Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 «■■■■ DIE WAHRHEif abhalten dürfen. Ja es ist sogar die Aussicht vorhanden, daß es den Frauen erlaubt sein wird, ganz allein unter sich, ohne Mitwirkung eines Mannes Kiddusz zu machen, bei Tische nach dem Mahl Mesummem zu benschen. morgens und abends mit Minjan zu beten. Die völlige rechtliche Gleichstellung mit dem Mann wird dann verwirklicht sein. Der Weg zum Prediger- und Rabbineramt, der bisher der jüdischen Frau verschlossen war, wird eröffnet werden. Aber schon jetzt, bevor noch dieses Ideal erreicht ist, hat eine hochstehende jüdische Dame die Schranken mit kühner Hand gesprengt. Tochter einer der angesehensten jüdischen Adelsfamilien Englands, auf der höchsten Stufe allgemeiner Kultur stehend, mit irdischen Glücksgütern reich gesegnet, verschmähte sie es. sich dem müßigen Genuß hinzugeben, und widmete ihr Leben dem Kampf um die Befreiung und Gleichstellung der jüdischen Frau. Soeben hat sie während der Tagung des Weltverbandes in der Berliner Reformsynagoge beim Sonntagsgottesdienst gepredigt, angetan in dem Barett und dem Talar des Predigers. Der Andrang der Zuhörer war enorm und der Eindruck war tief. Diese erlauchte Dame hat also durch die Tat bewiesen, daß die jüdische Frau dem Manne in nichts nachsteht und alle Öffentlichen religiösen Funktionen erfüllen kann. Die veralteten Vorurteile sind besiegt Eine neue Epoche hebt an. In Berlin wird der Bau einiger neuer Gemeinde-Synagogen geplant, in denen die beschämende und demütigende Frauengalerie, dieses Symbol der Knechtschaft der jüdischen Frau, von vornherein abgeschafft wird..." Mitten in meinem Vortrage glaubte ich auf den Gesichtern meiner Zuhörerinnen den Ausdruck gelinder Ironie wahrzunehmen, und obgleich ich mich so recht in eine Begeisterung hineingeredet hatte, fühlte ich doch ein Wachsen dieses Eindruckes. Nur die vollendet gute Erziehung und die Vornehmheit dieser Damen hinderte sie ersichtlich, einfach in Lachen auszubrechen. Aber als ich geendet hatte, merkte ich deutlich, daß ich mit meinem begeisterten Vortrag gänzlich durchgefallen war____ Die älteste der Damen, eine Großgrundbesitzersfrau in Polen, die ein Mädchenwaisenhaus gegründet hatte, und seit vielen Jahren einen Schutzverein gegen den Mädchenhandel leitete, nahm mich beiseite und begütigte mich mit mütterlicher Schonung: „Was Sie uns da erzählt haben, war höchst interessant und eröffnete uns den Ausblick in eine glücklichere, schönere Welt, so ganz verschieden von jener, in der wir armen Leute zu atmen gezwungen sind. Ach. wir, wir haben andere, aber auch ganz andere Sorgen. Ich will Ihnen nur etwas aus den Erlebnissen unseres kleinen Kreises erzählen und Sie mögen selbst urteilen." „Ich beginne mit mir. Meine jüngste Tochter verheiratete sich vor fünf Jahren an einen früheren Offizier. Ich und mein Mann waren von der Partie nicht sonderlich entzückt, aber der Kriegsmann hatte es dem Mädel angetan und nach dem Kriege waren die Männer rar. Die bedeutende Mitgift investierte der Bräutigam noch vor der Hochzeit in seinem stark verschuldeten Gut und bald nachher tauchte eine Gutsverwalterin auf, mit der mein Schwiegersohn offen im Konkubinat lebte. Es kam natürlich zu heftigen Szenen, als wir energisch dagegen protestierten, mußte meine Tochter das Haus verlassen, der Mann trat zum Katholizismus über und heiratete seine Geliebte, die Kirche betrachtet bekanntlich eine jüdisch geschlossene Ehe für null und nichtig. Die neue Ehe meines Schwiegersohnes ist also keine Bigamie und besteht zu Recht. Aber nach jüdischem Rechte ist meine Tochter an ihn gebunden und kann nur dann eine neue Ehe eingehen, wenn ihr Mann sie durch einen G e t freigibt Für den Get verlangte er anfänglich eine so hohe Summe, daß wir völlig ruiniert worden wären, wenn wir sie bezahlt hätten. Aber als einige Jahre vergingen, ließ er mit sich handeln und schließlich nahm er soviel, wie seine erste Mitgift betrug." (Diese Zustände sind schon häufig jüdischen Ehefrauen zum Verhängnis geworden. Im Herbst 1925 sahen sich die jüdischen Gemeinden in Polen genötigt, an den Kardinal-Erzbischof von Warschau, Kakows k i, eine Deputation zu schicken, die ihn bat. den Geistlichen zu verbieten, an verheirateten Juden die Taufe vorzunehmen, bis sie nicht den Beweis erbrachten, daß sie ihre Frauen durch einen regelrechten Scheidebrief befreit haben. Die Bitte scheint keine Erhörung gefunden zu haben.) „Hören Sie weiter. Meine älteste Tochter wurde bald nach der Mobilmachung ihrem Verlobten, einem Oberleutnant der Reserve, kriegsgetraut, der junge Mann war einberufen und mußte noch an demselben Tag einrücken, er wurde an die russische Front unter General Arz geschickt, die ersten Wochen erhielten wir von K r a s n i k lauter Siegesnachrichten, dann blieben die Nachrichten aus, wir suchten den Namen meines Schwiegersohnes vergebens in den Verlustlisten, er blieb verschollen. Meine Tochter ist eine A g u n a. Sie welkt dahin. Sie ist so glücklich, wenigstens keine Not zu leiden. Aber die fünfzehntausend ihrer Schicksalsgenossinnen in Polen allein?!... Sehen Sie da die Warschauer Aerztin mit der großen Praxis? Sie steht im 30. Lebensjahre. Vor vier Jahren verlobte sie sich mit einem angesehenen Ingenieur, übergab ihm ihr ganzes Barvermögen, das er in seine Fabrik steckte. Nach der Hochzeit machte sie die Entdeckung, daß er venerisch infiziert war. Sie floh. Er klagte, um sie zur Rückkehr zu zwingen. Der Prozeß zog sich Jahre lang hin. der höchste Gerichtshof weist die Klage ab. Aber keine Macht kann den Mann nötigen, die Frau durch einen Get freizugeben. Sie scheint schon auf ein Eheleben verzichtet zu haben. Sie hat ihren Beruf. Unzählige ihresgleichen sind nicht so glücklich____Durchaus nicht vereinzelt ist das Schicksal einer nahen Verwandten von mir, der Tochter eines der ersten Juristen des Landes, die sich in den ersten Kriegsjahren große Verdienste um die Organisation der Verwundetenpflege erwarb. Als die Russen im Sommer 1915 fluchtartig Lemberg verließen, erregte unter den von ihnen im Lazarett zurückgelassenen Verwundeten ein Jude durch seine romantischen Schicksale und seine große Schönheit das lebhafteste Interesse. Er sprach mehrere Sprachen geläufig und hatte die Umgangsformen eines Prinzen. Seine Pflegerin verliebte sich in ihn über Hals und Kopf und heiratete ihn, nachdem sie ihn gesund gepflegt und auf Kosten ihres Vaters im Süden gänzlich wieder hergestellt hatte. Bald aber stellte es sich heraus, daß er ein von der ganzen europäischen Polizei gesuchter internationaler Hochstapler und Banknotenfälscher war. Die Wiener Polizei bemächtigte sich seiner und der dortige Untersuchungsrichter, ein Christ, glücklicherweise ein Studienkollege des Vaters der jungen Frau, läßt diesen wissen, daß er auf den Delinquenten einen Druck ausgeübt habe, auf daß er sich bereit erkläre, die Frau durch einen Get auch religionsgesetzlich zu befreien. Aber der Rabbiner gibt dem Vater zu wissen, daß ein solcher erzwungener Get keine Gültigkeit habe. Der Vater reist nach Wien und erkauft bei seinem Schwiegersohn gegen eine sehr bedeutende Summe die Freigabe seiner Tochter____ Sehen Sie die Litauerin da, die Oxforder Doktorin der Philosophie, die Tochter des berühmten Rabbiners und Rosch-Jeschiba? Vor fünf Jahren starb ihr Mann, ein Arzt, nach zweimonatiger Ehe, ganz plötzlich, infolge einer Blutvergiftung. Keine 24 Stunden hat der Todeskampf gedauert. Mehreremale bot sich der jungen Frau Gelegenheit, eine glückliche Ehe einzugehen. Aber sie darf nicht heiraten, sie muß nämlich von ihrem Schwager, den sie ein einziges Mal im Leben bei ihrer Hochzeit flüchtig gesehen hat, C h a 1 i z a nehmen. Er ist ein Windbeutel, der sich irgendwo in Amerika herumtreibt. Sie wartet auf ihn. Sie ist eine Witwe und eine Aguna zugleich____Tausende solcher Frauenschicksale kenne ich, und ich habe konstatiert, daß die einzigen Nutznießer aller dieser veralteten eherechtlichen Vorschriften nur die Mädchenhändler und ihre transozeanischen Geschäftsfreunde sind. Schwächere Naturen werden von ihnen der Prostitution in die Arme getrieben. Oft und oft sprach ich darüber mit unseren Rabbinern, denen ich das Zeugnis ausstellen muß, daß sie die Geduld und die Herzensgüte von Engeln und die Unermüdlichkeit und Arbeitskraft von Teufeln vereinen. Ich fand immer, daß sie heroische Anstrengungen machen, um die armen Frauen vor der unerbittlichen Strenge des Gesetzes zu schützen. Sie sagten mir oft und oft: ,Wir können nur das Gesetz so milde als möglich auslegen, aber wir müssen es anwenden und wir sind nicht ermächtigt, es zu ändern.4 Da aber die Berliner Tagung des liberalen Weltverbandes sich mit der Aenderung des Gesetzes befaßte, Franzensbad I Granö Ttestaurant „TürstenQof" \ i "l^D streng orthodoxe Küche nt^D SlffiOH RSSl) streng orthodoxe Küche ngO 1 Marienbad ^ZuTaTt „So/bener ScßlOssel" tßwm. mMMiuMHirauHiHnuuiHimiHiuuumaHi