Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT diuuüuuiiuuiiiuiuimim Seite 7 versuchte." Wenn die Abonnenten des Innsbrucker Hakenkreuzlerblattes gewissermaßen verstehen, was sie lesen, dann haben die Schriftleiter die gewissermaßen nicht verstehen, was sie schreiben, nicht zu lachen. * * * Die Nachricht, daß die englische Regierung den mohammedanischen Behörden voraussichtlich die Ausführung von den Gottesdienst der Juden störenden Bauarbeiten in unmittelbarer Nähe der Klagemauer in Jerusalem gestattete, hat in allen jüdischen Kreisen peinliches Befremden erregt. Nur die Meinung darüber ist geteilt, ob die Absichten der Mohammedaner oder die Gewährung der englischen Regierung eine ärgere Mißachtung und Verletzung der jüdischen Gefühle bedeutet. Vor der Klagemauer in Jerusalem sind schon viele Tränen über das den Juden zugefügte Unrecht vergossen worden. Es wäre wirklich nicht notwendig, daß nun auch die Klagemauer selbst herangezogen wird, um den Juden Anlaß zu bitteren Klagen über einen „seelischen Pogrom" zu bieten. * * * In Berdischew, wo, über Verfügung der Sowjetregierung, der jüdische Friedhof zu einer Parkanlage umgewandelt werden sollte, wurden zahlreiche Juden, die sich gegen diese Schändung zur Wehr setzten, verwundet. Der Fall beweist wieder, wie recht die Hakenkreuzlerpresse mit ihrer Behauptung hat, daß die Regierung in Rußland ganz in jüdischen Händen liegt und daher nur für die Interessen der Juden sorgt, der Lebenden und der Toten. Ego. Besuch eines psychiatrischen Institutes in Jerusalem. An der Peripherie des neuen Jerusalem, da wo die lange mit Asphalt übertünchte Jai'faer Straße in einen zu den werdenden Gartenstädten Kiriath Montefiore und Beth ha-Kereir. führenden primitiven Seitenweg abzweigt, befindet sich ein kleiner fiäuserkomplex, der mit einer auffallend hohen Mauer umfriedet ist. Auf den beiden massiven Torpfeilern findet man eine bescheidene Inschrift in Hebräisch und Englisch, die etwa so lautet: „Asyl für Geisteskranke und Unheilbare, Gründung des Vereines „Esrath Naschim" in Jerusalem 1895." Mit etwas beklommenem Herzen pochen wir an das breite eiserne Tor. „Tekef, tekef" (sofort!) läßt sich von weitem die Stimme des Torwartes hören, welcher in den Intervallen des gemessenen Personenverkehres sich nebenher mit der Pflege des Gartens zu beschäftigen scheint. Wir werden auf das zunächst liegende Verwaltungsgebäude verwiesen, wo sich der Missrad. (die Kanzlei) befindet. Ein älterer weißbärtiger Beamte legt seine Brille gemütlich auf den Tisch und begrüßt uns mit einem freundlichen Lächeln, indem er uns die neben seinem Tische bereitstehenden Stühle anbietet. Unser Blick fällt auf einen mächtigen, eingebauten, weit geöffneten Kasten, welchei das Archiv der Anstalt enthält. In wohlgeordneten Reihen stehen da die Geschäftsbücher, die das entsprechende Belcgmaterial enthaltenden Mappen, die Classeure für den Brielwechsel in alphabetischer Anordnung, die Kistchen füs den Mitgliederkataster usw. Bei einer flüchtigen Einsicht in einem uns dargereichten Rechenschaftsbericht entnehmen wir, daß das Jahresbudget sich auf etwas über 5000 Pfund beläuft, daß dieser Summe jedoch keine genügenden Einnahmen gegenüberstehen, so daß bei aller ökonomischen Umsicht die Bilanz der letzten Jahre mit Defiziten abschloß, welche derzeit die Anstalt mit einem drückenden Schuldenstand von ungefähr 3000 Pfund belasten. Es klingt etwas sonderbar, daß eine so gemeinnützige Anstalt weder von der Regierung, noch von Irgendwelcher Gemeinde, ia nicht einmal von der zionistischen Exekutive mit irgend einer permanenten Subvention dotiert wird. Auf unser Befragen wie es denn eigentlich kommt, daß die über 30 Jahre existierende, einzige jüdische Heilanstalt für Geisteskranke des nahen Ostens und vielleicht sogar des übrigen Auslandes, dem Publikum so wenig bekannt ist. wurde uns die Antwort, daß daran das eigene Komitee der Esrath Naschim die Schuld trägt, indem es vom Prinzip geleitet wird, keine Werbeagenten hinauszusenden oder sich kostspieliger Reklamen zu bedienen, um nicht die Gaben der Spender zu zersplittern, sondern möglichst vollzählig zugunsten der Kranken zu verwenden. Unter solchen Umständen und da übrigens auch die Erhaltungsbeiträge von den meist mittellosen Familien der Patienten nur spärlich eingehen, bleibt die Anstalt nur auf die Unterstützung von privaten mildtätigen Freunden oder Komitees angewiesen und kann den vermehrten, dringenden Forderungen, welche von Seite der Interessenten an sie gestellt werden, dermalen nicht genügen. Die Anstalt wird im konservativen Sinne des traditionellen Judentums verwaltet. Die Leitung gliedert sich in eine medizinische und administrative. Erstere liegt in der Hand des Herrn Dr. Herrmann, eines bewährten Facharztes aus Königsberg in Preußen, mit der letzteren befaßt sich die Frau David Yellin (Gattin des Gelehrten D. Yellin, Rektors des Lehrerseminars, Dozenten der Universität usw.), eine Tochter der vormaligen Gründerin des Vereines. Diese bereits im Alter von 60 Jahren stehende Dame arbeitet seit dem Heimgange ihrer Mutter (etwa 15 Jahre) mit Bienenfleiße an der finanziellen Verwaltung der Anstalt. Dank ihrer unerschütterlichen Energie und felsenfesten Ausdauer konnte das Werk über die vielen Klippen und Hindernisse, welche sich demselben entgegenstellten, geführt werden, ohne Schaden zu nehmen. Dr. Herrmann, der soeben in der Anstalt erscheint, klagt zunächst über die allgemeine schlechte Lage der Geisteskranken im Lande, dann über die ungenügenden Raumverhältnisse und knappen Geldmittel der Anstalt Esrath Naschim, bei welchen eine wenn auch noch so dringende Erweiterung ausgeschlossen erscheint. Viele chronische Kranke, bei denen keine Aussicht auf Heilung mehr besteht, halten jahrelang die Plätze in der Anstalt besetzt, wodurch keine Möglichkeit besteht, die vielen akuten, wohl auf der Warteliste verzeichneten Fälle unterzubringen, die, rechtzeitig in Behandlung genommen, noch befriedigende Resultate zeitigen könnten. Da es jedoch im Lande keine Institution gibt, welche diese unheilbaren Kranken versorgen würde, so müssen etwa 60 jüdische Geisteskranke hoffnungslos im Lande umherirren, die öffentliche Ordnung störend, Schäden anrichtend, eine ständige Plage für Familien und Nachbarn bildend, bis sie endlich vollständig verkommen. Im Verlaufe der Unterhaltung gibt uns Dr. Herrmann interessante Daten über die Beteiligung der Bevölkerungsschichten an den Geisteskrankheiten. Darnach ist der Prozentsatz bei den Arabern ebenso wie bei den eingeborenen orientalischen Juden (Sefarden. Yemeniten, Perser. Kurden usw.) ein viel geringerer als bei den aus dem Westen eingewanderten Juden. Wenn man von den 150.000 jüdischen Einwohnern des Landes etwa 50.000 orientalische ausscheidet, so verbleiben zirka 100.000 Europäer, die nach europäischer Proportion (zwei internierte Kranke auf 1000 Einwohner) allein schon 200 Betten und mitsamt den Eingeborenen etv/a 250 Betten erheischen. Da in Esrath Naschim 79, im Regierungsspitale zu Bethlehem etwas über 20 jüdische Kranke untergebracht sind, so fehlen noch 150 Betten für den momentanen Bedarf des Landes. Vom Standpunkte der jüdischen Psyche aber wäre zu bemerken, daß die jüdischen Geisteskranken nur aus Not nach Bethlehem gehen, wo sie sich wegen ihrer Eigenart in der nichtjüdischen Umgebung recht unbehaglich fühlen, während bei allen Angestellten von Esrath Naschim ein richtiges Verständnis für jüdische Sitten und Gewohnheiten entgegengebracht wird, das dem Kranken wohl tut. Auf einem kleinen Rundgang durch das Spital sind wir von der eigenartigen Atmosphäre, die hier zwischen Kranken und Pflegepersonal herrscht, angenehm überrascht worden. Dr. Herrmann toleriert in seiner Domäne keine klösterliche Klausur oder Zuchthausstrenge: er will, daß der Kranke mit Wohlwollen behandelt werde, damit er sich wie in einer Familie fühle. Da hält eine Schwester eine melancholische Kranke mit ihrem Arm umschlungen, die unter dieser Intimität auch schon etwas aufzutauen scheint: dort sitzt eine andere am Bette einer starrköpfigen Kranken, indem sie derselben mit viel Geduld und Güte zuredet, ein Glas Milch oder ein Ei zu sich zu nehmen, um die lästige Magensonde zu vermeiden, so lange es möglich ist, die Nahrung auf natürlichem Wege zuzuführen. In einem anderen Räume hält eine