus denen ihre Familie stammt, und die Beziehungen mit ihren zurückgebliebenen Verwandten zu pflegen. Der starke jüdische Familiensinn wird durch diese Verwandtschaftsreisen bekundet. Sind doch diese amerikanischen Passagiere meist die Kinder und Enkel der Auswanderer, von einst, die jetzt unter ganz anderen Verhältnissen wieder die Reise über den großen Teich antreten. Der Name des Schiffes „Bremen" erinnert sie an die letzte Station eines bitteren Leidensweges, den ihre Väter und Großväter durchschritten, erinnert sie zugleich an die große Wendung, die auf dem Boden Bremens in ihrem Schicksal sich vollzog, als das „Tal der Tränen" in „das Tal der Hoffnung" einmündete. Mit dem Namen Bremen ist für sie die Erinnerung an die gewaltige Hilfstätigkeit verbunden, die erst von einzelnen Menschenfreunden großen Formates — um nur einen Namen zu nennen: Dr. Rosenak s. A. — dann als die Arbeit die Kräfte der einzelnen überstieg, von den großen Organisationen, insbesondere,dem Hilfsverein der deutschen Juden, geleistet wurde.. Von Bremen ging für Zehntausende und Hunderttausende die glückhafte Fahrt ins Land der Freiheit. Noch ist es ja in Deutschland unvergessen, was diese Schicht der amerikanischen Judenheit für unsere kulturellen und humanitären Einrichtungen bedeutete, als sie in der Inflation zusammenzubrechen drohten. Das deutsche Judentum hat ein vitales Interesse daran, mit ihnen auch weiter in persönlichem Konnex zu bleiben. Unsere Bildungsstätten und Krankenhäuser, unsere Altersheime und Wohlfahrtseinrichtungen begrüßen es, wenn sie bei diesen Gelegenheiten zu ihren getreuen Förderern im Lande, deren Gebefreudigkeit durch die Schwere deT Zeit leider eng begrenzt wird, neue Freunde ven drüben gewinnen können. Das größte Schiff der deutschen Handelsflotte fährt zur größten jüdischen Gemeinde der Welt, die die Million bereits überschritten hat. Hierin liegt die allgemeine jüdische Bedeutung der Indienststellung der „Bremen". Wie das stolze Schiff Völker und Länder verbindet, schlägt es auch eine Brücke zwischen den deutschen Juden und ihren Glaubensbrüdern in Amerika. In dem geschmackvollen Bibliothekssaal der ersten Klasse sind mit kostbarem Holze die Wände getäfelt. Sie tragen die Schriftzeichen aller Kultursprachen der Welt. Mögen die Worte des 107. Psalms, die in hebräischen Lettern von der ersten Tafel den Beschauer grüßen und glückliche Fahrt und erfolgreiche Kulturarbeit verheißen, stets glückbedeutend für das stolze Schiff und allen denen sich erweisen, die sich ihm sicher und unbesorgt anvertrauen dürfen. Das Judenbad zu Pistyan. Von Kurarzt Dr. Ladislaus Lichtenstein, Pistyan. Bei dem tätigen Anteil, den das jüdische Element am Badeleben unserer Zeit hat, erscheint es eigentlich erstaunlich, daß in der Geschichte der Medizin die Rolle der Juden in den einzelnen Kurorten so wenig erwähnt wird. Hiermit sei natürlich nicht gemeint, ob und inwieweit jüdische Persönlichkeit in der Entwicklung der einzelnen Heilbäder oder Gesundbrunnen eine verdienstvolle Tätigkeit entwickelt haben. Denn das wird sicherlich des öfteren der Fall gewesen sein. Kulturhistorisch erscheint es jedenfalls vom höchsten Interesse, inwiefern das jüdische Element sich der Kurmittel bediente und ob dasselbe überhaupt zum Gebrauche derselben zugelassen wurde. Bei dem Geiste, der das Mittelalter und die Anfänge des 17. Jahrhunderts durchwehte, erscheint es ganz selbstverständlich, daß derartige Beschränkungen bestanden haben, obgleich in der diesbezüglichen Literatur sehr wenig bekannt geworden ist. Und doch erschiene mir eine Forschungsarbeit, die sich auf diese Gebiete der balneologischen Geschichte erstrecken würde, äußerst lohnend. Daß es in der Geschichte des Bades Pistyan Bestrebungen gegeben hat, die zweifellos vom antijüdischem Geiste beseelt waren, erscheint sicher. Die erste Erwähnung dieses Badeortes erfolgt in einem medizinischen Werke des Georgius Wernherus, in dem im Jahre 1545 in Köln in lateinischer Sprache erschienenem Werke „Von den wunderbarlichen Wassern zu Hungern Bericht". Dieser berichtet, daß an den Ufern des Waagflusses im Freien Gruben von den Badenden selbst gegraben wurden, die sie mit Reisig und Laubwerk auskleideten. In den Grund dieser Höhlen schoß dann das heiße Thermalwasser und der Thermalschlamm ein. Da nun dieses Badeterritorium doch immerhin ziemlich groß war und jeder sein eigener Bademeister und Zimmermeister war, sich überdies in Gottes freier Natur Rassengegensätze leichter verwischen, ist aus dieser Zeit nichts darüber berichtet, daß Juden irgendwie im Badegebrauch beschränkt oder gehindert worden wären. Da es stabile Badeanlagen bis in das Jahr 1780 kaum gegeben hat, es sei denn, daß man größere