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Die Wahrheit · 1929-08-16 · Heft 33 (16.8.1929) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 33 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 iinuiiuiiuitiirBninuinniiiHuuiuiuninn BmnnnfflmmnnnnMHiMniMMiium DIE WAHRHEIT Weizmanns sowohl von rechts — den Konservativen — wie von links — die Arbeiterparteien — große Schwierigkeiten gemacht werden. Die Arbeiterparteien haben einerseits ihren Eintritt in die Verwaltung verweigert, namentlich mit Rücksicht auf Weizmanns Festhalten an Dr. Sa eher als Leiter der Palästinaämter, anderseits wollten sie wieder den E i ntritt der Konservativen in die Regierung mit Rücksicht auf deren Schulforderungen nicht billigen. Man muß sogar mit der Möglichkeit rechnen, daß der Kongreß — so wie der Wiener im Jahre 1925 — auseinandergeht, ohne eine neue Exekutive zu bilden. Sowjetrußland und die Klagemauer. Ganz merkwürdig war die Erledigung der Vorschläge des Dr. Stephen W i s e bezüglich der Judenverfolgungen in Sowjetrußland durch Weizmann, der in seiner Antwort sagte: „Es ist da wenig zu machen. Es ist vielleicht gar nichts zu machen. Wir haben es mit einem Land zu tun, das auf die öffentliche Meinung der Welt pfeift. Es hat sich von der zivilisierten Welt abgeschlossen, weil es glaubt, viel zivilisierter als die Welt zu sein. Wir können keinen Druck ausüben. Wir sind empört und erregt, wir fassen eine Resolution, in der wir unser Gewissen befriedigen, aber dadurch wird nicht einem einzigen Zionisten in Rußland leichter. Wir haben versucht, eine Verbindung zu schaffen, versucht. Brücken zu schlagen, — alles umsonst. Das einzige, was wir tun konnten, war: aus dieser Hölle so viele herauszuretten als möglich war. Wir haben so viele Menschen herübergebracht, als wir nach unseren Kräften konnten. Stephen Wise fuhr nach Washington, wo ihm irgend jemand etwas sagte, er kam nach London, sprach mit Staatsmännern und erklärte auf allen Volksversammlungen: ich habe das gesagt! Dadurch wurde kein Mensch aus Rußland gerettet. Es ist in dieser Beziehung leider Gottes schlimmer als in der zaristischen Welt. Die zaristische Regierung brauchte Anleihen und war empfindlich gegenüber der öffentlichen Meinung. Die Sowjetregierung braucht keine Anleihe und kümmert sich nicht um die öffentliche Meinung. Viele unserer russischen Freunde haben uns geraten, mit Proklamationen aufzuhören. Ich weiß nicht, ob diese recht haben oder nicht. Aber hat sich Dr. Wise vergewissert, daß die Exekutive nichts tut, bevor er zur englischen Regierung gegangen ist? Er hätte doch, da ich nicht in London war, die Exekutive zuerst fragen sollen, die Exekutive, die vom Kongreß gewählt wurde." Hier war sich Weizmann — abgesehen von der stark persönlichen Form seiner Ausführungen — einmal seiner eigenen Nichtigkeit, bzw. der seiner „Weltorganisaiion" bewußt. Er sagte ja auch in der gleichen Rede etwas später: „Wir Zionisten leiden an Inzucht, wir sind eine Minorität itn Judentum". Ist es da ein Wunder, wenn sich Weizmann so stark für die Gewinnung der Nichtzionisten einsetzt, wovon er sich so viel verspricht. Und es gilt ja auch so viel zu erreichen. Hat man doch sogar von der Erledigung des Klägern auer- Protestes in London bisher nichts gehört. ..Die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden." Schließlich scheint es aber nötig, sich an die Möglichkeiten, das Tempo und die Kosten der jüdischen Kolonisation zu erinnern, wie diese aus dem „Bericht der gemeinsamen Palästina-Kommission" vom Jahre 1928 hervorgehen. Die Tatsachen und Zahlen, die der Bericht angibt, und die auch von zionistischer Seite nicht bestritten werden können, da sie ja von den Schöpfern der Jewish Agency herrühren, müssen im Auge behalten werden, damit man ein richtiges Maß findet für das, was auf dem Kongreß gesprochen und beschlossen wurde. Behält man sie in Erinnerung, so mußte sogar der Vortrag von Dr. Arthur Ruppin „Die Bedeutung Palästinas für die Zukunft der Juden" Skepsis erregen. Dieser Vortrag — wir folgen hier dem Berichte der Berliner „Jüdisch-Liberalen Zeitung" — war das Sachlichste von allem, was auf dem Kongreß gesprochen wurde. Einen großen Teil seines Inhalts würden auch wir Nichtzionisten ruhig unterschreiben können. Dr. Ruppin wies auf äußerst ernste Probleme des gegenwärtigen jüdischen Lebens hin. Er zeigte, daß in den letzten Jahrzehnten in der Lage der Juden außerordentlich große Veränderungen stattgefunden haben. Die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden ist praktisch fast in der ganzen Welt durchgeführt. In den meisten Ländern Osteuropas sind die Juden seit dem Weltkriege durch die völkerrechtlichen Verträge als nationale Minderheit anerkannt und haben dadurch das Recht erhalten, ihr kulturelles Leben nach eigenem Willen zu gestalten. Die Balfour-Deklaration und das Palästinamandat haben eine Lage geschaffen, die „vor fünfzehn Jahren noch als ein Traum erschienen". Dennoch sind aber „zerstörende Kräfte am Werk", die soziale Lage des Ostjudentums wurde sehr ernst, die Gefahren der Assimilation werden immer größer, die Zahl der Mischehen steigt immer mehr. In Sowjetrußland z. B. ist in der kurzen Zeit seit dem Weltkrieg die Mischehe, besonders in Zentralrußland, bereits etwas Alltägliches geworden. In Polen wächst die Zahl der Taufen. Dabei ist ein sehr starker Geburtenrückgang zu beobachten. Während in der Zeit von 1841 bis 1866 in Preußen z. B. auf 1000 Juden jährlich 35 Geburten entfielen, kamen im Jahre 1926 dagegen nur noch 12, bei den Christen immerhin noch 21. Die Juden haben also keine natürliche Zunahme mehr, sondern eine natürliche Abnahme. Die jüdischen Organisationen versuchen vergebens, der Abwendung von der Tradition Einhalt zu tun. In New York z. B. haben die jüdischen Organisationen im Jahre fast 5 Millionen Dollars ausgegeben. Es ist ihnen aber dennoch nicht gelungen, mehr als etwa ein Drittel der jüdischen Schulkinder zum regelmäßigen Besuch des Religionsunterrichtes zu veranlassen. Aehnlich sind die Verhältnisse in West- und Mitteleuropa. Dr. Ruppin hörte von einem Vorsteher einer großen italienischen Gemeinde, daß die Juden am Jörn Kippur nicht mehr in die Synagoge kommen, mit dem Judentum verbinde sie nur der Wunsch, auf einem jüdischen Friedhof begraben zu werden. Ebenso stellte eine Umfrage der amerikanischen Reformgemeinden fest, daß nur 50 Prozent der Juden am Jörn Kippur in die Synagoge kommen, aber 90 Prozent noch „Jahrzeit" halten. „Es ist also," sagte Dr. Ruppin, „nicht mehr das jüdische Leben, sondern das Mysterium des Todes, das viele Juden noch beim Judentum festhält." Alle diese Beobachtungen lassen den Redner den Schluß ziehen, es sei nicht zu verkennen, „daß sich die Juden durch Assimilation an die Kultur ihrer Heimatländer kulturell immer mehr von einander entfernen und das Gefühl ihrer Schicksalsgemeinschaft und Zusammengehörigkeit verlieren." Das sind nur einige Striche aus dem Bild, welches Dr. Ruppin von der Umwälzung entwirft, welche das Judentum jetzt erlebt und welche es vor sehr verwickelte Probleme stellt, deren Ernst jeder Jude anerkennen wird. Es bleibt aber dabei doch sehr verständlich, wenn Dr. Ruppin im selben Referat seiner Ueberzeugung Ausdruck verleiht, „daß es bei einer ernsthaften Kraftanstrengung der ganzen Judenheit möglich ist, die Zahl der Juden in Palästina in den nächsten 10 bis 15 Jahren auf eine halbe Million und in weiteren 10 bis 15 Jahren auf eine Million zu bringen. Wenn es uns gelingt, in den ersten Jahren 1000 Familien jährlich mit Hilfe des Keren Hajessod in der Landwirtschaft anzusiedeln und diese Zahl allmählich auf 2000 bis 3000 jährlich zu steigern, so können wir in 20 bis 30 Jahren 50.000 Familien, d. h. eine Viertelmillion Seelen, in der Landwirtschaft haben. Das liefert uns, wenn wir gleichzeitig auch der Industrie durch Kredite zu Hilfe kommen, die Grundlage, um eine Million Seelen in wirtschaftlich gesicherten Positionen unterzubringen"*). Erinnert man sich abermals des Umfanges, Tempos und der Kosten der jüdischen Kolonisation in Palästina, wie sie im Bericht der Survey Commission angegeben sind, so kann es nur Wunder nehmen, daß ein so gründlicher Kenner des Landes und der mit ihm und dem Judentum zusammenhängenden Fragen, wie es Dr. Ruppin sicher ist, hoffen kann, *) Dabei ist natürlich noch zu beachten, daß die Juden in Palästina nicht allein sind, die Araber sind ja auch da. Diesbezüglich sagte Dr. Ruppin: Auch eine Million Juden in Palästina nach zwanzig oder dreißig Jahren wird weniger sein als die Zahl der Araber, die heute schon drei Viertel Millionen beträgt und die infolge ihrer außerordentlich hohen natürlichen Vermehrung in dreißig Jahren auf mehr als eine Million anwachsen werden. Ganz abgesehen davon, daß eine Million Juden noch nicht für alle Zeiten das Endstadium zu sein braucht, hat dieser Einwand nur für denjenigen Bedeutung, der glaubt, daß es gegen eine Majorisierung der Juden durch die Araber in Palästina keinen anderen Schutz gebe, als daß die Juden selbst die Mehrheit erlangen. Aber wir haben auch eine feierliche Verpflichtung des Völkerbundes, daß Palästina so verwaltet werden soll, daß die Errichtung eines jüdischen nationalen Heimes erleichtert wird. Es wäre ein Bruch dieses Versprechens, wenn wir einer Majorisierung durch die Araber ausgeliefert würden. Ich sehe im Völkerbünde Schutz und Schild für die Fortführung unserer Tätigkeit.

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