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Die Wahrheit · 1929-08-09 · Heft 32 (9.8.1929) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1929
Issue
Heft 32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 HteafflßlBöflHIHfflMB dj£ WAHRH£lir „Ich weiß nicht," entgegnete ich noch ruhiger, „ich bin ja wahrscheinlich bei der Nasenverteilung zu kurz gekommen, aber wenn mich mein bescheidenes Riechorgan nicht täuscht, scheint's mir mehr Reseda mit Patschuli zu sein." „Ja. wollen Sie mich reizen?" fragte er drohend, seine Augenbrauen hochziehend. „Sie sind ja so reizend," antwortete ich, ihn von oben bis unten betrachtend, „daß ich dazu zu spät komme." Da der „Duftikus" neben mir saß, drehte er mir, um mich seine Verachtung fühlen zu lassen, halb den Rücken zu und ich konnte feststellen, daß das entschieden die vorteilhaftere Seite war. Er drehte sich aber gleich wieder um und sagte gedehnt: „Wollen Sie abstreiten, daß diese Gegend hier von ekelhaft stinkenden Juden wimmelt?" Ich hatte mir erst vorgenommen, nicht mehr zu antworten, aber der Jüngling fing an, mir Spaß zu machen. „Das ist Qeruchssache. Dem einen ist Knoblauch ekelhaft, den andern widert ein wandelndes Riechkissen an," entgegnete ich scharf und fuhr ruhiger fort: „Wenn die Menschen gegenseitig auf sich Rücksicht nehmen und sich einander nicht absichtlich belästigen würden, könnte man friedlich miteinander auskommen!" „Ja, warum fordern Sie mich heraus?" entfuhr es beinahe drohend seinen Lippen. „Erlauben Sie. Sie sind in unsere bisher beschauliche Reisegesellschaft hereingeplatzt und haben herausfordernd dumme Redensarten geführt, ohne daß der geringste Anlaß dazu vorlag. Hier im Abteil befindet sich jedenfalls kein einziger nach Knoblauch stinkender Jude, wohl aber ein übelduftender, seine Mitmenschen durch aufdringliche Gerüche und dumme, herausfordernde Redensarten belästigender, unerfahrener Mensch, der weder das Leben, noch die Menschen kennt." „Aber die Juden, und nicht nur die Originaljuden, sondern auch ihre Abkömmlinge und Verteidiger," stieß er heftig hervor. Die alten Deutschen. Die übrigen Reisenden des Abteils, die bisher halb interessiert, halb belustigt zugehört hatten, kamen jetzt in Bewegung, da sie wohl einen ernsten Zusammenstoß fürchteten. Anscheinend ein Schiffer, der an der anderen Seite am Fenster saß, drohte sogar mit dem Finger und sagte: „Man sachte, min Jung, nicht frech werden." Ich machte eine beschwichtigende Handbewegung und versicherte, daß ich allein mit dem jungen Mann fertig würde. Mich an diesen wendend, fragte ich: „Es interessiert mich, zu erfahren, auf welche tiefgründige Erkenntnis Sie Ihre Wissenschaft stützen, daß ich ein Judenabkömmling bin." Der duftende Jüngling sah erst nach dem Schiffer, dann prüfte er die übrige Reisegesellschaft, musterte mich mit feindlichen Blicken vom Fuß bis zum Kopf, um schließlich mit einem triumphierenden Blick an meinem damals noch tiefschwarzem Haar, das wohl erst ganz geringe Spuren seiner heutigen Farbe zeigte, hängen zu bleiben und erklärte: „Mein Rassenstudium und Ihre schwarzen Haare sagen mir, daß Sie nicht von Germanen abstammen." „Hm," machte ich, „hatten denn die Germanen keine schwarzen Haare?" Jetzt war das Riechkissen aufgezogen und schnurrte einen längeren Satz aus irgend einem Vorläufer Chamberlains ab, den es mit den Worten schloß: „Es ist also eine unumstößliche geschichtliche Tatsache, daß die alten Deutschen rotblondes Haar hatten." „Und ich sage Ihnen, Ihre Behauptung und die „unumstößliche geschichtliche Tatsache" ist vor der gesunden Menschenlogik nicht haltbar und daher Unsinn." Der Patschuli-Reseda-Topf schnellte von seinem Sitz empor, stellte sich herausfordernd vor mich hin und rief verächtlich: „Sie sind, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus betrachtet, ein Banause! Jedes Kind, das nur die Anfangsgründe von vaterländischer Geschichte kennt, wird Ihnen bestätigen, daß die alten Deutschen rotblondes Haar hatten." Jetzt schien ich die Sympathie meiner Mitreisenden, die mir bisher gehörte, zu verlieren. Sie stimmten bezüglich des letzten Satzes dem Jüngling zu, und ein Herr mischte sich ins Gespräch und meinte: „Ich billige die Art, wie der Herr sich hier eingeführt hat, wahrhaftig nicht. Aber mit seinen Angaben über die Haarfarbe der alten Germanen hat er recht." „Das werden alle Geschichtsforscher bestätigen," rief nunmehr die Oberwasser verspürende Wunderblume, welche noch immer hochaufgerichtet vor mir stand. Sie nahm ihre Kreissäge vom Kopf, um ihren frisierten hellen, rötlichen Haarbusch und damit sein Germanentum in das rechte Licht zu setzen. „Rotblondes Haar hatten die alten Deutschen," rief er nochmals triumphierend, und sich stolz im Kreise umsehend, setzte er hinzu: „Alles muß mir zustimmen." „Trotzdem bestreite ich Ihre Angaben," kam es ruhig von meinen Lippen. „Sie selbst sind der beste Beweis für meine Behauptung. Die alten Deutschen hatten, soweit bei ihnen überhaupt noch welche vorhanden waren, weiße Haare Nur die jungen waren mit rotblondem Haar behaftet, ohne daß sie dieselben blenden zu lassen brauchten." Schallendes Gelächter in dem ganzen Abteil war die Antwort. Das wandelnde Riechkissen war, da der Zug gerade in einen Bahnhof einfuhr, ehe er noch hielt, mit einem Satz der Beine und des noch unbeschatteten gelben Schnabels aus dem Abteil verschwunden. Der Satz, den er mir mit einem wütenden Blick seiner wasserblauen Aeuglein zurief, lautete: „Alberner Esel." Er war so schnell verschwunden, daß ich im Zweifel war, ob mein Nachruf: „Kommen Sie nicht unter die Räder, Sie Moschusaffe," seine Ohren noch erreichte. ämtÜcke tUudaru**» d&lmxelißs&en^^ Stipendien für Krankenschwestern-Elevinnen. Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat beschlossen, an jüdische Frequentantinnen der Krankenpflegeschule der Oesterreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze zwei Stipendien im Betrage von je S 1200.— während des ersten Lehrjahres und von je S 600.— während des zweiten und dritten Lehrjahres und drei Stipendien im Betrage von je S 600.— während des ersten Lehrjahres und von je S 300.— während des zweiten und dritten Lehrjahres zur Verleihung zu bringen. Die Frequentantinnen erhalten während der ganzen Ausbildungszeit freie Station in der Krankenpflegeschule. Der Bezug des Stipendiums durch die ganze Ausbildungszeit wird von den durch die vorschriftsmäßigen Prüfungen nachzuweisenden guten Lernerfolgen abhängig gemacht. Die mit einem Stipendium Bedachten haben sich zu verpflichten, als Pflegeschwestern im Spitale oder in der Versorgungsanstalt der israelitischen Kultusgemeinde durch mindestens drei Jahre tätig zu sein. Die Israelitische Kultusgemeinde Wien wird sich unter noch näher bekanntzugebenden Bedingungen verpflichten, den mit einem Stipendium Bedachten die den Gesamtbetrag des ihnen verliehenen Stipendiums übersteigenden Ausbildungskosten in der Krankenpflegeschule der Oesterreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze in dem Falle rückzuersetzen, daß die Stipendistinnen tatsächlich eine dreijährige Dienstzeit als Pflegeschwestern im Spitale oder in der Versorgungsanstalt der Israelitischen Kultusgemeinde zurücklegen. Bewerberinnen wollen ihre mit den Personaldokumenten und der Bestätigung, daß sie um die Aufnahme in die Krankenpflegeschule der Oesterreichischen Gesellschaft vom Roten Kreuze angesucht haben, versehenen Gesuche bis spätestens 20. August 1929 in der Amtsdirektion der Israelitischen Kultusgemeinde Wien I., Seitenstettengasse 4, III. Stock, einbringen. Daselbst sind die Aufnahmsbedingungen der oberwähnten Krankenpflegeschule unentgeltlich erhältlich und werden auch die näheren Modalitäten der Verleihung des Stipendiums bekanntgegeben. Der Vorstand der Israel. Kultusgemeinde

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