Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1929-08-16 · Heft 33 (16.8.1929) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 33 (16.8.1929)
Date
1929-08-16
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3062972-3064197-3064229--17388-3087509
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT mmmm Seite 3 Der XVI. Zionistenkongreß. Wir haben unseren ersten Kongreßbericht damit beendet, daß wir sagten, „man sieht schon jetzt, daß die Lage auf dem Kongresse, der als Anbahnung der Vereinigung aller Juden so bedeutungsvoll hätte sein sollen, alles eher als rosig ist". Die Ereignisse, die sich seit diesem Zeitpunkte bis zur Beendigung des Kongresses abspielten, haben diese unsere wenig erfreuliche Charakteristik bestätigt. Die Beendigung gleich war nicht so leicht zu erreichen. Man ist es ja gewöhnt, daß politische Kongresse einen oder zwei Tage länger dauern, wenn auf ihnen wichtige Dinge zur Beratung stehen, daß man aber sozusagen kein Ende findet, daß man noch bis unmittelbar vor jener Tagung und hierauf gleichzeitig mit ihr berät — richtiger streitet —, die dem Kongreß hätte folgen sollen, das ist wohl ein Novum in der Geschichte des Parlamentarismus. Aber die Schwierigkeiten, deren wir schon in unserer letzten Nummer gedachten, waren eben so groß und sie haben sich, je weiter der Kongreß fortschritt — sit venia in verbo —, vergrößert. Die Jewish Agency. Da war vor allem die erweiterte Jewish Agency, deren Konstituierung inzwischen Tatsache geworden ist. Gegen ihre von Dr. Felix Rosenblüth vorgeschlagene Verfassung begann ein allgemeiner Sturmlauf. Tausenderlei Mängel fanden da alle Parteien, nicht nur die oppositionellen auszusetzen. Die Zusammensetzung des Councils, die Wahl seiner Exekutive, die Auflösung der Agency, die demokratische Wahl auch des nichtzionistischen Teiles, die Einschränkung des Stellvertretungsrechtes, die Stimmbindung der Zionisten waren Streitfragen, die oft und oft drohten, die Verhandlungen in der Agency-Kommission des Kongresses zum Scheitern zu bringen. Bei einem scharfen Zusammenstoß verließen sogar Revisionisten, Hitachduth, Poale-Zion und Radikale den Sitzungssaal. Dabei muß man sich immer vor Augen halten, daß der neue Vertragspartner schon vor der Türe wartete. Und er scheint nicht geduldig gewartet zu haben. Denn nach einem Berichte der „Neuen We 11" hat er durch Weizm a n n den Kongreß ganz energisch beeinflußt. Es heißt dort: „Ein Kongreß, welcher keine Beschlüsse fassen darf! In den Kommissionen stellen Delegierte Anträge. Man berät sie stundenlang, tagelang. Wenn dann der Vorsitzende zur Abstimmung schreiten will, erscheint ein Abgesandter des Präsidenten Weizmann und legt Protest ein: die Abstimmung widerspricht den Abstrengte ich mich an, die Lektüre des Midrasch Echah wieder aufzunehmen. Meine Augen flogen über das Buch hin ... Da kam meine Mutter herein, setzte sich zu mir, strich mir die Haare aus der Stirn und sagte: „Bist du gar nicht hungrig?" Mir wurde auf einmal schwach ums Herz. „Ja, Mutter . . . ach nein, nein . . . Wo denkst du hin? Ich hab' ja einen Neder getan. Ich muß fasten!" ... „Ist das wirklich so strenge? . . . Wir wollen noch Rabbi Aktba fragen." „Das nützt nichts, Mutter, ich weiß es genau. Einen Neder muß man unbedingt halten, auch wenn man ein kleiner Junge . . . das heißt, ich wollte sagen, auch wenn man noch nicht Bar M'izwah .ist." Die Mutter sah mäch sehr barmherzig an und ging schweigend hinüber zu Rabbi Akiba. Unser Lehrer aber entschied, daß mein Vater das Recht habe, meinen Neder einfach aufzuheben, für null und nichtig zu erklären, und mir zu befehlen, daß ich esse . . . Aber nur der Vater allein, sonst niemand . . . Ohne viel zu überlegen ging meine Mutter in das angrenzende Zimmer, wo mein Vater über seinen Geschäftsbüchern saß. Zu mir drangen folgende Bruchstücke des Gespräches: . . . „Es wird ihm nichts geschehen. Man stirbt nicht gleich, wenn man einen Tag nicht ißt. Er ist ein bißchen blaß, das macht nichts. Er kann's aushalten." Aushalten kann ieh's schon, dachte ich bei mit, aber mir war der ganze Leib wie ausgehöhlt, im Kopfe fühlte ich einen Druck und in der Magengegend richtige Schmerzen. „Geh doch hinein und sieh, wie er totmüde auf dem Sofa liegt, er atmet kaum. Ich kann das nachfühlen. Ich bin eine Mutter von sechs Kindern." „So! Ich gestatte mir, dich zu erinnern, daß ich meinerseits ein Vater von sechs Kindern bin. Es sind zufällig dieselben sechs Kinder," machungen zwischen Weizmann und Herrn M a r s h a I, dem Führer der reichen amerikanischen Nichtzionisten. Wenn abgestimmt wird, droht der Bruch. Mag es sich um Fragen des Budgets, um politische oder organisatorische Fragen handeln, immer das gleiche Veto! Die Abmachungen! Keiner kennt sie. Immer neue werden präsentiert." Dieses „Keiner kennt sie!" ist recht interessant. Sogar Weizmann hat erklärt, daß er die Konstitution der erweiterten Jewish Agency nicht gelesen hat. Das bedeutet eine grobe Mißachtung des Kongresses, den er auch sonst, seiner eigenen Wichtigkeit bewußt, zu bagatellisieren beliebte. So sagte er in seiner Replik: „Zeigen Sie eine andere Methode, finden Sie andere Leute. Sie haben keine gefunden. Wir müssen mit unseren Methoden arbeiten, und bekommen als Resultat vielleicht wenig — aber es ist das einzig Mögliche. Wenn sich in diesem Hause einer findet, der wirklich neue und rationelle Methoden hat so bin ich sicher, er würde einstimmig gewählt werden. Er hätte sicherlich meine Stimme. Aber der Mensch ist, wie es scheint, nicht da." Ueber solche auch persönliche Unstimmigkeiten hinweg, gelang es schließlich, die Verfassung mit 230 gegen .10 Stimmen bei 4 Stimmenthaltungen unter Dach und Fach zu bringen. Der Kampf hat sogar ein Opfer gefordert, den Kommissionsvorsitzenden Dr. H a 1 p e r n (London), der zufolge der aufregenden Debatten — sie waren so laut, daß schließlich die Züricher Polizei um Schonung der Nachtruhe bat — körperlich zusammenbrach und aus einer tiefen Ohnmacht mit Mühe von den Aerzten erweckt werden mußte. Er hat es sich trotzdem nicht nehmen lassen, in der Nachtsitzung den Verfassungsentwurf der „Agency-Kommission" vor dem Plenum zu verteidigen. Die tagelangen Beratungen, in der hart um jede einzelne Bestimmung gekämpft wurde, um in der „Agency" den Einfluß der Nicht-Zionisten einzudämmen, haben schließlich wenig Veränderungen gebracht, mit denen sich auch Marshai einverstanden erklärte. Wozu also der Lärm, wozu die Störung der Nachtruhe? Die Exekutive. Die Zusammensetzung der Exekutive für die nächste Periode bedeutet bis zum letzten Momente eine ausgesprochene Regierungskrise, da dem „Zentrum" Mein Vater faßte die ganze Sache offenbar von der spaßhaften Seite auf. „Die Männer haben kein Herz!" schrie meine Mutter. „Es handelt sich hier gar nicht um das Herz, sondern darum, daß der Junge einen Neder getan hat, den er halten muß. Das geht nun einmal nicht anders." „Wenn ich dich aber bitte, sag' ihm, daß sein Neder gar kein Neder ist, daß er noch ein Kind ist, und du ihm einfach das Fasten verbietest ..." Nein, das wollte mir gar nicht mehr gefallen . . Noch ein Kind? Mein Neder gar kein Neder? . . . Die Jungen würden mich auslachen . . . Voriges Jahr erst habe ich meinen Neder getreulich gehalten, sechs Wochen lang, trotz der verlockenden, schönen Tinte, obgleich kein Mensen davon was wußte . . . „Weißt du was, ich übertrage dir die Vollmacht. Sag' du ihm alles. Aber du übernimmst dann auch die Verantwortung dafür, daß dem Sohn sich gewöhnt, sein Wort nicht zu halten. Was braucht man sich aus einem Ehrenwort zu machen, wenn man einen Neder bricht? Weißt du nicht, was ein Neder ist?" Ganz recht. . . dachte ich bei mir . . aber die Schmerzen in der Magengegend nahmen immer mehr zu . . . Natürlich mußte ein großer Junge seinen Neder streng einhalten, aber wenn der Vater es nun einmal nicht dulden will . . . das wäre freilich sehr beschämend, auf Befehl des Vaters essen zu müssen; aber dem Vater muß man gehorchen, unbedingt gehorchen ... Es schmerzt so sehr da: ganz dicht unter dem Herzen . . . Der Vater ist immer so gut, nie setzt er sich allein zu Tische, immer muß ein Kind mit ihm mitessen, er müßte eigentlich spüren, wie weh es tut . . . die Gedärme krampfen sich einem zusammen im Innern . . . „Gib dir keine Mühe, liebes Kind, es ist vergebens. Ich will seinen Neder nicht aufheben. Es sind nur noch vier oder fünf Stunden, bis drei Sterne am Himmel stehen. Er wird es schon aushalten. Wenn ich seinen Neder störe, breche ich seinen Charakter, er wird ein Schwächling und ein Windbeutel." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.