Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 BfflWunmitoimmtmimiu^ pjjj WAHRHE1 i Jabotinskys, zu tun hatte, war, die ganze Fälscheraffäre der Aguda Jisroel an die Rockschöße zu hängen! Ausgerechnet die Fälschung von Mesussaus! Der „Doar Hajom" verkündet mit großem Pathos, daß die Männer der Agudas Jisroel, jener Agudas Jisroel, die sich als einzige Schützerin der Religion betrachtet, einen solchen Chillul haschem heraufbeschworen hätten. Dieselben Leute, die gegen das Frauenwahlrecht ankämpften und aus der Kneses Israel ausgetreten seien, machten sich kein Gewissen daraus, durch ihre geschäftlichen Kombinationen die Religion mit Füßen zu treten. Als Knalleffekt wird dann noch der zionistischen Organisation vorgehalten, daß sie durch ein Telegramm an den Jerusalemer Waad leumi diesem zugemutet habe, auch noch Vertreter dieser Mesussaus-Fälscher, die sich Agudas Jisroel nennen, in die Agency zu wählen! Ganz nach antisemitischem Rezept — an allem Bösen sind die Juden schuld. Das war denn doch der Agudas Jisroel zu bunt. Sie lud Herrn Jabotinsky sofort vors Besdin und forderte ihn auf, seine völlig aus den Fingern gesogene niederträchtige Verleumdung bei Vermeidung der schärfsten Konsequenzen zu widerrufen. Der Widerruf mußte denn auch prompt in der nächsten Nummer erfolgen. Der Urheber des Fälscherskandals wurde inzwischen ermittelt und er wird seiner Bestrafung nicht entgehen. Das Ganze zeigt aber wieder einmal, zu welchen unglaublichen Konsequenzen der bodenlose Haß gegen die Orthodoxie führt. Kundgebung gegen die Ritualmordiüge. Der Centrai-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Köln, gab kürzlich den Nationalsozialisten die Antwort auf ihre Veranstaltung vom 26. Juli. Damals hatte Dr. L e y, nachdem er am gleichen Tage wegen Religionsbeschimpfung und Aufreizung zu 10ÖO Mark Geldstrafe verurteilt worden war, in einer öffentlichen Versammlung zu dem Thema Stellung genommen: „Ist der Ritualmord geschichtlich und rassisch begründet?" — Die Jüdische Gemeinde Köln hatte die Einladung, für diese Versammlung einen Redner zu stellen, abgelehnt. Dafür erfolgte die Kundgebung des Centraivereines. Der große Saal der Harmonie, der etwa 1400 Personen faßt, war von über 2000 Z uhörern besucht und stark überfüllt. Lange vor Beginn der Veranstaltung mußte er polizeilich gesperrt werden. Die Flut der Einlaßbegehrenden schwoll aber derart an, daß der Verkehr in den umliegenden Straßen stockte und starke Polizeiaufgebote Ordnung schaffen mußten. Ueber 90 Prozent der Zuhörer waren Nichtjuden. Die Leitung der Veranstaltung lag in den Händen von Syndikus E. Jacobi vom linksrheinischen Landesverband des C.-V. Zu Beginn der Versammlung überbrachte Rabbiner Dr. Rosenthal, Köln, die Sympathie-Erklärung des erzbischöflichen Generalvikariats. Sodann sprachen Rabbiner Doktor Eschelbacher und Rabbiner Dr. Rosenthal in historischen und religions-geschichtlichen Ausführungen unter starker Anlehnung an die aktuellen' Geschehnisse über den Aberglauben des Ritualmordes und wiesen überzeugend die Aehnlichkeit dieses Aberglaubens mit dem Hexenwahn und der antideutschen Kriegsgreuelpropaganda nach. Beide Referenten fanden lang anhaltende stürmische Zustimmung. „Judenrepublik" — doch eine Beschimpfung. Wegen Verstoßes gegen das Gesetz zum Schutze der Republik hatte sich vor dem Altonaer Schöffengericht der Führer der Hamburger Nationalsozialisten zu verantworten, der bei einer nationalsozialistischen Kundgebung in Lauenburg einen Polizeibeamten als „Knecht der Judenrepublik" bezeichnet hatte. Bekanntlich wurde kürzlich der abgesetzte Pfarrer von Borkum, Münchmeyer, der denselben Ausdruck gebraucht hatte, von einem hannoverschen Gericht freigesprochen, da das Gericht darin keine Beschimpfung des Staates erblickte. Im Gegensatz hierzu verurteilte das Altonaer Gericht den Angeklagten zu der allerdings nur geringen Geldstrafe von 150 Mark. Es stellte hierbei ausdrücklich fest, daß die Bezeichnung Judenrepublik zweifellos als eine Beschimpfung des Staates anzusehen sei. Nutznießer der Sensation. Als Ende Juni in Berlin -der tragische Prozeß gegen den jungen Manasse Friedländer zur Durchführung gelangte, der mit seiner Verurteilung zu einer langjährigen Gefängnisstrafe endete, richtete der „Reichsverband der deutschen Presse", als die überparteiliche Berufsorganisation der deutschen Zeitungsredakteure, gewitzigt durch frühere trübe Erfahrungen, an die großen Berliner Tageszeitungen ein Rundschreiben, in dem er die sehr berechtigte Anregung aussprach, in dem Prozeß doch von einer sensationellen Berichterstattung möglichst abzusehen, um das spätere wirtschaftliche Fortkommen des Angeklagten nicht zu schädigen. Ein solcher Schritt stellt keinen Einzelfall dar, sondern wurde auch bei früherer Gelegenheit aus ähnlichen Gründen bereits wiederholt unternommen. Dem Blatt der „sittlichen und nationalen Erneuerer Deutschlands", dem „V ö Ik 1 s c h e n Beobachte r", blieb es vorbehalten, die humane Anregung des Reichsverbandes als eine „i m Dienste Judas" unternommene Handlung zu begeifern: „Diese zarte Rücksichtnahme auf einen Mörder, sofern es sich um einen solchen jüdischer Rasse handelt, ist kennzeichnend für die sogenannte deutsche Presse." — Dabei hätte wahrhaftig niemand im ganzen Bereich der deutschen Presse so viel Veranlassung, sich von sensationeller Gerichtsberichtersitattung — sofern dieses objektive Wort überhaupt hier noch angewendet werden kann — fernzuhalten wie die Tages- und Wochenzeitungen der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei". Was sich Dr. Gobbels' „Angriff", Dr. Leys „Westdeutscher Beobachter", Hitlers „Völkischer B e o b a c h te r", vorab allerdings des Psychopathen Julius Streicher „Stürme r" nahezu Nummer für Nummer an Aufilülhrung und lüsterner Auswalzung sexuellen Schmutzes leisten, das läßt an Umfang und Niedrigkeit der Gesinnung alles meilenweit hinter sich, was in der ganzen übrigen deutschen Presse auf diesem Gebiet allenfalls zu finden ist. Die Spekulation auf die niedrigsten Instinkte der Leser gehört jedenfalls zu einem der Ha uptagitations mittel der nationalsozialistischen Presse. Hierin ist sie der würdige Nachfolger der antisemitischen Schmutz- und Hetzblätter der Zeit vor und um die Jahrhundertwende. Wahrscheinlich kann sie auf dieses Mittel auch gar nicht verzichten, ohne die Höhe ihrer Auflage ernstlich zu gefährden. Aber da niemand mit Steinen' um sich werfen soll, der selbst im Glaskasten sitzt, so kann es sich jedenfalls die gesamte nichtnationalsozialistische Presse Deutschlands auf das Entschiedenste verbitten, mit Vorwürfen ausgerechnet aus jenem Lager bedacht zu werden, in dem der Schmutzkübel das unentbehrliche Reservoir der täglichen publizistischen Leistung darstellt. „Zügel, die am Boden schleifen." In Nr. 15 'der „Süddeutschen Sonntags-post", die im Verlage der „Münchener Neuesten Nachrichten" erscheint, wird berechtigte Kritik geübt an dem, wenigstens anfänglich, teilnahmslosen Verhalten der Verwaltungsbehörden gegenüber der schamlosen nationalsozialistischen R i t u a 1 m o r d h e t z e in H o f h e i m und Umgebung (Fall Manau). Es wird verlangt, daß dem verantwortungslosen Treiben der Blüthetzer mit aller Schärfe entgegengetreten wird. „Das Schlimmste", so hißt es dann, „ist die Frage, warum ein Staat, der Kulturland sein will und sein muß, es unterläßt, mit allen verfügbaren, wenn auch außerordentlichen Mitteln, der systematischen Veir hetzung und Verdummung eines fleißigen und t!ü c h t i g e n Bezirkes entgegenzuwirken. Läßt man die Zügel derartig auf dem Boden schleifen, dann darf sich niemand wundern; wenn die Gäule urri den Verstand geraten, als wildes Heer nach allen Windrichtungen rasen. Es muß einmal dem Treiben verantwortungsloser Seelenvergifter Einhalt geboten werden. Es müssen einmal die Regierungen von Würzburg und andere und ihre vorgesetzten Stellen in München sich darjüiber klar werden, daß sie nicht „kühle Beschwerdeinstanzen", sondern warmblütige Führer des Landeis zu sein haben in einer so bitterschweren Zeit wie der jetzigen. Und es müssen sich einmal jene, die von der Reform des Parlamentarismus reden, überlegen, ob uns nicht zunächst ein parlamentarischer Ehrenrat fehlt der Leuten vom Schlage eines Streicher das Mandat aberkennt, wie es ahm in England längst genommen worden wäre." Inzwischen haben ja erfreulicherweise auch bayerische Regierungskreise gegenüber der abscheulichen Bluthetze der Streicher und Konsorten kräftige Worte gefunden. Aber der zuletzt gemachte Vorschlag nach Selbstreinii'gung der Parlamente von solchem Gelichter bleibt über den Tag hinaus beachtenswert. Liest man Inserate? Der Geschäftsführer eines Berliner Hauses machte kürzlich einen Versuch, um festzustellen, mit welchem Grad der Aufmerksamkeit das Publikum den Anzeigenteil einer Zeitung liest. Er ließ eine Anzeige erscheinen, die falsche Daten und fehlerhafte Angaben über geschichtliche Ereignisse enthielt. Daraufhin erhielt er innerhalb einer Woche etwa 400 Zuschriften, die die Geschäftsanzeige kritisierten. Unter den Briefschreibern befanden sich in bemerkenswerter Zahl Schüler and Schülerinnen, Professoren, Lehrer, Geistliche, Landwirte und sogar einige Zeitgenossen von literarischem Ruf.