Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 12 DIE WAHRHEIT -\ überfielen und mit einer wüsten Schießerei begannen. Sie gaben eine förmliche Salve ab, durch die eine Passantin getötet und ein Reichsbannermann schwer verletzt wurde. Bis jetzt ist es noch nicht gelungen, der Täter habhaft zu werden. Tags darauf kam es neuerdings zu tumultuösen Szenen. Eine Gruppe Nationalsozialisten fühlte sich durch eine an dem Gebäude des Metallarbeiterverbandes angebrachte Fahne in den Reichsfarben provoziert und unternahm einen regelrechten Sturm auf das Gebäude. Unter dem Rufe „Blut muß fließen!" stürmten sie zunächst das Wirtschaftslokal, schlugen den Wirt nieder, demolierten die gesamte Einrichtung und zertrümmerten alle Fensterscheiben. An einer anderen Stelle der Stadt wurde ein Straßenbahnwagen gestürmt, demoliert und das Fahrpersonal verprügelt. Am dritten Tag kam es an den verschiedensten Stellen der Stadt zum Teil zu schweren Zusammenstößen, wobei von der Schußwaffe Gebrauch gemacht wurde, so im Cafe Merk, dem Treffpunkt der Kommunisten, und vor dem Gasthaus „Zum grünen Markt", das stark beschädigt wurde. Auch auf dem Hauptmarkt und vor der Lorenzikirche kam es zu Ausschreitungen. Ein berittener Schutzmann am Hauptmarkt wurde durch eine geschleuderte Flasche im Gesichte schwer verletzt. Das kommunistische Lokal „Zum Engel" wurde von einer großen Anzahl von Nationalsozialisten gestürmt und beschädigt. Ein nahestehender Schutzmann gab einen Schuß in die Luft ab. Aus dem Getümmel löste sich eine Zivilperson los, die von den Nationalsozialisten verfolgt und zu Boden geschlagen wurde, so daß sie bewußtlos liegen blieb. Ein Uebertallkommando von fünf berittenen Polizisten sperrte hierauf den Hauptmarkt ab. Wegen der in verschiedenen Stadtteilen vorgekommenen Zusammenstöße ist der ganze Wagenpark und das gesamte Personal des Sanitätsdienstes unterwegs, um die Verletzten zu transportieren. Es sollen zehn bis zwölf Personen verletzt sein. Zwischen 8 und 9 Uhr abends gab Hitler den Befehl, daß sämtliche Nationalsozialisten sofort in ihre Quartiere zurückzukehren hätten. Ein Nichtbefolgen dieses Befehles habe den Ausschluß aus der Partei zur Folge. Daraufhin kehrten die Nationalsozialisten in ihre Quartiere zurück. Der Sachschaden, den die Nationalsozialisten in Nürnberg anrichteten, ist beträchtlich, die Anwesenheit der Hakenkreuzler in Nürnberg wirkt sich in schlimmster Art aus und hat unter der Bevölkerung ungeheure Erregung ausgelöst. Mit Dynamit gegen Juden. In Lüneburg ist am 1. August in dem Hause des Rechtsanwaltes Dr. Strauß eine Explosion erfolgt. Im Keller war eine Dynamitbombe explodiert. Die Explosion wirkte sich zum Glück mehr nach außenhin aus. Beschädigt wurden die Außenwände des Hauses; auch sämtliche Fensterscheiben wurden zertrümmert. In der Nachbarschaft gingen durch die Explosion ebenfalls die Fensterscheiben in Trümmer. Die Familie des Rechtsanwaltes ist zur Zeit verreist. Wenige Stunden nach der Explosion in der Villa des Rechtsanwaltes Strauß wurde im Gebäude der Lüneburger Landeskrankenkasse eine zweite Höllenmaschine gefunden. Diese bestand aus einer Uhr und einem Vorrat an Sprengstoff, der aber nicht explodierte, da sich der Zeiger der Uhr festgehackt hatte. Man vermutet, daß es sich um eine gleiche Maschine, wie in dem ersten Fall, handelt, und daß die beiden Bomben von ein und demselben Täter herrühren. Der Rechtsanwalt Dr. Strauß ist Mitglied der demokratischen Partei und in letzter Zeit wegen seiner Betätigung' äan Centraiverein der deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens von den Antisemiten stark befehdet worden. Die Lüneburger Polizeibehörde hat eine hohe Belohnung auf die Ermittlung der Täter ausgesetzt, die offenbar in rechtsradikalen Kreisen zu suchen sind. Bedrohliche Ritualmordhetze in Damaskus. Die arabische und die französische Presse in Damaskus und Beirut betreibt seit einiger Zeit eine hemmungslose Hetze gegen die jüdische Bevölkerung in Syrien, die sich auf eine im Volke verbreitete Ritualmordlegende gründet. Danach hätte man in einer der Straßen von Damaskus einen 60jährigen Juden namens Chattah festgestellt, der auf seinen Schultern einen Sack trug, in welchem ein lebendes Wesen strampelte. Als man den Sack öffnete, habe man darin ein gefesseltes fünfjähriges christliches Kind gefunden, dessen Mund durch einen Knebel zugestopft war. Angeblich hätte die Polizei Chattah verhaftet und das Kind seinen Eltern wieder zugeführt. Niemand weiß, wer die Legende in Umlauf gesetzt hat. Der jüdischen Bevölkerung von Damaskus hat sich angesichts der unaufhörlichen Hetze, die in den christlichen Vierteln betrieben wird, eine starke Panik bemächtigt. — Damaskus war bekanntlich 1840 Schauplatz einer gefährlichen Ritualmordhetze, der mit dem Märtyrertode von vier Juden endete. Juden-Christen In Jerusalem. Sir Leon Levison, der Präsident der sogenannten jüdisch-christlichen Allianz, teilt im Allianz-Organ „Hebrew Christian" mit, daß die Jerusalemer Gesellschaft für Hilfe an notleidende Juden (eine missionäre Institution) sich bereit erklärt hat, ihr unter dem Namen „Abrahams Weingarten" bekanntes Besitztum, das außerhalb der Stadtmauern Jerusalems liegt, an die internationale Allianz der Juden-Christen abzugeben. Die „Allianz" wird das Hilfswerk für in Not geratene Juden Palästinas, ob sie zum Christentum übertreten oder nicht, fortsetzen und auf dem Grundstück Gebäude für Berufsschulen errichten, in denen die Juden-Christen ein Gewerbe, wie Schuhmacherei, Zimmermannshandwerk, Schneiderei, Herstellung von Olivenölseife usw., erlernen sollen. Schließlich wird auf dem Grundstück ein Tempel als Zentrum des Gottesdienstes der Juden-Christen in Palästina errichtet werden. Sir Leon Levison begibt sich im März zur Durchführung der gefaßten Pläne nach Palästina. Frieden mit den Juden. In Siedlec wurde in diesen Tagen ein katholischer Kongreß abgehalten, zu welchem sich mehr als 70.000 Wallfahrer aus verschiedenen Gegenden Polens einfanden. Im Hinblick auf den Raummangel im Orte wurden den Wallfahrern auch die öffentlichen jüdischen Gebäude, wie Waisenhaus, Wandererasyl usw. und auch zahlreiche jüdische Privatwohnungen zur Verfügung gestellt. Die katholischen Geistlichen appellierten in ihren Ansprachen an die Massen, mit der jüdischen Bevölkerung in Frieden zu leben. Die Leitung des Kongresses sprach der jüdischen Gemeinde in Siedlec für das Entgegenkommen gegenüber den katholischen Gästen den Dank aus. Ein Jude deutscher Tennismeister. Wie bekannt, haben vor kurzem die beiden deutschen Vertreter Moldenhauer und Prenn gegen Amerika um die Weltmeisterschaft im Tennissport gespielt. Dieser Kampf ist von Tausenden von Zuschauern in Berlin-Grunewald mit dem größten Interesse verfolgt worden und die Presse berichtete, wie üblich, mit großer Ausführlichkeit über den Verlauf des Spieles. Nur die nationalen Zeitungen, die sonst dem Sport gern huldigen, hielten sich diesmal sehr zurück und das hat seinen Grund. Der Sieger Daniel Prenn ist Ostjude. Das ist ihnen denn doch zu viel. Daniel Prenn stammt aus Petersburg und wohnt seit 1920 in Berlin. Er hat schon öfters Bemerkenswertes im Tennissport geleistet. Ein Geburtstagsgeschenk. Die Kownoer Tageszeitung „Ydische Stime", die am 22. Juli den 10. Jahrestag ihres Bestehens gefeiert hat, hat an diesem Tage von der Behörde einen Strafbefehl wegen Zahlung von 1000 Lit zugestellt erhalten, weil die Zeitung über Mißhandlung von Juden in Rakischki berichtet hat. Auf Deutschlands hohen Schulen . . . Der in Hannover abgehaltene 12. Deutsche Studententag hat gemäß dem Antrag des Vorstandes mit 103 gegen 70 Stimmen bei zwei Stimmenenthaltungen beschlossen, die Anträge der Vertreterschaften der Universitäten Würzburg, Erlangen, Brünn und der Technischen Hochschule München, in denen die Herbeiführung des Numerus clausus für jüdische Studierende und Professoren gefordert wurde, von der Tagesordnung abzusetzen. Es war dies das erstemal, daß auf einem Deutschen Studententag ernsthaft die Frage des Numerus clausus für die Hochschulen des Deutschen Reiches erörtert wurde. Dem Vorstand hat es, wie es heißt, viel Mühe gekostet, die Absetzung der Anträge von der Tagesordnung durchzusetzen. Ein Jude Senatspräsident am Obersten Gericht Ungarns. Der Reichsverweser hat den Kurialrichter Dr. Armin F o d o r zum Senatspräsidenten an der königlichen Kurie ernannt. Es ist dies eine der höchsten Richterstellen, zugleich die höchste Rangstufe, die ein Richter in Ungarn erreichen kann. Dr. Fodor ist ein treues und tätiges Mitglied der jüdischen Gemeinde.