Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 34 (23.8.1929)
- Date
- 1929-08-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 50 Oroschen €> *J jvit dn Veröffeatiiditingefi der „Union detifschösferr. Juden* und den ^Amtlichen Verlautbarungen der Israelitischen Kulfusgemeinde Wien" Redaktion und Administration; Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 42-2-16 XLV. Jahrgang Wien, 23. August 1929 Nummer 34 1 „M, Politik oder Philanthropie. In einer in der letzten Nummer der „Stimm e" publizierten Mitteilung wendet sich das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich gegen die in der bekannten Erklärung der „Union deutschösterreichischer Juden" festgelegte Ansicht dieser Vereinigung, daß d e r P a 1 ästina-Aufbau ein philanthropisches Kolonisationswerk sei. Die Mitteilung — auf eine gleichzeitig in der „Stimme" erschienene Geschmacklosigkeit, betitelt „Die Internationale des Protestjudentums", näher einzugehen, finden wir unter unserer Würde — beruft sich auf § 4 des Palästinamandates, der von der „Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte" spricht. Diese Feststellung des Zionistischen Landeskomitees beruht auf einer merkwürdigen Verkennung der Tatsachen. Daß das Palästinamandat von der „Errichtung der jüdischen nationalen Heimstätte", d. h. für das jüdische Volk spricht, wurde in der Erklärung der „Union" nicht in Abrede gestellt, obwohl es nach den bisherigen Ergebnissen des Palästinaaufbaues mehr als zweifelhaft erscheint, daß in Palästina je eine jüdische Majorität gegenüber den arabischen Einwohnern erreicht werden wird. Es ist deshalb vom Standpunkte der „Union" (im übrigen auch der Nichtzionisten der ganzen Welt) durchaus richtig, wenn sie trotz des Mandatstextes und im Gegensatze zu der nationalpolitischen Auffassung der Zionisten im Palästina-Aufbau getreu ihrer bisherigen Haltung ein philanthropisches Kolonisationswerk erblickt. Darin besteht ja eben der fundamentale Gegensatz zwischen Zionisten und Nichtzionisten*), *) Die Definition der jetzt endgültig angenommenen Verfassung der Jewish Agency: „Nichtzionist" ist eine Person, die in einer anderen Weise als der Eigenschaft eines Mitgliedes und Vertreters der zionistischen Organisation mit der Agency verbunden ist, ist natürlich nur formaler Natur. Mit Recht bemerkte diesbezüglich das Mitglied des Aktionskomitees Morris Rothenberg, Amerika, der an den Verhandlungen über die Jewish Agency in hervorragender Weise teilgenommen hat: „Wenn man sich auf eine Formulierung der philosophischen Grundlagen des Zionismus einlassen wollte, würde sich zeigen, daß nicht nur zwischen Zionisten und Nichtzionisten Meinungsverschiedenheiten existieren, sondern auch in unseren eigenen Reihen Verschiedenheiten, die eine gemeinsame Arbeit unmöglich machen würden." den auszumerzen auch die Jewish Agency wohl nicht können wird und gewiß nicht beabsichtigt. Oder ist das Zionistische Landeskomitee in der Lage, den Begriff „Nichtzionisten" anders zu definieren, als dies grundsätzlich in der in Rede stehenden „Union"-Erklärung geschehen ist? (Auf Schimpfereien als Antwort auf diese Frage, wie sie z. B. in der erwähnten Geschmacklosigkeit der letzten „Stimme" enthalten waren, sind wir natürlich nicht neugierig). Darüber hinaus existiert noch ein gewaltiger Unterschied in den Auffassungen der beiden neuen Vertragspartner in der Agency, nämlich bezüglich der jüdischnationalen Minderheitspol it i k. Gerade deshalb war es nur von Nutzen, daß die „Union", um allen Mißdeutungen vorzubeugen, in ihrer Erklärung gewissermaßen eine Rechtsverwahrung dagegen einbrachte, daß die Jewish Agency als eine jüdischnationale Institution hingestellt wird, d. h., wie aus dem Zusammenhang klar ersichtlich, diese Körperschaft Auswirkungen zur Folge hätte, die die jüdischnationale Landespolitik zu fördern geeignet wären. Das war für jedermann, der lesen kann, ganz verständlich. Doch bleiben wir bei dem Unterschied: Politik oder Philanthropie. Gerade der 16. Zionistenkongreß hat bewiesen, daß die maßgebenden Kreise des offiziellen Zionismus, insbesondere Weizmann, sich wohl zwangsweise jener Auffassung nähern, die von den österreichischen Zionisten geringschätzig als „philanthropisch" abgetan wird. Ein Kongreßbericht, der in der Berliner „J ü d i s c h - L i b e r a 1 e n Zeitung" erschienen ist, bestätigt diese auffallende Tendenz. Wir veröffentlichen hier auszugsweise diesen Bericht, der aus der Feder von Dr. J.Xewin stammt. ..Beim aufmerksamen Studium der von den Vertretern der Exekutive, bzw. Anhängern der erweiterten Jewish Agency. gehaltenen Reden kommt der eigentliche Grund der Schaffung der Agency sehr deutlich zum Ausdruck — nämlich die Ueberzeugung, daß ohne die Hilfe von Nichtzionisten das ganze zionistische Werk in Palästina nicht weitergeführt werden könne. Um es ganz deutlich auszudrücken: die Nichtzionisten sollen durch ihr Geld und ihre Arbeit das erreichen, was die Zionisten allein nicht leisten können. Man mußte, sagte Weizmann, „wenn man gewissenhaft ist und sich nicht mit dem, was ist, zufrieden gibt, zu dem Schluß kommen: In diesem Tempo, wie die Dinge gehen, können sie nicht weitergehen.