Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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nininnillllllllllinillllllliniininnfflliimiiiiiniimnranw.umniinnimnnninBiD Seite 13 Oscher Kobn. Der Krösus der polnischen Juden, Besitzer der Widzew- Manufakturwerke bei L o d z, Oscher Kohr:, übersiedelte vor einiger Zeit samt seinem Unternehmen nach Palästina. Die Textilfabrik Widzew bei Lodz beschäftigt 9000 Arbeiter >in Tag- und Nachtschichten. Die Färbereien. Appreturen und Spinne reim daselbst bilden eine Sehenswürdigkeit und selbst nach englischen Begriffen werden sie als der Prototyp der Vollkommenheit und Musterhaftigkeit anerkannt. Die Fabrik wird darum mit Recht als Zierde und Stolz der hochientwulckelten polnischen Textilindustrie betrachtet. Tonangebende ausländische Industrielle, die Lodz, dem „polnischen Manchester", einen Besuch abstatten, verfehlen nie den Besuch auch auf Widzew auszudehnen. Dia Eindrücke, die sie dort gewinnen, bezeichnen die Besucher als einen überwäll ti gen den; sie sind des Lobes und Bewunderung voll über das gigantische Unternehmen und dessen genialen Besitzer und Spiritus rector: Oscher Kohn. Kohn erklomm wahrhaftig eine schwindelige Karriere und hat eine waschechte amerikanische Laufbahn hinter sfch. Er sel'bst fct aus der Jeschiwah hervorgegangen und absolvierte wiei ein echter und rechter Jeschiwahzögling bei seinen Schwiegereltern, die auch jetzt noch in häufigen Fällen üblichen Kostjahre, wodurch Möglichkeit geboten ist, sich nach der Verefoelichung lilm Torah- Studium zu vervollkommnen. Derzeit ist er der reichste Jude in Poilien — hinter ihm folgt der Radomsker Robbe*). Dollarmultiitmillionär in Sosnowitz bei Kattowitz. Dem überraschenden Entschluß, dieses dominierende und blühende Unternehmen brach zu legen, liegt folgende Episode zugrunde, über die in den TagesfoJättern nicht ganz den Tatsachen entsprechend berichtet wurde. Ein Sohn des gemannten Fabrikbesitzers, Oskar Kohn, genial veranlagt und einer rosigen Zukunft entgegensehend, hatte im eMerfichen Unternehmen eine führendet Position inne. Er engagierte einen Abtei'Uu-ngsleiter. als es sich aber herausstellte, daß dieser seinem wichtigen und verantwortungsvollen Posten keinesfalls gewachsen sei, wurde ihm <etto minderwichtiger Posten in der Fabrik eingeräumt. Der Abteilungsleiter glaubte sich in seinem Ehrgefühl angetastet und lauerte im nächtlichen Dunkel racheschnaubend auf Oskar Kohn. In dem Momente, als der letztere seefn Heiim betreten wollte, überfiel ihn der Arbeiter meuchlings und feuerte gegen ihn vier Schüsse ab. Trotz der lebensgefährlichen Verletzungen, die er erlitt, verließ Oskar Kohn seine Geistesgegenwart nicht und er fand noch den Mut. von seiner Waffe Gebrauch zu machen und sich heroisch gegen seinen Angreifer zu wehren. Das Ergebnis war ein Grauenhaftes. Oskar Kohn hauchte seine Seele noch in derselben Nacht aus, der Mörder erlag seinen Verletzungen nach 24 Stunden. Am Begräbnisse des Mörders beteiligten sich dfle Fabriksarbeiter in heausforderndsrer Weise vollzählig und glorifizierten den Mörder als Heild und Märtyrer. Dieser erschütternde Schicksalschlag und seine Begleiterscheinung reiften in Oscher Kohn den Entschluß, endgültig nach Palästina zu übersiedeln. Numerus Nullus am Kownoer Pädagogium. Auf Anordnung des Unterrichtsministers wurde kein einziger jüdischer Kandidat in die neu begründeten pädagogischen Kurse für Lehrer aufgenommen. Ein „Verein zur Entlarvung Einstefoß". Der Berliner „Börsen-Courier" schrieb kürzlich: „Man wundert sich nicht, wenn man zufällig erfährt, daß es einen Verein zur Entlarvung Einsteins gibt. Man müßte sich vielmehr wundern, wenn es einen solchen Verein in Deutschland nicht gäbe. Die Feindschaft gegen den großen Mathematiker wäre an sich durchaus begreiflich und keineswgs anrüchig. Aber daß diese Feindschaft sich sogleich in Satzungen niederschlägt, einen Präses, einen Schriftführer und einen Kassier wählt, das ist das Uebel. Ein Gelehrter, der anderen mißliebig ist, wird nicht widerlegt, nein: er wird entlarvt; und nicht durch die Einzelperson, sondern durch ein anonymes Kollekti.vum." *) Der Radomsker Rebbe ist eine der interessantesten Persönlichkeiten im polnischen Judentum. Er besitzt in Berlin zirka 80 Häuser, in Warschau und Sosnowitz einige wentvole Immobilien und obendrein ist er Besitzer eines der bedeutendsten Textil-Engrosgeschäften in Lodz. Er ist Führer tausender Chassldim, Geldspenden von seinen Anhängern niilmmt er prinzipiell nicht an. Vor ^einigen Monaten verheiiratete er seine einzige Tochter. Als Hochzeitsgeschenk gab er dem Bräutigam ein Haus in Warschau im Werte von 100.000 Dollar. Der Bräutigam ist der Sohn etais Rebbe und war mit irdischen Gtücksgütern keinesfalls ausgestattet. VonMk&azuVDock* Die Vorarbeiten des Prager Rabbinerseminares. Wie der Züricher „Jüdischen Prcssezentrale" aus Prag gemeldet wird, sind die Vorarbeiten für die Errichtung eines Rabbinerseminares in Prag bereits so weit fortgeschritten, daß im Herbst dieses Jahres mit der Eröffnung der Anstalt gerechnet werden darf. Die Anstalt wird unter Leitung des Oberrabbiners Dr. Heinrich B r o d y stehen. Das Unterrichtsministerium wird voraussichtlich eine Subvention von rund 150.000 Kc gewähren. — Das Seminar hat hauptsächlich den Zweck, tschechoslowakische Rabbiner auszubilden, die die tschechische Sprache beherrschen. Es trägt damit einer wichtigen Forderung der neuen Bedingungen, in die das Judentum nach dem Weltkriege auf dem Gebiete des ehemaligen Oesterreich-Ungarn gekommen ist, Rechnung. Das Seminar wird der tschechischen Universität angegliedert sein. An einen Eigenbau wird vorläufig nicht gedacht: doch hat der Oberste Rat der jüdischen Gemeinden in der Tschechoslowakei bereits Schritte eingeleitet, um in einer späteren Zeit die Durchrührung eines solchen Baues zu ermöglichen. Die Errichtung dieser Institution wird auf das jüdische Leben der Tschechoslowakei zweifellos überaus befruchtend wirken und den Abfall und den Zerfall der kleinen jüdischen Landgemeinden in Böhmen, soweit er in kulturellen Momenten seinen Grund hat und nicht von demographischen Erscheinungen bedingt ist, aufzuhalten imstande sein. Gastkarten für die 2. Kenessio Gedaulo. Der Gastkartenverkauf für Wien und Oesterreich hat begonnen. Der Preis beträgt S 15.—. Nach dem 15. August gelöste Karten kosten S 20.—. Zur Eröffnungssitzung haben nur jene Herren Zutritt, die sich die Gastkarte rechtzeitig gelöst haben, da eine große Anzahl Karten von ausländischen Gästen vorbestellt wurde. Gastkarten, die zur Teilnahme an allen öffentlichen Sitzungen des achttägigen Kongresses berechtigen, sind im K. G.-Büro. Wien IL, Malzgasse 12 a, Eingang Leopoldsgasse 16, erhältlich. Todesfälle. Am 17. v. M. verschied plötzlich Herr Nathan Chameides im 69. Lebensjahre. Bescheiden und liebenswürdig als Mensch, hat er sich die Hochachtung und Verehrung aller, die ihm im Leben nahe gestanden sind, erworben. Wir verlieren in dem Verstorbenen einen treuen Mitarbeiter. Das Leichenbegängnis fand in aller Stille statt. Ehre seinem Angedenken und Trost der schwer geprüften Gattin und den Kindern. * ... * In unserem Berichte über das Ableben des Badener Oberrabbiners Wilhelm Reich s. A. ist bei den Familienmitgliedern der Name der Tochter, Frau Emma R o s e n z w e i g, nicht erwähnt worden, was wir hiermit nachholen. Bad Homburg vor der Höhe. Auf Anraten seiner Berliner Professoren ist vor einigen Tagen der berühmte Großrabbiner A. Rokach aus Beiz mit seinem Stab und seinen Bediensteten in Bad Homburg vor der Höhe eingetroffen und hat im Hotel Metropole Wohnung genommen. Thüringische Staatsleistung für Rabbinerbesoldung. Der Thüringische Landtag verabschiedete kürzlich den Etatvoranschlag über die Staatsleistungen an die Kirche. Von der Gesamtausgabe in Höhe von 3,460.000 RM. erhalten die katholische Kirche 55.000 RM. und die jüdische Kirche als Beitrag zu den Dienstbezügen der Landesrabbiner in Eisenach und Meiningen 5000 RM., während 3,4 Millionen Reichsmark der evangelischen Landeskirche zufließen. Diese Leistungen werden sich aber in Zukunft noch wesentlich erhöhen. Der Abgeordnete Dinter, der wegen seines Kampfes gegen die katholische Kirche aus der nationalsozialistischen Partei ausgeschlossen worden ist. hielt im Landtag eine Rede, in der er ausführte, die heutige Kirche sei nichts anderes als eine jüdisch-christliche Kirche, eine jüdisch-römische Diktatur. „Sonnenschein" in Stettin. Ein von der Stettiner Schiffsgesellschaft Retzlaff erbauter großer Frachtdampfer, der größte seiner Art im Stettiner Hafen, wurde auf den Namen des tschechoslowakischen jüdischen Industriellen Adolph Sonnenschein, dem Urheber des Planes des Donau—Elbe-Kanals, getauft.