Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-08-23 · Heft 34 (23.8.1929) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 34 (23.8.1929)
Date
1929-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064230--17404-3087526
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 2 DIE WAHRHEH Wir haben wohl Großes erreicht, aber so in diesem Tempo werden wir den Bau Palästinas auch für unsere Generation nicht ausreichend weiterführen. Ich will nicht erst die Hunderttausende von Gefahren» die ein langsames Tempo in sich birgt, hier erwähnen, die Herren, die in Palästina leben, kennen sie . . . Und ich glaube, daß es schon heute viele nichtzionistische Juden gibt, die Palästina finden und empfinden und dafür arbeiten, vielleicht mit größerem Eifer, als manche Zionisten." Das Mitglied des Aktionskomitees, Leon Reich, sagte von der Jewish Agency, sie sei „heute eine materielle und historische Notwendigkeit Ich weiß nicht und niemand in diesem Saale weiß, wie viel Geld die erweiterte Jewish Agency bringen wird- Aber es ist eine Chance . . . Die Menschen, mit denen wir zusammenarbeiten wollen, waren bisher nur auf philanthropischem Gebiet für das Judentum tätig. Unterschätzen Sie nicht die Philanthropie, w.elche bei den Juden eine besondere Bedeutung hat und welche nach dem Krieg zu einem sozialen Faktor im Leben des Jüdischen Volkes geworden ist . . . Die Jewish Agency ist nicht nur eine materielle, sondern auch eine politische Notwendigkeit. Es ist keine Frage, daß in der Politik nicht alles klappt" Jean Fischer, ein belgischer Delegierter, sagte: „Eine weitere, tiefere Ursache, warum es zur Jewish Agency gekommen ist, liegt darin, daß es uns im Grunde nur gelungen ist, im Laufe von langen, schweren Jahren die jüdische Bevölkerung Palästinas von 80.000 auf 160.000 zu bringen. Wer Verantwortungsgefühl hat. muß verstehen, daß nun der Moment gekommen ist, in dem wir alles Mögliche tun . müssen, um die jüdische Bevölkerung Palästinas zu erhöhen." Das Mitglied des Aktionskomitees Kurt Blumenfeld führte aus: „Die Agency ist eine Chance für uns . . . ich sehe diese Menschen (d. h. die Gegner der Agency) erstaunt an und frage, was woHt Ihr eigentlich? Wenn es nämlich wirklich den zionistischen Gegnern der Agency-Politik gelingen sollte, die Sache zu schwächen und zum Scheitern zu bringen, wenn wirklich aus dieser Sache nichts wird, dann frage ich Sie: Was wird aus dem Palästina-Werk, was wird aus der Verwirklichung des Basler Programms?" Man könnte noch eine Reihe ähnlicher Zitate anführen, aus denen klar hervorgeht, daß dieleitendenZionisten zur Ueberzeugung gelangten, ohne die Nichtzionisten, namentlich ohne ihr Geld, geht es nicht mehr weiter, die Jewish Agency müsse 3wn!liefen. Mein erster Fasttag. (Aus den Erinnerungen des alten Professors.) Von Binjamln Segel. (Fortsetzung.) Meine Mutter war für diese Argumente nicht zugänglich. „Vier oder fönf Stunden! ... Um Gottes Witten, du hast kein Herz ... Ich spüre leibhaftig, wie dem Kinde die Seele ausgeht, und du sagst fünf Stunden ... Na, ich schicke dir gleich die Mutter ..." ' Mir winkte ein Hoffnungsstrahl. Meinter Großmutter wagte mein Vater nie etwas abzuschlagen ... Es war sicher, daß er gleich hereinkommt und mir verbietet, weiter zu fasten. Das wird eine arge Schande sein ... Ich werde gezwungen werden, meinen Neder zu brechen, schlimmer noch, es wird gar kein Neder gewesen sein, ein hohles Wort, von einem kleinen leichtsinnigen Jungen gesprochen, das gar keine Geltung hat... Ich werde mich natürlich weigern... Ich bin ja schon erwachsen, im nächsten Jahr bin ich Bar Mizwah . . . ich werde mich entschieden weigern... Was mach' ich mir aus dem Kaffee und Buttersemmeln und Käsekräpfchen? . . . Einen Neder muß man halten; ich bin kein kleines Kind mehr. „Mein Sohn," hörte ich die energische Stimme der Großmutter, ,ich befehle dir, auf der SteHe hinein<zugefae>n und deinem Sohn den Neder mefir1) zu sein." ') Zu annullieren. den verfahrenen Karren weiterbringen. Es ist das eine sehr interessante Phase in der Entwicklung des Zionismus, deren Erkenntnis sich gerade auf diesem Kongreß und im Hinblick auf die feierliche Jubiläumstimmung anläßlich des 25jährigen Todestages von Theodor Herzl, aufdrängen mußte. Der Zionismus trat bekanntlich seinerzeit sehr anspruchsvoll auf. Er war überzeugt, die von ihm vorgeschlagene „öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte" des jüdischen Volkes in Palästina sei die alleinseligmachende Methode in der Lösung der Judenfrage. Er sah von oben herab auf die nichtzionistischen Juden, dd..e. nur zu philanthropischer Kleinarbeit fähig waren, betrachtete sie als innerlich unfreie Menschen, die, obwohl sie äußerlich Gleichberechtigung genießen, in Wirklichkeit jedoch Sklaven in einem neuen Ghetto seien. Zum Unterschied von dem „Chowewe Zion" (Zionsfreunden). von Leuten etwa, die, wie der vor kurzem verstorbene hebräische Schriftsteller aus Odessa Achad Haarh, in Palästina in erster Reihe nur ein Zentrum sahen, in welchem sich eine Regeneration der jüdischen nationalen Kultur verwirklichen könnte, welche aber seine praktische Bedeutung für die Lösung der materiellen Judennot nicht überschätzen, wollte der politische Zionismus durch Palästina eine Lösung der materiellen Not des osteuropäischen Judentums erreichen... Der Zionismus betrachtete es daher als Fehler vom jüdischnationalen Standpunkt aus, daß so große Massen des osteuropäischen Judentums sich nach den Vereinigten Staaten wandten. Er bekämpfte alle Pläne der „Territorialisten", welche in anderen Ländern außerhalb Palästinas jüdische Kolonien schaffen wollten. Nun geht aber aus den Einwanderungsstatistiken und zum großen Teil sogar aus dem Bericht der Survey Commission hervor, wie gering die Resultate der zionistischen Aktion in den verflossenen dreißig Jahren sind, und daß alles, was in Palästina bisher geschaffen worden ist, für die Millioneinmassen der osteuropäischen Juden praktisch gar keine Bedeutung hat. Und jetzt muß nun der Zionismus eingestehen, daß er vor der Unmöglichkeit steht, sein Werk weiterzuführen, wenn nicht das nichtzionistische Judentum ihm beispringt. Jetzt Wird die Bedeutung der so verschmähten Philanthropie anerkannt; Weizmann gibt zu, daß es Nichtzionisten gibt, die für Palästina mehr als manche Zionisten leisten. In seinem Vortrag über die Jewish Agency und Keren Hajessod erklärte der geschäfts- Ho, ho, die Großmutter faßt die Sache ganz anders an. Ihr ist nicht leicht zu widersprechen. Eine Weile herrschte Schweigen, Ich wartete mit verhaltenem Atem. Ich spürte nichts mehr von den Schmerzen in der Magengegend. „Liebe Mutter, wenn du befiehlst, muß ich gehorchen. Aber das wird ihm nichts nutzen. Aber sein Neder ist nur dann ungültig, wenn ich ihn aus freiem Willen aufhebe, aber wenn ich es auf deinen Befehl tue, bleibt der Neder bestehen, und er darf nicht essen." „Das verstehe ich nicht recht," sagte meine Großmutter etwas unsicher, „wie meinst du das?" „Das ist ganz einfach. Wenn ich seinen Neder nicht ganz freiwillig aufhebe, bleibt er in Kraft bestehen und es ist, als hätte ich kein Wort gesagt. Er darf nach wie vor nicht essen. Wenn er ißt, hat er seinen Neder gebrochen." „Aber ich will ja. daß du es freiwillig tust." „Du hast mir ja soeben befohlen, es. zu tun. Ich täte es bfoß, um deinem Gebot nicht zu widersprechen. Von allein wäre es mit ja nicht eingefallen. Es hat also keine Geltung. Lies mal im Teutsch-Chummesch nach . . ." Aber wenn mein Vater glaubte, so leichten Kaufs davon gekommen zu sieiin, so hatte er die Rechnung ohne Jaga gemacht. Einige Minuten nachher stand sie vor ihm. „Hör mal, junger Herr, was hast du dir schon wieder ausgedacht, um mir meine Kinder totzuquälen?" „Was habe ich mir ausgedacht, Jaga? Ich verstehe kein Wort." „Spiel' doch bloß nicht den Unschuldigen. Du zwingst das Kind, den ganzen Tag sich totzufasten. Meinst du, er ist so stark wie du, und kann das aushalten? Er ist ja noch ein ganz kMner Knabe." „Na, so ganz klein ist er ja nicht mehr. Hast du schon heute was gegessen, Jaga?" „Ach, wo werde ich essen, wenn ihr alle fastet." „Ich habe dir schon .oft gesagt, Jaga, daß du unsere

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.