Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1929
- Issue
- Heft 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Der XVI. Zionistenkongreß. Wie bei allen Zionistenkcngressen ist es auch diesmal, obwohl rrian doch diesem XVI. Zionistenkongreß schon wegen der ihm folgenden Konstituierung des Councils der Jewish Agency seine besondere Bedeutung nicht abstreiten kann: Die Generaldebatte, die den wie immer formvollendeten Referaten von Weizmann, S o k o 1 o w und Dr. R u p p i n folgt, ergibt kein klares Bild. Kein Wunder, auch diesmal spielt sich der große Kampf hinter den Kulissen, in den Kommissionen ab. die die letzte Entscheidung treffen. Immerhin, auch in der Generaldebatte kam es zu mannigfachen Zusammenstößen, sind doch die Probleme heuer besonders gewichtige, so daß sogar mit einer Verlängerung des Kongresses bis zum 8. d. gerechnet werden muß. Sic seien hier im Spiegel der bis zur Stunde bekannt gewordenen Nachrichten kursorisch behandelt: ein geh. ier Ueberblick kann erst erfolgen, bis der Zionistenkongreß u u d der neu konstituierte Council der Jewish Agency seine Beratungen beendet, denen größte Aufmerksamkeit gezollt werden muß. Die Jewish Agency. Hier steht der Kongreß eigentlich vor einem fait accompli, obwohl Weizmann dies ableugnete. Knapp nach seiner Beendigung, am 11. August soll die Konstituierung des Councils erfolgen, für dessen nichtzionistische Hälfte bereits 23 Länder ihre Vertreter nach Zürich entsendet haben. Man muß sagen, es sind Namen von Klang unter diesen Delegierten, insbesondere Amerika hat, wie zu erwarten, seine nichtzionistische Elite geschickt. Das hindert nicht, daß gerade dieses Land von der Opposition am Kongreß die bittersten Vorwürfe erhielt. Inbesondere der Revisionist J a b o t i n s k i, dessen Rede wieder ein Meisterwerk gewesen ist, tat sich da hervor. Der Führer der amerikanischen „Federation", Mr. Golde nberg, forderte darauf sehr energisch den gebotenen Respekt für die größte jüdische Gemeinschaft der Welt, nicht nur der Zahl, sondern auch der Bedeutung nach, da sie mit ihren AlA Millionen Angehörigen in den letzten Jahren eine wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung durchgemacht haben, daß sie einen Stützpunkt bilden, nicht bloß für das Ostjudentum, sondern auch für die Westjuden in Europa, und um so mehr für die Judenheit in Palästina. Sie sind nicht geneigt, sich Dinge sagen zu lassen, wie sie in politischer Beziehung Jabotinski und auch die Vertreter der palästinensischen Arbeiterschaft vorbrachten. Zu uferlosen Experimenten allerdings, von deren Gelingen das Wohl hunderter Achtung!„Union Mitglieder und Freunde! Die 5. Praterzusammenkunft findet Bonaecstag-, 15. Auq~, 8 Wk xi&ends bei jeder Witterung im /. JCaffee&aus (Jxatet XaupiaUee) statt. Bitte, Termin in Vormerkung nehmen! Die Vereinsleitung ersucht um recht zahlreiches Erscheinen. if Menschen abhängt, geben sie ihre Zustimmung nicht. Auch Weizmann nannte die Vorwürfe gegen die Amerikaner „völlig ungerechtfertigt. Sie sind Freunde Palästinas und bringen hohe Opfer für das Heilige Land." Aber der ganze Streit mahnt doch zu sehr an Spiegelfechterei. Denn was werden schon Jabotinski und seine wenigen Anhänger mit ihrem entschiedenen Nein — Nichtantritt ihrer Gruppe in die erweiterte Jewish Agency — ausrichten? Was werden die „Radikalen" um G r ü nb a u m und Stricker mit ihrem theoretischen Nein — Eintritt in die Agency, aber Kampf innerhalb derselben für den „unverfälschten Zionismus" — bewirken? Nichts, nicht das Geringste, trotz der Hilfe, die ihnen durch ihren neuesten Anhänger, Rabbi Stephen W i s e aus New York, geworden ist, dessen Rede wie gewöhnlich eine Sensation darstellte. (Er selbst wird übrigens für die Agency stimmen.) Denn die „allgemeinen Zioniste n", das sind die unter fensterchen und mußten fest zusammenhalten, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Reb Chajkel stopfte sich eilig die heißen Kräpfchen in den Mund, verbrannte sich dabei Finger und Lippen, der weißliche Saft, rann über seineu Bart. A.ls er gesättigt war, deckte er vorsichtig die Schüssel wieder zu, tilgte die Spuren seines Tuns und schlich sich leise aus der Kammer. * _ * Vater kam aus der Mühle, die seit einigen Stunden wieder im Gange war. „Na, wie bekommt dir das Fasten, mein Sohn?" sagte er, indem er mir liebevoll die Wangen strich. „Hältst tapfer aas, das freut mich. Mußt frühzeitig erfahren, wie das schmeckt. So mancher arme Knabe in der Stadt muß sehr oft den ganzen Tag ohne Essen verbringen und hat nicht einmal die Aussicht, am Abend etwas zu sich zu nehmen." Vaters Stimme war sehr weich; ich schlang die Arme um seinen Nacken und er küßte mich auf den Mund. „Geh ins Cheder, nimm den Midrasch Echah*) zur Hand, da wird dir das bißchen Hunger schon vergehen." Er klopfte mir auf die Schulter und ging in sein Arbeitszimmer. Ich schlug den Midrasch Echah auf, und mir verging in der Tat alsbald der nagende Hunger. Mich umfing die Atmosphäre des großen Schmerzes und der tiefen Zerknirschung, die noch Jahrhunderte nach der Zerstörung des Tempels auf Morijah die Seele des jüdischen Volkes, die nimmer vergessen kann, erschütterten, und durch die Ferne der Zeiten widerhallten. Die ergreifenden Bilder des Leidens stiegen vor meinem inneren Auge auf; die sinnreichen Sprüche und der immer wiederkehrende trostvolle und felsenfeste Glaube an eine erlösende Zukunft erfüllten mich mit einer wehmütig gehobenen Stimmung, versetzten mich in eine andere Welt, weit von *) Midrasch zu den Klageliedern Jeremiae. allen gemeinen Forderungen des Leibes. Ich hätte mich geschämt, jetzt an solch niedrige Dinge zu denken, wie Butterbrot und Erdbeeren mit Rahm, während da vor meinen Augen solche Tragödien sich abspielten, die Propheten Israels sich aus ihren Gräbern erhoben und ihrem Volke von neuem die ewigen Verheißungen Gottes verkündeten . . . „Der Doktor kommt, der Doktor kommt!" tönte plötzlich an meine Ohren das fröhliche Schreien der Kinder im Garten. Alle eilten dem Doktor entgegen, der jetzt in seinem leichten Einspänner die Anhöhe zu unserem Haus hinauftrabte. Neben ihm saß seine Frau, die ihn auf allen seinen Fahrten übers Land begleitete. Es war immer eine Freude für uns alle, so oft Doktor Marski, der Bezirksarzt des nahen Städtchens, bei uns einkehrte. Er war von unerschöpflicher Fröhlichkeit, die oft in Derbheit ausartete, dann dämpfte ihn seine kleine zierliche Frau, die neben seiner herkulischen Gestalt wie ein Schulmädchen aussah. Mit seiner donnernden Stimme, die wie aus einem ungeheuren Faß zu kommen schien, herrschte er alle Welt an, polterte und stampfte mit den Füßen, wenn seine Patienten ihm nicht gehorchten. Aber hinter dieser rauhen Hülle trug er ein grundgütiges Herz. Die Juden der ganzen Urngegend sagten von ihm: er habe einen gojischen Körper, aber eine jüdische Seele. „Hu, ihr seid eine schreckliche Familie," dröhnte er ins Gastzimmer tretend, „nie ist einer von euch krank, euretwegen könnte ein armer Landarzt verhungern." ,Aber Robert, was sprichst du für häßliche Sachen." flötete seine Frau beschämt. „Sei nur still, edle Gattin, was wahr ist, ist wahr. Ach, gebt mir nur was zu essen, ich bin hungrig wie ein Wolf. Seit dem frühen Morgen fahre ich wie ein Hausierer in den Dörfern herum. Hundertachtzig Bauernkinder habe ich geimpft, versteht ihr was das heißt, meine Lieben? Jedesmal mußte ich mir die Kehle wundreden, diese Lümmel glauben nämlich, wir wollen sie verhexen, oder ihren Sprößlingen das