Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 bihhiihimhhd t***»» DIE WAHRHfelf Stimme gewonnen, die jetzt die Krankheit schwächte. Aber dieser russische Jude, der in Rußland nicht Chemie studieren durfte und deshalb in die borussische Freiheit der Neunzigerjahre nach Berlin mußte, bald nach der Schweiz kam und, nach glücklichen Jahren in diesem Lande, in England Professor wurde — es ist der äußerliche Weg vieler Juden — und in England auch zum Staatsmann geworden ist, gehört er wirklich derselben Rasse an wie der Reformrabbiner? Aus seinem Antlitz spricht nicht Zufriedenheit, und doch gäben seine privaten und seine politischen Erfolge Tausenden Grund zu Stolz nicht nur, sondern zu Hochmut. Aber eher spricht eine mystische Unbefriedigtheit aus seinen hellen Augen, auch wenn er mit Freunden scherzt, und in seiner Stimme liegt eine tiefe Demut und Bescheidenheit. „Ich habe nicht den Mut, hier im Namen des jüdischen Volkes V e rsicherungen abzugebe n", erwiderte er auf eine „im Namen des jüdischen Volkes" tremolierte Herausforderung. Pogrome in Litauen. In Litauen brachen in den ersten Augusttagen, wie wir berichteten, pogromartige Judenverfolgungen aus. Der nachstehende Bericht der Berliner „C.-V.-Zeitung" aus bestunterrichteter Quelle zeigt, wie ernst die Vorgänge waren. Mau erinnert sich noch, wie Woldemaras, der Diktator von Litauen, der den Ruf eines Freiheitskämpfers zu verlieren hatte, sich nach dem faschistischen Umsturz den neuen Gewalthabern als der rechte Mann am rechten Platze zu präsentieren wußte. Man fühlte sich damals versucht, an eine im europäisch-demokratischen Sinne bessere politische Entwicklung in Litauen zu glauben. Aber damit war es wieder nichts. Der neue Diktator kam bald aus einer Verlegenheit in die andere. Er war zwar Herr über seine Partisanen, die „Schützen"-Organisationen, die ihm seine Gegner überwinden halfen, aber er war auch gleichzeitig deren Diener, und die Kampffreudigkeit suchte nach Objekten, an denen sie sich austoben konnte. Der „Erbfeind", Polen, ist ihnen vorderhand noch zu gefährlich. So begann eine Jagd auf die Sozialisten, die sehr bald mit Billigung des Herrn Woldemaras erledigt werden konnten. Aber bald brauchten sie neue Objekte. Und schon machte sich der extreme Flügel der Faschistenfront, der „Eiserne Wolf, hie und da in kleinen Pogromen gegen die wehrlose Bevölkerung jüdischer Orte Luft. Das war wenig reizvoll, aber mehr erlaubte Herr Woldemaras nicht. Da nahte der 1. August, der Tag des „Kommunistenschrecks". Nuh gibt es aber in Litauen nicht „Massen" von Kommunisten. Was tun? Der Diktator sah ein, daß er, um sich Erleichterung zu verschaffen, seinen Leuten erlauben müsse, wieder etwas die Zügel schießen zu lassen. Aber nur etwas. Aus dem Etwas wurde aber ein greuliches Viel. Und Herr Woldemaras geriet wieder in Verlegenheit. Da dachte er sich: Leugnen ist die beste Parade. Irrte Herr Woldemaras? Nein, er irrte nicht. Fürs erste gelang ihm die Parade. Aber Blut ist ein ganz besonderer Saft . . . Seit Jahren stiller Pogrom in Litauen. Was geschieht in Litauen? In diesem Lande wird seit einigen Jahren der sogenannte „stille Pogrom" ausgeübt. Wie im Lande des „Erbfeindes" Polen lautet auch hier die Parole: Hinausdrängung der Juden aus ihren Stellungen. Die Juden hatten von je für die Freiheit Litauens in der vordersten Reihe gekämpft. Das wird von den litauischen Würdenträgern bei jeder Gelegenheit, bei Gedenk- und patriotischen Feiern, willig anerkannt. Als die Unabhängigkeit Litauens wirklich erfochten Wurde, waren es die litauischen Juden in Amerika, die die Anerkennung Litauens durch die Vereinigten Staaten und dann durch den Völkerbund durchsetzten. In dem ersten Rausch der Freiheit wart man die Scheidewände auseinander, der Jude war Bruder und Kampfgenosse. Es fehlte an staatenbildender Intelligenz: der Jude mußte den jungen Staat organisieren und einrichten helfen. Zum Dank gab man den Juden kulturelle und religiöse Autonomie und richtete — wie für alle Minderheiten — ein Ministerium für jüdische Angelegenheiten ein. Als aber der Rausch verflogen war, fing man an, zu glauben, daß der Jude zu viel Raum einnehme. Man hatte ihm genug von seinem Handwerk abgeguckt und meinte, ihn ersetzen zu können. Nach den ersten zagen Versuchen, den früheren Lehrer zu meistern, wuchsen die eigenen Flügel, und nun ging es Schlag auf Schlag: das jüdische Ministerium stürzte: die Autonomie fiel: das Recht, Einheitsgemeinden und Gemeindeorganisation mit Besteuerungsrecht zu bilden, wurde genommen: gegen den Willen der eigenen Bauernschaft, für die der Sonntag der traditionelle Einkaufstag ist, wurde die Zwangssonntagsruhe eingeführt, die die wirtschaftliche Kraft der gesetzestreuen jüdischen Bevölkerung, die nun zwei Tage in der Woche feiern muß, erheblich schwächte. Aus allen höheren und niederen Aemtern wurden die Juden und Jüdinnen entfernt. Heute war es der letzte jüdische Ministerialbeamte, morgen die letzte jüdische Postbeamtin, die das Feld räumen mußten. Jetzt gibt es keinen einzigen jüdischen Beamten im litauischen Staatsdienst mehr. Das war der stille Pogrom. Die „Staatsumstürzler". In der Welt hörte man fast nichts von diesen Vorgängen. Der litauische Jude ist von Natur kantig-hart, stolz, verschwiegen. Er klagt nicht. Und nun zeigen sich die Folgen. Vom stillen Pogrom geht man zum lauten Pogrom über. Und Herrn Woldemaras, dem der stille Pogrom sicherlich den Schlaf nicht raubte, gellt der laute Pogrom stark in die Ohren. Aber statt den durch Begünstigung oder mindestens Duldung selbst verschuldeten Brand zu löschen, setzt er die Dementierspritze an. Dabei ist es aber nicht geblieben. Seine Untergebenen haben das probatere Mittel bei der Hand. Um das Geschehene, das sich nicht mehr ungeschehen machen lassen kann, zu rechtfertigen, werden massenhaft Juden, fromme Weißbärte und junge Zöglinge der berühmten gottesfürchtigen Thora-Lehranstalt (Jeschiwa), Jugendliche und Mädchen, die sich zu einem kleinen „Kultur-Klub" vereinigen, als „Kommunisten" und Staatsumstürzler verhaftet und vom Militärkommandanten ohne viel Federlesens zu mehrmonatiger Gefängnisstrafe verurteilt. Doch das muß chronologisch erzählt werden. Der verhängnisvolle 1. August. Am Donnerstag, den 1. August, abends, schwärmten Trupps von „Schützen" in den Vorstädten von Kowno aus, um nach „Kommunisten" zu suchen. Die Polizei hatte die rechte Stimmung hierzu dadurch erzeugt, daß sie am Tage in Kowno und in der Provinz etwa 150 jugendliche Juden, in der Mehrzahl Schuljugend und Mitglieder des Sportklubs Hakoah, unter dem Verdachte, eine kommunistische Kundgebung vorbereitet zu haben, verhaftete. In der Vorstadt Slabadan (Slabodka) wurden alle Straßenpassanten zur Legitimierung aufgefordert. Diejenigen, die als Juden festgestellt wurden, wurden mörderisch geschlagen, oft einer längeren Tortur unterworfen. Einigen der Opfer gelang es, sich den Händen ihrer Peiniger zu entwinden und in der Nähe befindliche Polizeiposten zu alarmieren. Die Polizisten verhielten sich verschieden. Manche empfingen die Flüchtlinge mit Schimpfworten und stießen sie von sich, andere raunten ihnen zu, sie mögen versuchen, ein schützendes Dach zu erreichen, da man ihnen nicht helfen könne. Andere wieder zogen es vor, den Posten zu verlassen, um der Notwendigkeit, etwa eingreifen zu müssen, von vornherein zu entgehen. Aus diesem Verhalten der Polizeiposten schließt die Bevölkerung, daß es sich um einen von oben her systematisch organisierten Pogrom handelt. 63 Juden wurden in Slabadan in dieser Nacht von den Faschisten mißhandelt, eine größere Zahl von ihnen hat mehr oder weniger erhebliche Verletzungen davongetragen. Unter den Verletzten befinden sich ältere jüdische Bürger, einige Studenten und mehrere Zöglinge der weltberühmten Slabodkaer Jeschiwah. Die Verletzten wollten sich von Aerzten Atteste über ihre Verletzungen ausstellen lassen, um bei den Behörden Anzeige erstatten zu können. Mehrere der Aerzte wurden aber von wohlmeinender Seite verwarnt, so daß sich nur wenige mutige Aerzte fanden, die den Terror nicht fürchteten und solche Bescheinigungen ausstellten. Ein Verzeichnis Marienbad Göttm lf.itnbrs g0ft>ener s&üssef" RESTA URANTßf Franzensbad Grand fastaurant „7ürsten0of" ^2 streng orthodoxe Kuchen^ SlfflOH RdSb streng orthodoxe Küche { »<»•«■■■•■■■■■■■•■■■■■■■■■■>■■>■»■•«■•■■»>■»■■■••■*•■•■■■■■■■■■■■■■■■ ■■■■■■Miaua