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Die Wahrheit · 1929-08-23 · Heft 34 (23.8.1929) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 34 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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b\t Wahrheit Seite 7 tHIIIUUllUUllllUIHHiHllUiUlltHIHIHHnHIUHUIlUHMIIIUlHIlUlHIlHinilllt ßobert Kronfeld und sein motorloses Segelflugzeug „Wien", mit dem der geniale Erfinder und todesmutige Flieger, ein jüdischer Student aus Wien, dieser Tage neue, unerhörte Rekorde schuf. der Verletzten und Mißhandelten wurde angelegt und bei der Behörde Klage erhoben. Bis heute aber ist eine Untersuchung über die Vorgänge nicht eingeleitet worden. An dem gleichen Abend wurden in einer zweiten Kownoer Vorstadt, Sancain (Schanz), 40 jüdische Bürger und Jugendliche von Faschisten und Polizisten schwer mißhandelt. Die Ortspolizei selbst hieb auf jeden vorbeigehenden Juden ein. Die Juden, hieß es, müssen gezüchtigt werden, weil sie zum 1. August einen kommunistischen Aufstand vorbereitet hätten. In einer dritten Vorstadt spielten sich antijüdische Exzesse minderen Umfanges ab. So endete der 1. August. Am 2. August wurden zunächst die zuständigen Zeitungen verwarnt, die Geschehnisse auch nur mit einem Worte zu erwähnen. Gleichzeitig wurde der verantwortliche Redakteur der jüdischen Tageszeitung „Ydische Stime". Rabbinowitsch, zu einem Monat Gefängnis verurteilt, weil seine Zeitung in vorsichtiger Form eine Meldung über die Judenexzesse in einer Provinzstadt gebracht hatte. Versuche jüdischer Persönlichkeiten, mit den Behörden in Verbindung zu treten, um sie zum Einschreiten gegen die Pogromführer zu veranlassen, mißlangen; die hohen Beamten weigerten sich, die Juden zu empfangen. Am Abend des 2. August wagte kein Jude mehr, die Straße zu betreten. Aber die ausschwärmenden faschistischen Trupps drangen in die Wohnungen der Juden ein und mißhandelten die angetroffenen Familienmitglieder. Auch an diesem Abend war das Verhalten der Polizei so eigenartig, daß,, man von einem organisierten Pogrom sprechen muß. Woldemaras empfängt eine jüdische Abordnung. Am nächsten Tage empfing Ministerpräsident Woldemaras eine vom Chefredakteur der „Ydischen Stime", R. Rubinstein, geführte jüdische Abordnung und gab ihr die Versicherung, daß er Anordnungen treffen werde, daß die Schuldigen der verdienten Strafe zugeführt werden. Von einer Untersuchung war aber auch weiter nichts zu merken, dagegen wurden von den verhafteten jüdischen Jugendlichen 36 Jünglinge und Mädchen wegen Abhaltung einer Sitzung ohne polizeiliche Erlaubnis zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Der Terror ging weiter. Die Polizei nahm offen gegen die Juden Stellung. So weigerten sich Polizeibeamte, einen Chauffeur, der eine Jüdin überfahren hatte, festzustellen, man könne „wegen einer Jüdin" nicht einschreiten. Litauische Staatsbeamte, die im Kurort Polangen weilten, zerstörten im Orte sämtliche Firmenschilder mit jüdischen Aufschriften. Auch aus den übrigen Teilen der Provinz trafen beunruhigende Meldungen ein. Der Chefredakteur der „Ydischen Stime", Dr. R. Rubinstein, entschloß sich, Woldemaras zum zweiten Male aufzusuchen und ihn darauf aufmerksam zu machen, daß von der in Aussicht gestellten Untersuchung und Bestrafung der Schuldigen nichts zu merken sei. Da schlug Woldemaras andere Töne an. Es seien, behauptete er, gar keine Anzeigen bei den Behörden eingelaufen. Folglich sei nichts Ernstliches vorgefallen. Dr. Rubinstein war in der Lage, den Ministerpräsidenten vom Gegenteil zu überzeugen und nachzuweisen, daß die Behörden alle Anklagen der terrorisierten jüdischen Bevölkerung ignorierten. Am nächsten Morgen wurden in Kowno sämtliche Firmenschilder, die jüdische Aufschriften trugen, mit schwarzer Farbe bestrichen. Die Polizei ließ die Täter nicht nur gewähren, sondern sie nahm sie gegen Personen, die dem Unfug Halt gebieten wollten, in Schutz. In dem Städtchen Jacobowa, Kreis Kretingen, wurde das Innere der Ortssynagoge verwüstet. Die Thora-Lade wurde zertrümmert, die Thora-Rollen zerrissen und auseinandergestreut. Talmud-Folianten und andere religiöse Werke wurden zerrissen und in den Abort geworfen. Obwohl die Kreise, die diese Untaten vollbrachten, der Bevölkerung nicht unbekannt sind, weigerte sich auch hier die Polizei, die Angelegenheit zu untersuchen. Ql esset*. Es scheint daß man mit den ewigen Klagen über die zunehmende Klerikalisierung Oesterreichs schweres Unrecht begeht. Sieht man denn seit Wochen und Wochen nicht deutlich, wie wenig Interesse die leitenden Kreise zeigen, wenn es gilt, die Störung der Sonntagsruhe zu verhüten? * * * Das Wort: „Man tanzt auf einem Vulkan" wird bei uns jetzt oft gehört. Muß es da nicht doppelt befremden, daß es auch Juden gibt, die Geld für die Leute haben, die zu diesem Tanz aufspielen? Man soll sich doch schon die Ausrufe des Staunens und der Empörung darüber abgewöhnen, daß sich die Bürger eines zivilisierten Staates zum mörderischen Kampf gegen Menschen eines fremden Staates aufhetzen lassen. Das Staunen und die Empörung sollte vielleicht für näherliegende Anlässe aufbewahrt bleiben. * * * In all den zahllosen Festartikeln, die dem „Grafen Zeppelin" auf seiner Weltreise folgen, wird betont, das Flugschiff erfülle nebenbei auch die ideale Mission, die Menschen aller Völker einander nahe-

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