Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 m,:»mmimmmmr"mn,m}'^ DIE WAHRHEIT Führung Wcizmanns stehenden „Stammzionisten", die bisher die Exekutive bildeten, haben eine unerwartete stärkere Hilfe erhalten. Die Linksparteien, die bei den Kongreßwahlen den größten Erfolg zu verzeichnen hatten, — die „allgemeinen Z i o n i s t c n" haben nicht nur in Wien, sondern überall schwere Einbußen erlitten: der regierungstreue Misrachi hat seine alte Stärke behauptet — haben sich nämlich, gewiß gegen Konzessionen, bereit erklärt, wahrscheinlich in die Agency einzutreten, um dort entweder in verantwortlicher Stellung oder als loyale Opposition an der Verwaltung Palästinas mitzuwirken. Das wird wohl den Ausschlag geben und die jüdische Welt so um das sicherlich sensationelle Schauspiel kommen, daß die mit so großem Applornb vorbereitete Konstituierung der Jewish Agency — nicht zustande gekommen wäre, obwohl ihre Delegierten schon in Zürich warten. Was diese Konstituierung formell anbelangt, so bringen wir das von Dr. Felix Rosenblüth erstattete Referat über die Verfassung der Jewish Agency an anderer Stelle, da wir der Ansicht sind, daß hier eine Institution geschaffen wird, deren Aufbau überall bekannt sein muß. Exekutive und Budget. Hinter den Kulissen des XVI. Zionistenkongresses tobt diesmal ein besonders heißer Kampf, der Kampf um die Macht, die durch die Exekutive repräsentiert wird. Wer ihr Kopf sein wird, weiß man wohl: Weizmann, der die zionistische Organisation nun schon seit vielen Jahren durch alle Fährnisse leitet. Aber wer v/erden seine Mannen sein? Das ist die große Frage. Weizmanns Partei hat, wie oben erwähnt, bei den Kongreßwahlen starke Verluste erlitten und repräsentiert nicht mehr die Majorität des Kongresses, sondern nur ein Drittel desselben. Die gleiche Stärke besitzt die Linke, während ein Viertel auf den Misrachi entfällt und der Rest, etwa acht Prozent, auf alle Splittergruppen zusammen. Es muß also zu einem Koalitionskabinett kommen. Aber mit wem? Mit Links oder Rechts? Beide Möglichkeiten — auch die einer Koalition mit Links und Rechts — haben vorderhand noch gleich viel Aussichten. Es scheint jedoch, daß man am ehesten mit einer nach Links erweiterten zionistischen Exekutive zu rechnen hat. Das wäre eine der Konzessionen für den Eintritt der Arbeiterparteien in die Jewish Agency. Aber es gibt noch andere. So verlangt die Linke die Entfernung des bisherigen Finanzreferenten Dr. Harry Sacher aus. der Exekutive, dessen Finanzsystem ihr nicht paßt und den sie höchstens in der politischen Leitung der Londoner Exekutive dulden will. Schließlich gibt es noch eine große Streitfrage, vielleicht die wichtigste, die Einstellung zu England. Auch hier hat Jabotinski den Vogel abge- Blut abzapfen. Einen Tierarzt müßte die Regierung hinschicken, nicht mich." Er goß sich lachend ein paar Gläschen Schnaps hinter die Binde, dann hieb er kräftig auf den Fisch und das Butterbrot los, sagte zwischendurch meiner Großmutter ein paar Artigkeiten über ihr frisches Aussehen, fragte den Vater nach dem Stande der Ernte und versetzte den Knaben ein paar freundschaftliche Knuffer hinterm Ohr. Seine Frau aß Kuchen, nippte Likör dazu und unterhielt sich mit meiner Mutter. „Warum bist du so blaß, mein Liebling?" fragte sie. als sie meiner ansichtig v/urde. Mich hatte sie besonders ins Herz geschlossen, sie war nämlich überzeugt, mir einmal als ganz kleinem Kind das Leben gerettet zu haben. „Bist du krank? Fehlt dir was? Robert, sieh mal nach, was ihm wohl sein mag." — „Er fastet", sagte mein Vater stolz. „Was? Einen so jungen Knaben iassen sie fasten? Das ist eher hartherzig. Robert, sieh doch mal nach. Wie, wenn der arme Junge krank wird?" „Ach. der . . . der kann drei Tage fasten, es wird ihm nichts geschehen. Komm her. mein Sohn, stramm stehen. Arme hochbiegen!" kommandierte er, dann drückte er mir den Oberarm und versetzte mir einen Schlag auf die Schultern, daß ich wankte. „Faste nur ruhig weiter. Kleiner." Er schnitt sich ein großes Stück Käse ab und legte es auf ein Butterbrot. ..Ihr Juden seid aber auch ein gräßliches Volk. Wenn ihr fastet, so heißt es gleich, nicht einen Bissen, nicht einen Schluck in den Mund nehmen. Wir haben ja auch unsere Fasten, doch wir nehmen es nicht so wörtlich. Wir essen höchstens kein Fleisch, kein Fett; das heißt, was mich anbetrifft, so bin ich ja bekanntlich ein arger Sünder, aber auch meine Frau, die iromme Seele, fastet nur in der Theorie, verschafft sich jedesmal eine Dispens um den Preis von einem Dutzend Vaterunser nder Ave Maria. Ihr Juden dagegen versteht keinen Spaß. Euer Gott ist ein eifersüchtiger Gott, nimmt die Sachen viel zu strenge. Und ihr Juden seid ein hartnäckiges Volk, das hat schon euer Moses gesagt." schössen und an der englischen Verwaltung kein gutes Haar gelassen. Die Engländer erfüllen, nach seiner Meinung, überhaupt nicht das ihnen vom Völkerbund übertragene Mandat, da sie keinen Judenstaat (?!) aufrichten helfen, sondern vielmehr der jüdischen Einwanderung alle möglichen Schwierigkeiten machen. Dem Sinne des Mandats entspreche nur die baldige Schaffung einer jüdischen Majorität (?!). Jabotinski versteigt sich schließlich in seinen leidenschaftlichen Anklagen zu der Behauptung, daß es die Juden ärger als unter den Engländern auch im zaristischen Rußland nicht gehabt haben. (Bewegung.) Auch über die Justiz müsse er heftig klagen: Es gibt keine Gerechtigkeit! Den Regierungsboden habe man nicht an Bauern verteilt, sondern den Arabern geschenkt, damit diese jetzt damit die Juden bewuchern! Gegen diese vehementen Angriffe wendete sich Professor Weizmann zum Schlüsse der Generaldebatte: Er wolle nichts beschönigen, könne sogar viele Klagen der Radikalen bestätigen, aber diese Vorwürfe gegen die englische Mandatsmacht seien sicherlich übertrieben. Niemand hätte es besser gemacht als gerade die Engländer. Weizmann ist also, was man ja wußte, ein guter Freund Englands, während die Arbeiterparteien, insbesondere die palästinensischen, England wegen seiner Verwaltung des Landes nicht hold sind. Das gibt immer neuen Konfliktstoff, und ob sich da die gegensätzlichen Anschauungen treffen werden, bleibt abzuwarten. Jedes Kabinett braucht Geld. Diese alte Erfahrung gibt auch den Streitigkeiten hinter den Kulissen ihr Gepräge: Das präliminierte Budget von 750.000 Pfund wird allseits als unzureichend empfunden, obwohl es eine Vergrößerung von rund 50 Prozent gegenüber den Budgets der letzten zwei Finanzjahre darstellt. Allerdings erscheint die Frage der Bedeckung seitens der zionistischen Organisation noch ziem lieh vage, um so mehr, als auch bezüglich der Leistungen der erweiterten Agency noch völlige Unklarheit besteht. Auch hier werden die nächsten Tage die notwendige Aufklärung bringen. Die Judenverfolgungen in Sowjetrußland. Der Kongreß hat sich diesmal auch in besonders leidenschaftlicher Weise mit einem Problem beschäftigt, das eigentlich abseits vom Zionismus als solchem liegt, aber dafür wirklich ein brennendes ist: die Judenverfolgungen in Sowjetrußland. Gewiß, daß diese traurige Angelegenheit gerade von dem „radikalen" Dr. Stephen W i s e, der andereits als Rabbiner eigentlich hierzu berufen ist, aufgerollt wurde, — von Rußland selbst kam nur e i n Vertreter zum Kongreß — wird nicht der politischen Nebenabsicht entbehrt haben; er wollte sicherlich mit seinen Ausführungen auch die von ihm stets be- „Jawohl, Herr Doktor, ein hartnäckiges Volk," bemerkte mein Vater, „auf uns kann sich Gott verlassen, wir halten durch." „Hm. das weiß man. Ich habe da im Städtchen ein Dutzend jüdischer Patienten, lauter alte Männlein und Weiblein, Zuckerkranke. Nieren- -und Herzleidende. Im vorigen Jahr, als der große Fasttag im Herbst herannahte, geh ich zum Rabbiner und sagte ihm: Herr Rabbiner, verbieten Sie den paar Leuten am Jörn Kippur zu fasten, sonst geschieht ihnen ein Leids. Der Rabbiner spricht: Da kennen Sie meine Juden schlecht. Wenn ich ihnen gebiete, noch ein paar Tage darüber zu fasten, werden sie ohne Murren gehorchen, aber wenn ich ihnen erlaube, am Jörn Kippur zu essen, so pfeifen sie sich eins auf mich; sie werden ihre Bücher nachschlagen, und dort steht deutlich geschrieben, daß man fasten müsse, so lange keine unmittelbare Lebensgefahr besteht. Sie kennen alle das Gesetz ebensogut wie ich . . . Unmittelbare Lebensgefahr? dachte ich mir. Das_machen wir. Sie müssen mir nämlich alle paar Tage das rläschchen bringen, zur Untersuchung, verstehen Sie mich. Ich verschreibe ihnen also eine gewisse Pille, ein ganz unschuldiges Ding. Aber die Folge war, daß sie sich eines Morgens, kurz vor Jom Kippur bei mir mit schreckensbleichen Gesichtern einfanden: das Wasser im Fläschchen war tief rot oder blau. Ich setzte eine unheilvolle Miene auf und sagte mit Grabesstimme kalt und ruhig: Es steh! schlimmt um euch; das bedeutet den Tod, es ist Lebensgefahr im Verzug, wenn ihr noch dazu am Jom Kippur fastet, sterbt ihr unfehlbar tags darauf. Sie gingen alle von dannen mit einer Miene, als hätte ich ihnen das schönste Vergnügen geraubt. Ich hoffe, euer Gott wird mich nicht zur Hölle verdammen für diesen Betrug." Er lachte aus vollem Halse über seinen Streich. Dann hob er zum Abschied Großmütterchen in die Höhe und schwang sie herum, daß sie vor Vergnügen kreischte. (Fortsetzung folgt.)