Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Der Jude wird verbrannt Von Adolf Hoffmann. Im Speisewagen. Wieder sitze ich im Eisenbahnzug auf der Fahrt nach Danzig. Der Zug ist überfüllt. Nicht nur die Abteile, sondern die Seitengänge der Wagen sind als vierte Klasse mit Preisen für dritte Klasse gestopft voll. Ich habe Glück gehabt und zu einer Tasse Kaffee den Platz am Fenster des Speisewagens erwischt. Bis Schneidemühl bin ich geborgen, dann wird der Speisewagen zur Mittagstafel geräumt. Am gleichen Tische sitzt mir gegenüber ein korpulenter Herr, dem man den ostpreußischen Vollblutjunker auf fünfzig Schritte Entfernung ansieht, neben ihm ein langautgeschossener Herr Mitte der Dreißiger, der noch immer so schlecht in die Zivilkleidung hineinpaßt, daß man ihm auf gleiche Entfernung den ehemaligen Offizier anmerkt. Neben mir hat ein mit einer kompletten Juwelier-Schaufenster-Auslage behaftetes „Wenigweibliches" Platz genommen. So ungefähr müssen sich die. welche „nicht alle werden", meine Frau vorgestellt haben, als 1921 die Wundermär von dem Brillantendiebstahl bei Adolph Hoffmann durch die Presse ging. Meine Nachbarin war in jedem Falle ein „Schwerkaliber" von den „Neureichen". Ich schwankte in meinem Urteil, ob es eine pensionierte Fleischersfrau oder eine zur Ruhe gesetzte Büfettmamsell war. Eins von beiden sicher, denn ihr rechter Arm machte von Zeit zu Zeit mechanisch die Bewegung des Aufschneidens von Wurst und Schinken und ihr Gesicht hatte dabei den Ausdruck, als wollte sie jeden fragen: „Außerdem noch etwas gefällig?" Der Junker aß Beefsteak und trank Rotwein. Der vermeintliche Offizier suchte, nach seinem Gesichtsausdruck zu urteilen, einen als blinden Passagier von der letzten Nacht mitgenommenen Kater durch Sauerbrunnen zu beruhigen. Die Juwelierauslage, die nach der Haartheorie sicher keine Jüdin war — sie hatte helles, rotblondes —, genehmigte eine Schokolade und war entrüstet, daß es nicht einmal Schlagsahne im Speisewagen gäbe. Dieser Entrüstung gab sie mit den Worten Ausdruck: „Das sind die Herrlichkeiten der Republik." Donnerwetter! — Ich war perplex. — Ich hatte schon manches gehört, woran die Republik schuld sein sollte, aber „Schlagsahne", das war sicher ein neuer Gesichtswinkel. Ich kam aber nicht recht zur Besinnung, denn als ob der „Ehemalige" nur auf das Stichwort gewartet hätte, schnappte er ein: „Alles glorreiche Errungenschaften der Judenregierang, meine Gnädige." Gesicht und speckiger Nacken der Gnädigen wurden dunkelrot. Sie wischte sich mit dem Handrücken die Schokolade von der süßen Schnute und krakeelte: „San's versichert, Herr Baron, das ist bei uns wie in Deutschland." „Aha," dachte ich, „machen Sie sich nix daraus, bei uns nennt man jeden Lumpen Baron." — Also eine Wienerin. Der Vollblutjunker legte Messer und Gabel zusammen und sagte ziemlich grob zu der „Gnädigen": „Na, ohne Schlagsahne kann man leben. Aber, daß sie einem Sohlenleder als Beefsteak vorsetzen und Essigwasser als Rotwein, das ist nur bei solcher Judenregierung möglich. Für die Hälfte hätte man früher im Speisewagen einen sehr trinkbaren Burgunder erhalten." „Aha!" dachte ich. „Ein guter Deutscher kann zwar keinen Franzmann leiden, doch seine Weine trinkt er gern." Na, warum denn nicht. Essen doch die Monarchisten mitsamt den höchsten, richtiger nächsten Herrschaften heute noch russischen Kaviar, obwohl er doch mindestens nach dem Tode der Zarenfamilie einen bolschewistischen Beigeschmack für sie haben müßte; — aber über Geschmack läßt sich bekanntlich nicht streiten. Ich sagte also zu meinem Gegenüber, seine leere Halbe betrachtend: „Der Tropfen ist aus einer renommierten deutschen Weinkellerei." Jos. Sdjfesinger Weiteste Qetöiscge Verlagsmb Sortimetitstu4§anblung Wten /., Seitenstettwngassi $ Briefe aus Hamburg. (Schluß.) Trotz aller Not der Gegenwart scheint überall eine abnorme Vergnügungssucht vorzuherrschen und ein Hang zum Luxus auf jeglichem Gebiet. Das größte Uebel unserer Tage ist jedoch die geradezu katastrophale Wohnungsnot. Sie ist die Keimzelle der sittlichen Entartung weiter Schichten unseres Volkes, und es sollte alles daran gesetzt werden, diesen schweren Notstand zu beheben. „Raum für alle hat die Erde!" — Baugrund ist vorhanden, ebenfalls genügend Baumaterial und es fehlt nicht an Arbeitshänden. Kaum ist aber ein Neubau geschaffen und kaum deckt ihn das Dach, da ist er auch schon von unten bis oben besetzt, trotz der ebenso unmoralischen wie unverschämt hohen Forderung an „Baukostenzuschuß". „Es ist etwas faul im Staate Dänemark!" Dieses klassische Zitat ist nicht auf das kleine nordische Königreich beschränkt. In einem villenartigen Hause in der vornehm ruhigen Rotenbaumchaussee wird die Gemeinde mit Würde und Verstand verwaltet. Diese Männer haben bewiesen, daß ihnen das Wohl und Wehe der Gemeindemitglieder am Herzen liegt und daß sie Verständnis für die Forderungen der Zeit besitzen. Möchten sie aber auch erkennen, daß nicht geldliche Unterstützung allein, sondern vielmehr die Arbeit wirksame Abhilfe bedeutet, und diese zu schaffen, sei eine ihrer Hauptaufgaben. Grau ist bekanntlich alle Theorie, grau ist auch der Himmel, der sich über Hamburg wölbt, grau, wie dieser, der Alltag und auch die Zukunft erscheint uns in einem gräulichen Schimmer! Sorgenvoll harren wir der kommenden Dinge entgegen. In diesem zermürbenden Daseinskampf schwankt und wankt das von tausend Gefahren umdrohte jüdische Haus. Die Familie, dieser Born der Erneuerung des Judentums, ist der höchsten Gefahr ausgesetzt und wir taumeln dem Abgrunde entgegen, wenn wir nicht rechtzeitig den Weg zu ihr zurück finden! Der ganz auf ein Innenleben eingestellten Judenheit wird gar bald das letzte Stündlein geschlagen haben, wenn der Kassandraruf der jüdischen Frau, den wir hier in Hamburg vernommen, leer verhallt. ZurückzurFamilieunddu rch siezumK'lal Jisroel! Das sei unsere Losung! Gleich jenem machtvollen Appell an die arbeitende Klasse „Proletarier aller Länder vereinigt euch!" ergehe an die Judenheit der Ruf: Seid einig, einig, einig! — Für den Fortbestand des Judentums ist nichts notwendiger als Einigkeit. Einigkeit nach außen wie nach innen. Wir erleben die Tragikomödie der mannigfaltigsten Zersplitterung innerhalb unserer Glaubensbruderschaft und jede einzelne Gruppe bemüht sich um das Problem der Zukunft, worüber man die furchtbare Gegenwart, der es in allererster Linie zu gelten hätte, nicht zu sehen scheint. Folgendes Bild bietet sich unserem Auge dar: Auf dem Operationstisch liegt der Kranke und •windet sich in höchstem Schmerz, während die Aerzteschaft daneben in langwieriger Beratung sich nicht darüber einig werden kann, wo die Sonde anzusetzen ist, und bevor der Schnitt getan, hat der arme Patient vollendet! — Als ob es nicht die erste Pflicht für jeden von uns wäre, sei er Zionist oder Agudist, dafür zu sorgen, daß wir dort, wo