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Die Wahrheit · 1929-08-23 · Heft 34 (23.8.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 34 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Schiaß mit Jubel. Es ist erst jetzt möglich, einen Ueberblick über die äußerst stürmischen ietzten Tage des Zionistenkongresses und die im Gegensatz hierzu auffallend ruhigen Beratungen der erweiterten Jewish Agency zu gewinnen. Der Sturm im Kongreß begann mit den Verhandlungen über das Agency- Statut, das in drei Lesungen beraten wurde. Schon vorher hatten sich, wie wir berichtet haben, in der unter Vorsitz des Herrn Dr. Georg Halpern tagenden Agency-Kommission dramatische Zwischenfälle ereignet: so verließen bei Beratung eines von der Misrachi eingebrachten Antrages, daß in den Bereich der Tätigkeit der erweiterten Jewish Agency die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse eingeschlossen wird, Revisionisten, Hitachduth. Poale-Zion und Radikale den Sitzungssaal. Auch sonst kam es mehrfach zu ungemein heftigen Zusammenstößen in der Agency-Kommission. Belastet mit solchen Spannungen schritt man an die drei Lesungen des Statuts. Diese Verfassung hat — wie wir schon mitteilten — nur wenig Aenderungen gegenüber ihrem Entwürfe erfahren, den wir in Nummer 32 der „Wahrheit" veröffentlichten. Die Lesungen selbst waren reich an formellen Schwierigkeiten, so daß sogar einmal der Kongreßgerichtspräsident Gronemann eine besonders längere Debatte mit den Worten beendete: „Es kann sich doch bei uns nicht etwas wie ein Kongreßpartikularismus herausbilden." An diesen Abstimmungen beteiligten sich im übrigen die Revisionisten — mit Ausnahme der Bestimmungen über die Auflösung der Agency — nicht. Bei der dritten Lesung ereignete sich eine dramatische Szene, die zu denken gibt. Vor der namentlichen Abstimmung bei der dritten Lesung des Agency-Statutes haben die Führer einzelner Fraktionen ihre Deklarationen vorgelesen. Während der Vorlesung einer der Deklarationen wandte sich Grünbaum mit lauter Stimme zu Doktor Weizmann: „Werden Sie, Herr Präsident, den Agency-Vertrag auch dann unterschreiben, wenn die Nichtzionisten bei ihrer Forderung verharren werden, daß der nächste Kongreß keine Exekutive wählt, sondern die Wahl derselben der Agency überläßt?" Dr. Weizmann. der sich auf der Kongreßtribüne befand, antwortete sofort: Ich verstehe, daß die Abstimmung mich verpflichtet, alles zu tun, was möglich ist, um die Nichtzionisten zur Respektierung der Rechte des Kongresses zu bewegen. Sollte dies nicht gelingen, dann werde ich sofort die zionistische Hälfte der Agency zurückziehen und eine richtige Antwort geben." Grünbaum: „Würden Sie, Herr Präsident, zur Beruhigung des Kongresses uns nicht schon heute Ihre Antwort an die Nichtzionisten mitteilen?" Weizmann antwortete darauf mit einem kurzen „Nein". Das laute Zwiegespräch Weizmann—Grünbaum wurde vom Kongreß stillschweigend angehört. Nachdem über die einzelnen Paragraphe der Konstitution abgestimmt worden und in der zweiten Lesung der ganze Entwurf zur Abstimmung gelangt war, wurde eine Hauptr e s o 1 u t i o n vorgelegt, auf die wir noch zu sprechen kommen. Vorher wurden noch der Abstimmung drei weitere Resolutionen unterbreitet, die alle drei angenommen wurden und wie folgt lauten: „Die Kommission ersucht die Exekutive der erweiterten Agency, Vorkehrungen zu treffen, daß der Gebrauch der hebräischen Sprache im Geschäftsgang der Agency weitestgehend sichergestellt wird. Insbesondere bittet die Kommission dafür zu sorgen, daß möglichst bald ein authentischer hebräischer Text der Kommission vorliegt und daß alle offiziellen Dokumente der Agency in hebräischer Sprache veröffentlicht werden." ..Der Kongreß erklärt, daß er in der Erweiterung der Jewish Agency einen neuen Schritt auf dem Wege zur Schaffung einer judischen nationalen Heimstätte in Erez Israel sieht, und fordert die zionistische Exekutive auf. systsnistiscb d?für zu wirken, daß die Basis der Agency verbreitert und diese zu einem organischen Ganzen werde, das den geeinigten Willen des gesamten jüdischen Volkes zum Ausdruck bringt." ..Der Kongreß fordert die Exekutive auf, dafür zu sorgen, daß in den Bereich der Tätigkeit der erweiterten Jewish Agency in Erez Israel die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse eingeschlossen wird." Von diesen drei Resolutionen ist — abgesehen von der ersten, die eine Art Minoritätenschutz für Hebräisch beinhaltet — die letzte besonders interessant. Sie war es auch, die die oben erwähnten Skandale in der Agency-Kommission ausgelöst hat. Die Misrachisten hatten verlangt, daß ihre religiöse Forderung in die Konstitution der Agency selbst aufgenommen werde. Diese spricht nämlich in der Aufzählung der Ziele der Agency von der „Pflege der jüdischen Kultur", unter der die Misrachisten — und mit ihnen gewiß die Mehrzahl der Juden aller Welt — die jüdische Religion verstehen. Nun wurde aber den Misrachisten geantwortet, „die jüdische Kultur sei ein elastischer Begriff, der alles umfaßt, was jedes Individuum persönlich unter Kultur versteht" (?!). Und so wurde die Misrachi-Forderung abgelehnt und nur die erwähnte separate Resolution eingebracht, bei deren Abstimmung sich die Poale Zion-Fraktion enthielt, „da sie auf den Kongressen sich bisher niemals erlaubt hat, sich in die religiösen Angelegenheiten einzumischen". Die Hauptresolution setzte fest, wie und unter welchen Modalitäten die zionistische Exekutive ermächtigt wird, das Dokument zu unterschreiben, durch das die erweitere Jewish Agency tatsächlich ins Leben tritt. Für ihre Annahme stimmten 231 Delegierte, dagegen 30 Delegierte, 4 Delegierte enthielten sich der Abstimmung. Die Radikalen gaben durch Dr. Margulies eine Erklärung ab, daß sie in die Agency eintreten werden und nach wie vor in der zionistischen Organisation mitarbeiten werden. Die Revisionisten verließen den Saal, indem sie vorgaben, eine dringende Sitzung abhalten zu müssen. Nach Kundmachung des Abstimmungsergebnisses wurde seitens der Delegierten Weizmann und der Exekutive Ovationen gemacht. Die Sitzung schloß mit der Absingung der Hatikwah. Nachdem dieses schwere Werk vollbracht war. ging auch die Bildung der Exekutive, die bekanntlich auf große Schwierigkeiten gestoßen war, leichter vonstatten. Es wurde ein Koalitionskabinett, das die Rechte und die Linke umfaßt, gebildet. Bei der Abstimmung wurden gewählt: Präsident der Zionistischen Organisation Dr. Weizmann, Präsident der Zionistischen Exekutive Nahum Sokolow. Mitglieder der Exekutive: Henriette Szold (Jerusalem), Lazarus Barth (Berlin), Meier Berlin (Jerusalem), Professor Brodetsky (London), Ingenieur Kaplansky (Jerusalem). Colonel Kish (Jerusalem), Louis Lipski (New York), Dr. Rosenblüth (London), Doktor Arthur Ruppin (Jerusalem), Josef Sprinzak (Jerusalem). Die Revisionisten stimmten gegen die gesamte Exekutive und hielten sich nur bei Sokolow von der Abstimmung ab. Nach der Wahl der Exekutive wurden 54 Mitglieder des Aktionskomitees. und 54 Stellvertreter gewählt. Dieselben werden zusammen laut Beschlüssen des Kongresses die zionistische Hälfte der Jewish Agency bilden. Gleichzeitig wurden als Virilisten des A. C. Ussischkin, Leo Motzkin und Schmariahu Lewin gewählt. Am 11. August, um 3410 Uhr früh wurde der Kongreß mit dem Absingen der Hatikwah geschlossen. Die neue Exekutive ist eine Konzentration der zionistischen Kräfte. Alle Teile haben nachgegeben, es ist ein Ausgang „ohne Sieger und Besiegte", und man kann nur hoffen, daß die neue Exekutive, deren palästinensischer Teil unter dem Vorsitz Sachers stehen wird, zu einer harmonischen Zusammenarbeit mit den Nichtzionisten gelangt. Abschluß der Tagung der Jewish Agency. Die Jewish Agency beschloß eine Reihe von Resolutionen, in denen unter anderem die Juden der ganzen Welt aufgefordert werden, sich der Agency anzuschließen. Von England wird verlangt, daß Maßnahmen ergriffen werden, die das Wachsen der jüdischen Heimstätte in Palästina fördern, wobei die Rechte aller Einwohner Palästinas gewahrt werden sollen. Die Exekutive der Agency wird ferner beauftragt, die englische Regierung in entschiedener Weise davon in Kenntnis zu setzen, daß die Gefühle des Judentums der ganzen Welt durch die vorjährigen Vorgänge an der Klagemauer verletzt worden seien. Weiterhin wird an alle Juden die Aufforderung gerichtet, die Beitragsleistung zum Wiederaufbaufonds sich zu einer heiligen Pflicht zu machen. In sechs kurzen Sitzungen konnte der Rat der Jewish Agency seine Arbeit beenden. Der Präsident Louis M a rs h a 11 schloß am 14. d. M. nachmittags die Tagung mit einer Ansprache, in der er seiner Freude über das gute Gelingen des Werkes und der Hoffnung auf weitere schnelle und praktische Arbeit Ausdruck gab. Schwierigkeiten bei der Wahl der Exekutive. Schwierigkeiten bereitete die Wahl der Exekutive. Es wurde beschlossen, vorläufig die Exekutive der zionistischen Organisation zu übernehmen (?!). Innerhalb von sechs Monaten soll das Administrativkomitee, das sich aus 20 zionistischen und 20 nichtzionistischen Mitgliedern zusammensetzt, die Zahl der Mitglieder der Exekutive bestimmen. Von nichtzionisti-

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