Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 33 (16.8.1929)
- Date
- 1929-08-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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die. Wahrheit iimmi»^»»""'^»^^^ Seite 5 daß sich in 30 Jahren die Zahl der Juden in Palästina auf 1 Million erhöhen könnte. Diese Rechnung kann nur auf der Erwartung von Wundern begründet sein, welche die Jewish Agency hervorbringen soll.!- * Auf die feierliche Konstituierung der erweiterten Jewish Agency. zu deren Ehrenpräsident Baron Edmund Rothschild und Präsidenten Weizmann und Marshai gewählt wurden, kommen wir noch zurück. Bisher ist als wichtigster Beschluß zu verzeichnen, daß vorläufig kein eigenes Budget aufgestellt, sondern das der Zionistischen Organisation mit 750.ÜÜ0 Pfund für ein Jahr übernommen wird. C. G. Montefiore über den Liberalismus. Von Binjamin Segel. IV. Der Talmud sagt: „Man lege einer Gemeinschaft nie eine Erschwerung auf. so nicht das Gros der Gemeinschaft sie tragen kann". Genau dasselbe kann man von den Reformen sagen. Es hat keinen Sinn, der Gerneinschaft eine Reform aufzuerlegen und sei sie noch so logisch konstruiert und sei sie auch eine willkommene Erleichterung, wenn nicht das Gros der Gemeinschaft sie tragen mag. Es ist noch nicht so lange her, daß der Papst in Rom den katholischen Völkern befahl, eine Anzahl von Feiertagen abzuschaffen, in der Ueberzeugung, daß er ihnen damit das Joch leichter machte und der fruchtbaren wirtschaftlichen Arbeit schätzbare Zeit freigab; aber das Gros der katholischen Bevölkerung lehnte die Erleichterungen entschieden ab und behielt die Feiertage. Die Kurie hatte den Kürzeren gezogen. Sie hatte — ein ganz vereinzelter Fall in der Geschichte — die unausgesprochenen Wünsche des Volkes nicht erraten, seine wahren Bedürfnisse nicht erkannt. Die jüdische Reformbewegung in Deutschland, die fast 150 Jahre andauert und so viel Erregung in die jüdische Welt gebracht, so viele stürmische Diskussionen verursacht hat. ist weit entfernt davon, die Gesamtheit des jüdischen Volkes für sich gewonnen zu haben, im wesentlichen ist sie auf einen engen Kreis von Bekennern beschränkt geblieben, die man ironisch als Bekenner der „Johannis- Straße-Religion" bezeichnete (der Berliner Reformtempel befindet sich in der Johannis-Straße), während die erdrückende Mehrheit der jüdischen Massen von ihr völlig unberührt geblieben ist. Wo diese die überlieferten religiösen Bräuche verlassen und von der alten Lebens- und Denkweise sich entfernt haben, geschah dies aus g a n z ander e n Motiven und unter ganz anderen Einflüssen, als denen der Reform. Wir werden im Verlaufe dieser Ausführungen sehen, daß die Ursache dieser merkwürdigen Erscheinung in erster Reihe in der Welt- und Lebensfremdheit der Reformer lag. Sie wollten nicht die wirklichen Bedürfnisse des jüdischen Menschen erfüllen, sondern ein theoretisch ausgeklügeltes Schema von Forderungen der „Aufklärung" im Leben durchsetzen, wie sie der von ihnen angebetete „Zeitgeist" lehrte. Sie waren Rationalisten, nicht Realisten, Theoretiker, nicht Praktiker. Logiker, nicht Psychologen. Daher begannen und endeten sie mit der Reformierung der Aeußerlichkeiten und überließen das Wichtigste seinem Schicksal. Sie vergriffen sich an dem empfindlichsten Teil der Religion, der gleichwohl der unwesentliche ist, nur die äußere Gestaltung des inneren Lebens bildet und der Evolution des letzteren folgt. Sie nahmen das Unwesentliche für wesentlich und umgekehrt. Darum haben sie die Volksmassen nicht erfaßt. Darum verlor ihr Programm alle Werbekraft, sobald es über die Grenzen Berlins (und anderer Großstädte) hinaustrat. Der heutige Liberalismus, namentlich in seiner deutschen, Berliner Ausprägung folgt den Spuren seiner Vorgänger von der Reform und es steht leider zu befürchten, daß er ihr Schicksal teilen wird. Wie wenig er jenen Juden zu bieten hat, die in einem ausgeprägt jüdischen Milieu leben, mit anderen als den spezifisch Berliner Bedingungen zu rechnen haben, will ich an einem eklatanten Beispiele zeigen. Zuerst ein persönliches Erlebnis. Am 18. August des vorigen Jahres fand in Berlin eine Tagung des Weltverbandes für liberales Judentum statt. Die Debatten, die drei Tage dauerten, bewegten sich auf einem sehr hohem Niveau und behandelten die tiefsten religionsphilosophischen, gottesdienstlichen und liturgischen Fragen vom philosophischen, historischen und ästhetischen Standpunkt. Einige der hervorragendsten jüdischen Gelehrten und Kanzelredner Deutschlands hielten gedankenreiche, tief durchdachte Reden, welche auf die außerordentlich zahlreiche Zuhörerschaft beiderlei Geschlechtes einen tiefen, nachhaltigen Eindruck machten. Großartige Empfänge fanden statt, auf denen prächtige Toaste vorgebracht wurden. Kurz, es war eine großartige Manifestation und ein unbestrittener Triumph des liberalen Gedankens, vornehmlich in seiner Berliner Ausprägung. Kurz darauf traf ich in einem Kurort mit einer Anzahl jüdischer Damen aus Polen. Litauen, Rumänien, den Baltischen Ländern zusammen, die sich hier ein Stelldichein gegeben hatten. Es waren lauter Persönlichkeiten von hoher Bildung und ungewöhnlicher Intelligenz. Die Lembergerin beispielsweise war bis zum Kriegsausbruch Assistentin der physiologischen Lehrkanzel ihrer Heimatstadt und hatte sich durch ihre Arbeiten auf dem Gebiete der E n t w i c klungsmechanik in der deutschen Gelehrtenwelt einen glänzenden Namen gemacht. Als kurz nach Kriegsausbruch Scharen verlassener jüdischer Kinder durch die Straßen irrten, faßte sie den Pian,, diese lebendigen Waisen einer geordneten professionellen Erziehung zuzuführen. Sie entsagte ihrem Berufe und wissenschaftlichem Ruhm und widmete sich diesem Gedanken. Heute bedeckt ein Netz von Gewerbeschulen für junge Mädchen ganz üstgalizien, in denen einige Tausend jüdische Schülerinnen verschiedene Handwerke lernen. Sie hat es verstanden, nicht nur die reiche Klasse der Juden für ihre Idee zu gewinnen und sie zum Oeffnen der Taschen zu bewegen, sondern sie erfreut sich bei der Regierung und bei allen Behörden des größten Einflusses. Die Warschauerin war eine vielbeschäftigte Aerztin, mit einem Diplom der Wiener medizinischen Fakultät. Eine andere Lembergerin, ein Wunder an Lieblichkeit und Bescheidenheit, hatte kurz nach Kriegsausbruch an der Wiener Universität den Doktor der Philosophie von Mathematik und Physik summa cum laude gemacht und ihre Dissertation wurde in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie der Wissenschaften veröffentlicht, sie widmet sich jetzt in Paris der Kunstschriftstellerei. Die Litauerin war die Tochter eines berühmten Rabbiners und Jeschiwaoberhauptes und hatte in Oxford aus Psychologie zum Doktor promoviert. Von solcher Art war der ganze Kranz von Damen, in dem, wie gesagt, alle Länder Osteuropas repräsentiert waren. Einmal kam die Unterhaltung auf das Thema „Frauenrechte" — keine der Damen war übrigens eine berufsmäßige Frauenrechtlerin — und die Damen klagten über die gesetzliche Benachteiligung der Frau, besonders der jüdischen. Da gürtete ich meine Lenden und hielt einen Vortrag über die tapferen Kämpfe des jüdischen Liberalismus, besonders auf der soeben stattgefundenen Berliner Tagung des W e 11verbandes. Die Knechtschaft der jüdischen Frau wird nicht mehr lange dauern, führte ich aus. Bald werden die Mauern des Kerkers fallen, in den sie mittelalterliches Vorurteil eingeschlossen hat und die Frau wird hinausgeführt werden aus der demütigenden Isolierung der Frauengalerie in der Synagoge, wo sie nur hinter einer abschließenden, gitterartigen Scheidewand als stumme Zeuginnen dem Gottesdienste beiwohnen durften — hinausgeführt zur Freiheit des Mittelschiffes und der Seitenschiffe, wo sie mitten unter den Männern als Gleiche unter Gleichen Platz nehmen werden dürfen. Verschwinden wird in den tiefsten Abgrund die Rechtlosigkeit der jüdischen Frau, welche sie unfähig macht, zur Dreizahl zu gehören, die bei Tische nach dem Mahl „Mesumman benschen" darf; alle die diesbezüglichen veralteten, unserem Zeitgeist widersprechenden Gesetze werden abgeschafft werden und der Frau wird sogar erlaubt sein, die vorgeschriebene Zahl von zehn Personen zu ergänzen, die einen öffentlichen Gottesdienst ■WS MODERNST EINGERICHTE TE DAMPFBÄCKEREI Unter Aufsicht des ehm. Rabbinates d. ADAS JISROEL (Schiffschul) Spezialität i Ung. Welzenu. Kornbrot unter dem Namen EI JA _ R O A 1* SOWIE WEISS-, FEINmb Hat /m Ii mXt m und milchgebäck Bestellungen für Sudes und Hochzeiten werden entgegengenomm u. bestens ausgeführt LEDERER & KOHN, Verkaufslokal: 11, Große Schiffgasse 16 Telephon R41-7-45 — Betrieb: II., Hollandstraße 7, Telephon R47-4-95 Ii ÖSTERREICHS GRÖSSTE PHOTOFIRMA || PHOTO WEITZMANN II., PRATERSTR. 9 II., TABORSTR. 36 UND ZAHLREICHE FILIALEN