Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Seite 7 warum hat sie sich nur mit synagogal-ästhetischen Fragen beschäftigt und die Fragen des Eherechtes, die tief in das Leben von tausenden Frauen einschneiden, nicht mit einem Worte erwähnt? ... Verstehen Sie schon jetzt, warum wir Ihre begeisterten Ausführungen mit so viel kühler Skepsis aufgenommen haben? Ernest Renan erzählt in seinen Jugenderinnerungen folgendes. Einmal sagte er zu einem seiner jüdischen Freunde: ,Wie kannst du dich zu einer Religion bekennen, die sich mit Speisegesetzen abgibt und aus ihnen so viel Wesens macht?' Der Jude antwortete: ,Ich will lieber mein ganzes Leben auf Schweinefleisch verzichten, als nur einen Moment an die Dreifaltigkeit und die unbefleckte Empfängnis glauben!'____Könnte man unter den sieben bis acht Millionen Jüdinnen in der ganzen Welt eine Abstimmung veranstalten, ich bin überzeugt, daß volle 100 Prozent es vorziehen würden, das ganze Leben lang in der Synagoge hinter Gittern zu sitzen, niemals zu Minjan gezählt oder zur Thora aufgerufen zu werden, niemals Kiddusch zu machen, niemals eine Predigt von der Kanzel herab zu halten, angetan im Barett und Talar, niemals beim Mesumman-Benschen mitgerechnet zu werden, als nur eine Stunde lang unter den eherechtlichen Gesetzen zu stehen. Nein, diese Damen und Herren, die in Berlin versammelt waren, um die jüdische Religion zu reformieren, haben für die wirklichen Nöte der jüdischen Frau kein Verständnis und kein Gefühl." Stünde ich heute vor dieser Dame, so könnte ich sie darauf hinweisen, daß C. G. Montefiore in der besprochenen Schrift einigemale mit großem Nachdruck gerade vom liberalen Standpunkt die Aufmerksamkeit auf die Ehegesetze lenkt. „Unsere Auffassung von der Stellung der Frau in der Religion ist sehr verschieden von der hergebrachten. Wir können viele überlieferte Regeln betreffend Scheidungs- und Ehegesetze nicht mehr gutheißen." (S. 4.) Ein andermal sagt er: „Es ist zeitgemäß, Mißbräuche abzustellen, die Gesetze über G e t und C h a 1 i z a zu verbessern und Erpressungen*) vorzubeugen. Das ist im höchsten Sinne des Wortes sowohl zeitgemäß wie äußerst wünschenswert." Wieder an einer anderen Stelle (S. 14) zählt er Get und Cha 1 iza zu den Fragen, die dringend geordnet werden müssen, „bevor man vernünftigerweise fordern kann, daß wir uns mit Dingen befassen, die viel weiter liegen, obwohl sie (theoretisch) viel wichtiger und schwieriger sind." So spricht ein ernsthafter Mann, der sich seiner Verantwortung für eine Bewegung bewußt ist, der er so viel von seiner Kraft und seinem Können gewidmet hat. Um so verwunderlicher und rätselhafter ist es, daß die Berliner Welt tagung es mit der größten Aengstlichkeit vermieden hat, diese Fragen auch nur mit einem Worte zu streifen____ (Fortsetzung folgt.) Nun ist auch die Rede der Oeffentlichkeit mitgeteilt worden, die Hofrat Dr. I n n i t z e r, der Rektor der Wiener Universität, beim Empfange der zum Weltstudentenkongresse versammelten Studenten hielt. Auch ihm, der Priester und Gelehrter gleich Dr. Seipel ist, erschien es bei dieser Gelegenheit als das einzig Mögliche, „zu den jungen Studenten aus der ganzen Welt über die Zukunft zu sprechen". Aber der Rektor Innitzer scheint seine Zukunftsideale nicht gerade mit den Zielen und Bestrebungen der Heimwehr verknüpft zu sehen. Er rief nämlich den Studenten zu: „Wir geben unser nationales Fühlen nicht auf, wenn wir uns zusammenschließen für das Menschheitsideal und die Humanität. Wenn Sie dabei über die Schranken der Nation und der Konfession hinweggehen, so verstehen und erfüllen Sie damit die Gedanken des Stifters unserer Religion." In den Reden der Herren Steidle und Pfrimer hat *) Die unglücklichen Frauen, die der Chaüza verfallen, sind häufig der stärksten Erpressung von Seiten des Schwagers ausgesetzt. man bisher wenigstens Anklänge an diese Weltanschauung kaum entdeckt. * * * Herr Dr. Seipel hatte in seiner Ansprache an die Studenten auch die Bemerkung fallen lassen: „Sie werden von der Heimwehr noch hören". Wie erfreulich wäre es, wenn zur Revanche von berufener Seite nächstens auch den Heimwehrleuten zugerufen würde: „Sie werden von den Prinzipien hören, die der Rektor der Wiener Universität vertreten hat." * * * Herr Dr. Pfrimer wurde — so wird erzählt — während einer Fahrt im Eisenbahncoupe von einem indiskreten Herrn beobachtet, als er in einem Leitartikel des „Neuen Wiener Journal" folgende Worte las: „Die Heimwehren haben seit ihrem Bestehen ausnahmslos bewiesen, daß sie musterhafte Disziplin halten, daß ihre Kundgebungen keinen aggressiven Charakter haben, sondern bloß den erlaubten Zwecken der Werbung dienen." Und da hörte der indiskrete Beobachter, wie Herr Dr. Pfrimer, bis zur Stirne errötend, grimmig vor sich hinmurmelte: „Wenn ich nur wüßte, ob das als ein ehrliches Lob oder als eine blutige Frozzelei gemeint ist?" # Man lacht über das Mißgeschick der Hakenkreuzler, die auf der Wiener Universität die Bilder des Folkloristen Konrad Mautner (und seiner Gattin) — Reproduktionen bekannter Meisterwerke — ausstellten und im Begleittext in der Meinung, daß es sich um Nichtjuden handle, auf die edlen Gesichtszüge und den schönen Gliederbau einen Hymnus auf die Rasse anstimmten, der die abgebildeten Personen — nicht angehören. Die Hakenkreuzler mögen einen Trost darin finden, daß sie in diesem Falle schließlich einen Heiterkeitserfolg einheimsten. Jedenfalls minder schmerzlich als die unverdienten Prügel, zu denen bekanntlich schon so manche Antisemitenführer gelangten, weil sie tatsächlich aufreizend-jüdisch aussahen. v # Es war wirklich eine ausgezeichnete Idee, daß gerade Budapest zum Sitze des vor einigen Tagen abgehaltenen Esperanto-Weltkongresses erwählt worden war. Der Erfinder der Esperanto-Sprache war ja ein Jude, Dr. Ludwig Zamenhof, der nicht nur als Arzt sein ganzes Leben der Pflege der Humanität gewidmet hatte, sondern auch durch die Schöpfung einer gemeinsamen Sprache dem Drange, die Menschen einander in Liebe zu nähern, dienen wollte. Aus seiner Kinderzeit hat dieser Idealist die unauslöschliche Erinnerung an Ausbrüche des Hasses anläßlich eines blutigen Pogroms bewahrt und er wollte das Seinige zur Bekämpfung des Hasses beitragen. Man sieht, in Budapest dürfte mit besonderem Nachdruck auf die Motive hingewiesen werden, die den Schöpfer der Esperantosprache beseelt hatten. Schade nur, daß man — nach den Berichten der Blätter zu schließen — vergessen hatte, in den offiziellen Reden beim Esperantokongreß daran zu erinnern. * * # Mit großen Festlichkeiten sind auch die Mitglieder des Weltstudentenkongresses in Budapest